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Zwei Frauen mittleren Alters, beide tragen Brille, im Gespräch über Formulare, die ‎auf einem schwarzen Tisch vor ihnen liegen. Im Hintergrund ist ein Sideboard an ‎einer weißen, bilderlosen Wand und rechts ein langer Flur mit Bücherregalen zu ‎sehen.‎

Film

Der Ast auf dem ich sitze - Ein Steuerparadies in der Schweiz

Wer zahlt schon gerne Steuern? Also ist es gut, dass es Steuerparadiese in der Schweiz gibt, wo man Steuern vermeiden kann? Der Dokfilm geht dieser Frage nach - und hat gute Argumente dagegen.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland , Schweiz 2020
Datum:
Sendetermin
14.12.2020
22:25 - 00:10 Uhr

Luzia Schmid erzählt vom Aufstieg ihres Heimatortes Zug zu einer weltweit bedeutenden Steueroase. Auch ihre Familie wirkte an der profitablen Erfolgsgeschichte mit und genoss ihren Wohlstand. Doch Menschen in anderen Teilen der Welt zahlen den Preis dafür.

Die Kindheit der Schweizer Filmemacherin Luzia Schmid war geprägt von dem tollkühnen wirtschaftlichen Aufstieg ihrer Heimatstadt, an dem ihre Familie teilhatte: der Vater als Treuhänder, die Schwester als Lokalpolitikerin. Beide sind stolz auf ihre Erfolge. Doch was den Zugern Reichtum bescherte, hatte Auswirkungen von internationaler Reichweite. Der Erfolg zog dubiose Wirtschaftsanwälte, Rohstoffhändler und Neubürger an, die den Verlockungen der jahrzehntelangen Steuersenkungen erlagen. Zug wurde zu einem Zentrum des weltweiten Rohstoffhandels und dadurch auch zu einem symbolischen Ort für die großen Ungerechtigkeiten dieser Welt.

Was für negative Folgen die Ausbeutung der Rohstoffe in Drittweltländern wie Sambia hatte, führte keinen Mentalitätswandel herbei. Erstaunlich viele Zuger leben gut damit. Man lässt die Firmen gewähren. Aber man fand es empörend und juristisch wie moralisch verwerflich, als der ehemalige NRW-Wirtschaftsminister Walter-Borjans Schweizer Steuer-CDs aufkaufte und die Steuersünder stellte.

Dieser Verdrängungsleistung spürt die Regisseurin als Icherzählerin nach. Sie wandelt sich im Verlauf des Films von einer persönlich betroffenen Zeugin zu einer distanziert-kritischen Beobachterin. Sie schärft ihren Blick für das große Ganze. Denn eine Steueroase funktioniert nicht für sich allein. Sie braucht Mitspieler von außen, und sie braucht den Wettbewerb.

So erzählt der Film die Geschichte des internationalen Steuerwettbewerbes gleich mit: die Erfindung der ersten Briefkastenfirma, der Schutz des Bankgeheimnisses, die Entwicklung eines Off-Shore-Archipels. "Race to the bottom" nennt sich diese zerstörerische Bewegung, die mit den Steuerskandalen von Firmen wie Apple, Amazon und Starbucks in der Finanzkrise 2008 ihren Höhepunkt erreichte. Sie alle zahlen bis heute kaum irgendwo Steuern.

Der Dokumentarfilm "Der Ast auf dem ich sitze - Ein Steuerparadies in der Schweiz" verknüpft Themen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben, aber in einem engen Zusammenhang in unserem globalen Wirtschaftssystem stehen, das unser aller Leben bestimmt - und die Filmemacherin ist mittendrin. Sie sucht nach Antworten auf Fragen der Moral und Motivation. So wird ihr Film über den Aufstieg einer Schweizer Steueroase zur radikalen und subtilen Reflektion über Doppelmoral und kollektive Verdrängung. Es ist ein persönlicher Wirtschaftsfilm, auch für Menschen, die normalerweise den Wirtschaftsteil der Zeitungen überblättern.

Zu Wort kommen Freunde der Filmemacherin und Zeitzeugen. Sympathische Menschen, die die Chance beim Schopf ergriffen, reich zu werden, und deren Ehrgeiz es ist, findiger als andere zu sein, wovon sie bis heute profitieren. Nach und nach öffnet sich der Blick, und die Politiker, die Kritiker und die Macher erzählen, wie sie den Aufstieg von Zug bewerkstelligt und erlebt haben.

Luzia Schmid, geboren 1966, studierte in der Schweiz berufsbegleitend Journalismus. Nach mehreren Jahren beim Schweizer Rundfunk und Fernsehen als Moderatorin und Redakteurin studierte sie Regie an der Kunsthochschule für Medien in Köln, Fachbereich Film und Fernsehen. Seit 1997 ist sie freiberuflich tätig als Journalistin, Dokumentarfilmerin und als freie Dozentin im Bereich Medienarbeit. Luzia Schmid arbeitet und lebt in Köln. Zu ihren früheren Arbeiten zählen "Geschwister Vogelbach" (2004, ZDF/3sat) und "Geschlossene Gesellschaft" (2011), für den sie 2012 einen Grimme-Preis erhielt.

Luzia Schmid sitzt in weißer Bluse und mit ins Haar geschobener Sonnenbrille vor einer weißen Wand, hat eine Kladde mit Notizen auf dem Schoß und spricht mit einer ihr gegenübersitzenden Person. Neben ihr steht eine Kamera auf einem Stativ, der Arm des Kameramanns ist sichtbar.
Luzia Schmid bei den Dreharbeiten zu "Der Ast auf dem ich sitze - Ein Steuerparadies in der Schweiz"
Quelle: Bildersturm ‎Filmproduktion GmbH

Interview mit Luzia Schmid

Du widmest dich in deinem neuen Film einem komplexen Wirtschaftsthema, nämlich der Steuervermeidung und -flucht und verknüpfst es mit deiner Familiengeschichte. Wie kam es zu diesem ungewöhnlichen Konzept?

Tatsächlich beschäftigte ich mich seit meinem Abgang von der Kunsthochschule für Medien in Köln immer wieder mit dem Thema. Der erste Arbeitstitel war irgendwas mit "Erbvorbezug und Steuern". Das Verrückte ist ja, dass Zug seit 40 Jahren, also schon länger als ich politisch denke, für seine Wirtschaftspolitik verurteilt oder beneidet wird. Auch in Zug selbst ist das permanent ein Thema. Der erste - überregional wahrgenommene - Artikel über Zugs Wirtschaftspolitik war 1984 im renommierten Wirtschaftsmagazin "Bilanz" von Nikolaus Meienberg erschienen! Seither hat sich grundsätzlich nichts verändert. Die Politik blieb die Gleiche und die Kritik auch.

Mir war klar, dass wenn ich das Thema nochmal aufgreifen möchte, dann muss da ein anderer Blick darauf. Ebenso klar war mir, dass ich - und mit mir alle Zuger*innen - von dieser Politik profitiert haben. Und ich eben ganz speziell, weil wir zum Beispiel diese Firmen zu Hause hatten: Da ich mich als Teenager diffus politisch links verortete, schimpfte ich zwar über steigende Wohnungspreise reflexartig mit, aber mir ging es wie meiner Freundin Regi, die ja im Film auch sagt, dass sie die Ausmaße nicht wahrgenommen hat. Erstmal ist es ja das ganz normale alltägliche Umfeld, in dem man zu Hause ist. Man denkt ja nicht, ich wohne im Steuerparadies, weil, das hätte ja was Zwielichtiges gehabt. Das hatte Zug aber nicht. Und unser Zuhause schon gar nicht. Zumal ich ja wusste, dass mein Vater der oberkorrekteste Anwalt vor dem Herrn ist. Sich im Rahmen der Gesetze zu bewegen, war ihm oberstes Gebot. Und die Zuger*innen sind ja keine schlechteren Menschen als andere sonst irgendwo auf der Welt. Sie sind aber - wenn du so willst- "my tribe". Also war meine Motivation herauszufinden, warum ihnen die Kritik egal ist. Oder zumindest keine Konsequenzen daraus ziehen und das seit 40 Jahren!

Also fing ich an, mich mit der Ambivalenz zu befassen, die dieser Wirtschaftspolitik innewohnt, die ja die ganze Schweiz betrifft - und zwar den ganz kleinen Familienkreis wie die Gesellschaft insgesamt.

Nach welchen Kriterien hast du deine Gesprächspartner ausgewählt? Wirtschaftsfachleute, die man bei dem Thema hätte erwarten können, sind die Ausnahme.

Zuerst wollte ich Zugs Wirtschaftsgeschichte nur von unserem Haus, respektive den vier Häusern aus erzählen, die baugleich sind und quasi als Ensemble zusammengehören. Weil da alles, was zur Wirtschaftsgeschichte Zugs gehörte, drin wohnte. Der Direktor der alten vergangenen Industrie, die einst Haupteinnahmequelle in Zug war, sowie ein junger Wirtschaftsanwalt und ein Zahnarzt, die durch die internationale Klientel steinreich wurden. Aber dann merkte ich schnell, dass das zu viele Themen werden. Aber ich wollte bei dem Ansatz bleiben, dass ich Protagonisten wählte, die mit meiner Biographie zu tun haben. Der Entscheid, meine Familie zu bitten als Interviewpartner vor die Kamera zu treten, war ja kein einfacher. Daraus ergab sich aber für mich die Konsequenz, dass ich mich zumindest als Autorin auch sichtbar machen muss. Mich als Autorin quasi mehr in die Schusslinie zu begeben, und da war es dann naheliegend, dass ich meine Gesprächspartner danach auswähle, dass ich sie schon vor der Recherche kannte. Sie sollten in meiner Biographie vorkommen und maßgeblich für die Entwicklung Zugs stehen.

Bei Uster war das klar, weil er als erster linker Regierungsrat natürlich ein Meilenstein in Zugs Geschichte war. Gerhard Pfister kannte ich von einer Recherche in ganz anderem Zusammenhang und ich schätzte ihn damals als extrem offenen Gesprächspartner. Als Präsident der CVP Schweiz holt er darüber hinaus das ganze Land mit in den Blick.

Welche Funktion hat das Archivmaterial in dem Film?

Es soll die internationale Dimension reinbringen. Es ist ja ganz klar, dass Zugs Erfolg nur im Wechselspiel mit dem internationalen Steuerwettbewerb gelingen konnte. Erst bei meiner Recherche und der Auseinandersetzung mit dem Stoff ist mir klar geworden, dass die destruktive Seite des Steuerwettbewerbes darin liegt, dass es ALLE machen. Und vor allem, dass die ganz großen Player eben der Finanzplatz London und die USA sind. Wenn es nur ein paar kleine Steueroasen gäbe, hätte sich nie diese Dynamik entwickeln können, deren Resultat wir heute sehen.

Wie bist du bei der Montage vorgegangen? Und entstand der Kommentartext gleichzeitig oder erst danach?

Nachdem ich sehr lange mit dem Stoff gerungen hatte, lief der Montageprozess eigentlich recht ruhig. Die Editorin Yana Höhnerbach und ich haben uns - einem Dampfer gleich - ruhig aber stetig durch das Material gearbeitet. Erstmal war nichts verboten, dann merkten wir bald, dass wir nicht zu kleinteilig sein durften. Eine besondere Herausforderung war der Sambia-Part und die Teile über den internationalen Steuerwettbewerb, weil ich mir da ungeheuer viel Detailwissen angeeignet hatte. Das auf die wenigen Eckdaten runterzubrechen, fand ich schwierig. Aber deswegen war sehr schnell klar, erstens, dass wir einen Kommentar brauchen und zweitens, dass er parallel entstehen musste. Steuern und Steuerpolitik sind ja nicht nur ein trockenes Thema, sondern auch ein ziemlich komplexes ...

Im Verlauf des Films tritt immer mehr die Frage nach den Grenzen des kapitalistischen Wirtschaftssystem in den Vordergrund. Sägt der Film an diesem "Ast"?

Ich hoffe doch! Aber mir ist es ungeheuer wichtig, mit dem Film zu thematisieren, dass wir alle das kapitalistische System sind. Im Gegensatz zum Staatskapitalismus, wie wir ihn - mit brutaler Härte - in China sehen, hat der Marktkapitalismus zumindest den Vorteil, dass wir es in der Hand gehabt hätten und immer noch haben, Systeme zu ändern oder zumindest zu bremsen. Ich fand, es gibt genug Filme, die empört auf die Ungerechtigkeiten dieser kapitalistischen Welt hinweisen, die durch die "Mächtigen" oder das böse System verursacht werden. Ich möchte mit meinem Film herausarbeiten, dass wir alle Teil dieses Systems sind und wir alle von diesem System profitieren. Zug ist dafür einfach ein besonders krasses Beispiel. Ein Umstand, der gerne verdrängt wird. Wenn du so willst, leihe ich mich als Figur dem Film, um diese Ambivalenz, in der wir alle in der westlichen Welt leben, herauszuarbeiten.

Die ganz große Ungerechtigkeit - gerade auch im Steuerwettbewerb - liegt im Nord-Süd-Gefälle und in der Frage, wo Steuern erhoben werden. Das ist zum Beispiel auch für Deutschland ein ganz heikler Punkt. Weil ich aber zutiefst daran glaube, dass Veränderungen nur durch Überzeugung und nicht durch Anschuldigung erreicht werden können, habe ich diese Form gewählt.

Interview: Udo Bremer, 3sat

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