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Film

Shattered - Reise in eine stille Vergangenheit

Der Dokumentarfilm zeigt Pars pro Toto die Geschichte der Deprivation, Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der deutschen und europäischen Juden auf, ohne Pathos oder Moralisierung.

Produktionsland und -jahr:
Datum:
Verfügbar in
D / CH / A
Verfügbar bis:
bis 26.02.2021

Dokumentarfilmer Walter Wehmeyer gelingt es, die Schicksale der Einzelnen oder der beteiligten Familien so zu verknüpfen, als würde jemand einfach eine Geschichte erzählen - eine Geschichte, die man gern hört, auch wenn der Inhalt oft erschreckend ist.

Britta Lion beim Interview im April 2013 in ihrer damaligen Wohnung in Salem, Oregon.
Britta Lion beim Interview im April 2013 in ihrer damaligen Wohnung in Salem, Oregon.
Quelle: ORF/Walter Wehmeyer Filmproduktion.

Britta und Marianne wuchsen in Aachen auf, der Heimatstadt des Dokumentarfilmers Walter Wehmeyer. Als Filmemacher interessierte ihn ihr Schicksal, denn die beiden jüdischen Kinder mussten 1937 im Alter von neun und zwölf Jahren mit ihren Eltern vor den Nazis fliehen und nach Amerika auswandern. Ihr Vater Curt hatte in Aachen Wehmeyers Großvater kennengelernt und ihm sein Bekleidungsgeschäft "Appelrath-Cüpper" kurz vor der Flucht übertragen. Hat die geflohene Familie jemals eine Entschädigung erhalten? Konnten die beiden Geschäftsleute die alles kontrollierenden Nazibehörden, die "Arisierung" und "Reichsfluchtsteuer" umgehen?

Walter Wehmeyer recherchiert gemeinsam mit Britta und Marianne in Briefen, Fotoalben und Archiven, besucht zusammen mit den damals 85 beziehungsweise 88 Jahre alten Damen das bis heute bestehende Geschäft und begibt sich auf die Spur der jüdischen Miteigentümer, denen die Flucht vor den Nationalsozialisten nicht mehr gelungen war.

Die Geschwister sind zwei von Hunderttausenden aus Deutschland und Österreich geflohenen Juden, die ihre Heimat und viele Angehörige für immer verloren haben.

Filmemacher Walter Wehmeyer zur Entstehungsgeschichte des Films

Mein Großvater Paul Wehmeyer leitete viele Jahre lang das Geschäft “Appelrath-Cüpper“ in Aachen. Ich habe ihn sehr geachtet und gute Erinnerungen an ihn.  Als er noch lebte, fragte ich ihn nie genau nach den Umständen, unter denen er 1937 das Geschäft einer jüdischen Familie übernahm. Mein Großvater verstarb im Jahr 2000, Appelrath-Cüpper ist längst kein Familienunternehmen mehr und wurde von einer größeren Firma übernommen.

Mitgesellschafter von Appelrath-Cüpper Aachen v.l.n.r.: Ida Heimann (geflohen nach Peru), Gerda (Tochter von Carl Philipp, geflohen nach England), Karl Philipp, deportiert und ermordet, Julia Lion, ermordet in Holland.
Mitgesellschafter von Appelrath-Cüpper Aachen v.l.n.r.: Ida Heimann (geflohen nach Peru), Gerda (Tochter von Carl Philipp, geflohen nach England), Karl Philipp, deportiert und ermordet, Julia Lion, ermordet in Holland.
Quelle: ORF/Walter Wehmeyer Filmproduktion/Robert H. Horowitz Privatarchiv.

2012 begann meine Recherche. Alles begann in meiner Heimatstadt Aachen, an der deutsch-belgisch-niederländischen Grenze. Hier hatte mein Großvater das Bekleidungsgeschäft “Appelrath-Cüpper“ erworben. Einige Jahre vor seinem Tod erzählte er mir, alles sei damals korrekt abgelaufen, und die Vorbesitzer hätten sich in den USA ein neues Leben aufgebaut. Ich wollte mehr wissen.

Wie sollte ich Informationen über einen Geschäftsbesitzer gewinnen, der vor 80 Jahren aus meiner Heimatstadt floh? Beim Amtsgericht Aachen zeigte sich eine Spur im Grundbuch: Das Geschäft war seit 1909 im Besitz von Gesellschaftern mit zum Teil jüdischen Namen: Heimann, Lion, Philipp und Strauss.


Mein Onkel sagte mir, er erinnere sich an den Namen Lion und fand in seinen Akten Durchschriften zweier Briefe, die mein Großvater 1946 und 1947 an Herrn Dr. Curt Lion geschrieben hatte. Jedoch ging aus ihnen nicht hervor, in welche amerikanische Stadt die Lions ausgewandert waren.

Marianne Lion-Weil, geb. 1925 beim Interview im April 2013 in ihrer Wohnung in Fresno, Kalifornien
Marianne Lion-Weil, geb. 1925 beim Interview im April 2013 in ihrer Wohnung in Fresno, Kalifornien
Quelle: ORF/Walter Wehmeyer Filmproduktion.

Die nächsten Anhaltspunkte kamen aus dem Internet: Auf einer Seite für Familienforschung fand sich die Passagierliste eines Ozeandampfers und die Eintragung einer Familie Lion: Curt, Else, Britta und Marianne, die im Oktober 1937 ein Schiff nach Los Angeles nahmen.

Wochen später stieß ich auf eine Todesanzeige mit Foto von einem Curt Lion. In einer Denkschrift stand, dass er aus Deutschland ausgewandert war und in Oregon Bekleidungsgeschäfte aufgebaut hatte. Geschrieben hatte diesen Artikel Britta Franz-Lion, vielleicht die auf der Passagierliste eingetragene Tochter, die zum Zeitpunkt der Ausreise 9 Jahre alt war?

Im Internet tauchte ein Interview mit Britta Franz-Lion auf, die sich in der Stadt Salem im Bundesstaat Oregon in der Handelskammer und für Frauenförderung engagiert. Das musste Britta Lion sein, deren Telefonnummer auch im amerikanischen Telefonbuch stand.

Wie würde die mittlerweile 85-jährige Dame reagieren? Ein Filmemacher aus Deutschland, der Enkel von Paul Wehmeyer am Telefon – ? Es stellte sich heraus, dass Britta Lion ein großes Interesse an der Geschichte ihrer Familie hatte, und während unserer Telefonate spürten wir gegenseitiges Vertrauen. Im Laufe der nächsten vier Jahre entstand mein Film „Shattered“.

Die Recherche zeigte, dass keine Dokumente zur Übereignung des Geschäftes zu finden waren. Entscheidende Informationen ergaben sich durch ein winziges Detail. In einem Brief an Curt Lion hatte mein Großvater den Notar Heinrich Küppers in Aachen erwähnt. Im Internet fand sich ein Notar, der die Akten des verstorbenen Dr. Heinrich Küppers in Verwahrung hielt und schließlich dem Landesarchiv Nordrhein Westfalen übergeben hatte. Dort fanden sich endlich umfangreiche Unterlagen bezüglich der Übertragung von Appelrath-Cüpper.

Britta Lion mit Fotos aus den 30er Jahren, hier katholisches Kindermädchen Therese Kautz mit den Geschwistern Lion
Britta Lion mit Fotos aus den 30er Jahren, hier das katholisches Kindermädchen Therese Kautz mit den Schwestern Lion
Quelle: ORF/Walter Wehmeyer Filmproduktion.

Als ich die über 200 Seiten Aktenmaterial des Landesarchivs NRW gemeinsam mit einer Juristin durchlas ergab sich folgendes Szenario: Mein Großvater hatte das Geschäft im Jahr 1937 zur Miete übernommen. Ihm war nach Ablauf von fünf Jahren ein Vorkaufsrecht eingeräumt worden. Vor Ablauf dieser Frist überschlugen sich allerdings die Ereignisse: Die Verfolgung der Juden wurde auf allen Ebenen systematisiert. Der Zweite Weltkrieg brach aus, und mein Großvater wurde von den nationalsozialistischen Behörden aufgefordert, das Geschäft offiziell zu kaufen – freilich in Abwesenheit der Besitzer, die außer Landes geflohen waren und damit ihr Vermögen dem Staat überlassen mussten. Es wurde ein Treuhänder zur Abwicklung (Arisierung) bestimmt und der Kaufpreis durch ein Schätzungsamt festgelegt. Den weiteren dramatischen Hergang erzählt der Film.

Die Frage, welche Beträge mein Großvater den jüdischen Eigentümern vor und nach dem Krieg zukommen ließ konnten wir nur in Ansätzen beantworten, doch die Hinterbliebenen wollen diese Frage nicht stellen. Der Film begleitet eine spannende Spurensuche in die Vergangenheit und eine Begegnung zwischen Menschen, die vollkommen unvorhersehbar war.

Zum geschichtlichen Hintergrund

Zur Zeit der Machtergreifung Hitlers, 1933 leben in Deutschland etwa 500.000 Menschen jüdischen Glaubens. Das entspricht 0,77% Prozent der Gesamtbevölkerung. Am 1. April 1933 rufen die Nazis zum Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte auf, und auch Appelrath-Cüpper ist davon schwer betroffen. In der Folge emigrieren jährlich zwischen 20.000 und 80.000 jüdische Bürger*innen ins Ausland. Die lebensbedrohliche Lage wird jedoch vielen erst nach der „Pogromnacht“ des 9./10. Nov. 1938 bewusst. Insgesamt gelingt nur der Hälfte der in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden die Ausreise. Denn ab Oktober 1941 macht ein Auswanderungsverbot die Flucht nahezu unmöglich. Von den ca. 206.000 österreichischen Juden fliehen nach dem „Anschluss“ an Nazideutschland im März 1938 rund 130.000 innerhalb weniger Monate. Mit der Pogromnacht beginnt auch in Österreich die Verschleppung in Konzentrationslager.

Im Zuge der Auswanderungswelle wird die „Reichsfluchtsteuer“ ab 1933 zur Ausplünderung der jüdischen Bevölkerung instrumentalisiert. Wer seinen inländischen Wohnsitz aufgibt muss einen Großteil seines Vermögens ans Finanzamt überweisen. Die Ersparnisse werden auf Sperrkonten einbehalten und nach der Ausreise enteignet.

1938 erlassen die Nationalsozialisten zudem eine Verordnung, die es dem Staat erlaubt, jedes beliebige jüdische Geschäft aufzulösen bzw. einen Verkauf zu bestimmten Bedingungen zu erzwingen. Von all diesen Maßnahmen sind auch die Familie Lion und ihre Verwandten betroffen.

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