Film

Mitgefühl - Pflege neu denken

Sekt und Kuchen statt Medikamente: In dem kleinen dänischen Pflegeheim Dagmarsminde findet sich stets ein Grund zum Anstoßen: ob Geburtstage, Hochzeitstage oder Abschiede für immer.

Produktionsland und -jahr:
Dänemark , Deutschland 2021
Datum:
Verfügbar in
D / CH / A
Verfügbar bis:
bis 27.12.2022
Ton
AD

Das Konzept ist so einfach wie spektakulär. Die Gründerin May Bjerre Eiby nennt es "Umsorgung": Berührungen, Gespräche und Freude am Zusammensein wie auch am Erleben der Natur – eher eine Wohngemeinschaft als ein Seniorenheim.

Auch wenn die Bewohner am Frühstückstisch im dänischen Heim Nordseeland oft wieder vergessen haben, wo sie sind und ob ihr Ehepartner noch bei ihnen ist, holt sie der liebevolle Umgang des Pflegeteams immer wieder ins Hier und Jetzt.

In ihrem einfühlsamen Dokumentarfilm zeigt die Regisseurin Louise Detlefsen am Beispiel eines einzigartigen, auf Privatinitiative der Krankenschwester May Bjerre Eiby gegründeten Pflegeheims ein revolutionäres, Mut machendes Langzeitpflegekonzept. Dabei stellt sie mit Humor und Zärtlichkeit brandaktuelle Fragen nach der Art, wie wir leben, altern und sterben wollen und nicht zuletzt, was wir uns für unsere Angehörigen wünschen.

"Mitgefühl - Pflege neu denken" gewährt einen ebenso warmherzigen wie inspirierenden Blick in den Alltag von Menschen mit Demenz und in eine Welt, in der die Kraft menschlicher Nähe kleine Wunder zu bewirken vermag. Ein Plädoyer für ein würdevolles und glückliches Lebensende.

Louise Detlefsen, geboren 1971, machte 1996 ihren Abschluss an der dänischen Journalistenschule und arbeitet seit 2000 als Dokumentarfilmregisseurin. Sie steht für Dokumentarfilme, denen es gelingt, ein breites Publikum anzusprechen und zu Diskussionen anzuregen. Ihre Filme drehen sich häufig um die Kraft von Gemeinschaften und zeichnen sich durch eine starke Solidarität mit den Protagonisten sowie eine besondere künstlerische Handschrift aus.

Ihr Debütfilm "From Barbie to Babe" über eine erste Liebe, die sich über SMS-Nachrichten manifestiert, wurde 2003 auf dem "International Documentary Film Festival Amsterdam" uraufgeführt, und auch ihr Dokumentarfilm "Fat Front" feierte 2019 seine internationale Premiere auf diesem renommierten Festival. Er begleitet vier junge Frauen, die als Body-Positivity-Aktivistinnen für mehr Akzeptanz und Diversität kämpfen. "Fat Front" hatte große internationale Resonanz und war in Deutschland auf dem Dokumentarfilmfestival München zu sehen.

Darüber hinaus gewann Louise Detlefsen Preise wie 2014 den Bent-Award auf dem "MIX Copenhagen"-Filmfestival mit dem Film "Love Birds" und 2007 den Preis für die beste Dokumentarserie auf dem TV-Festival mit der Fernsehserie "My Best Teacher".

Interview mit Louise Detlefsen und Jürgen Kleinig

Wie sind Sie auf das ungewöhnliche Altersheim "Dagmarsminde" gestoßen?

Montage zweier Porträtfotos: Links Louise Detlefsen, sie trägt einen Pullover im Norwegerstil und steht mit verschränkten Armen und in die Kamera lächelnd vor Birken in einem Waldstück. Rechts Jürgen Kleinig, er trägt ein dunkelblaues Oberhemd und steht in die Kamera lächelnd in einer Loft-artigen Halle.
Regisseurin Louise Detlefsen und Filmproduzent Jürgen Kleinig
Quelle: Per Frederik Skiöld, Anne Linnig

Louise Detlefsen: Bei einer Autofahrt habe ich einen Radiobeitrag über Dagmarsminde mit einem Interview mit May Eiby gehört, das hat mich neugierig gemacht! Ich habe dann Kontakt aufgenommen und habe Dagmarsminde besucht. May war sofort interessiert und hat uns ihr Haus und ihr Herz geöffnet. Ich hätte mir vorher nicht vorstellen können, einmal einen Film über ein Altersheim machen zu wollen, aber dieser Ort, die Mitarbeiterinnen, die Philosophie und der Umgang mit den Bewohnern haben mich sehr fasziniert.

War es schwierig, die alten und kranken Menschen vor die Kamera zu bekommen, wie haben sich die Familienangehörigen zu dem Projekt gestellt?

Louise Detlefsen: Anfangs waren die Angehörigen eher skeptisch, aber gemeinsam mit May konnten wir sie fast alle überzeugen. Nur wenige der Angehörigen wollten selbst nicht vor die Kamera, aber schließlich haben alle zugestimmt, dass wir die Bewohner uneingeschränkt filmen können. Natürlich mit dem gebotenen Respekt unsererseits. Mit den Bewohnern war es jedes Mal ein Neuanfang. Die meisten hatten schon nach wenigen Tagen vergessen, dass wir an einem Film arbeiten. So hat es jedesmal ein wenig gedauert, bis sie sich an uns gewöhnt hatten. Hier hat uns das Team von Dagmarsminde sehr unterstützt, sie haben ihre kleinen Tipps und Tricks im Umgang mit den Bewohnern.

Können sich dieses dänische Idyll nur die besser Betuchten leisten?

Louise Detlefsen: Nein, keineswegs. Die Kosten orientieren sich am dänischen Durchschnitt und es wird auch bewusst auf eine gute soziale Mischung geachtet. Es ist ähnlich wie in Deutschland, es gibt eine Zuzahlung zu den Krankenkassenleistungen, die bei ärmeren Betroffenen von den Sozialleistungen abgedeckt werden.

Sie sind als deutscher Produzent in den Film eingestiegen, Herr Kleinig. Glauben Sie, dass ein solches Konzept auch in Deutschland möglich wäre?

Jürgen Kleinig: Das war für uns eine der entscheidenden Fragen von Anfang an. Wenn Dagmarsminde nur eine schöne Utopie wäre, die sich nicht auf Deutschland übertragen lässt, hätte es für uns keinen Sinn ergeben, den Film zu produzieren! Natürlich ist soetwas auch in Deutschland möglich und alternative Modelle werden auch gelebt. Natürlich in verschwindend geringer Zahl, aber es gibt sie! Daher haben wir ergänzend zu "Mitgefühl - Pflege neu denken" eine weitere Dokumentation mit positiven Ansätzen und Beispielen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz produziert: "Problemfall Demenz - Neue Wege in der Pflege", ebenfalls am 28. September 2022 auf 3sat.

Was müsste sich ändern?

Jürgen Kleinig: Ich sehe drei Hauptbaustellen im deutschen Pflegesystem: 1. In Deutschland sind 43 Prozent der Pflegeheime in privater, gewinnorientierter Trägerschaft, bei den ambulanten Diensten sogar 67 Prozent. Es kann nicht sein, dass mit unseren älteren Mitbürgern Gewinn gemacht wird! Das geht auf Kosten der Betroffenen, der Angehörigen und des Pflegepersonals! In anderen Ländern bekommen beispielsweise nur gemeinnützige Unternehmen die Zuschüsse von den Krankenkassen. 2. Wir haben ein deutlich höheres Gesundheitsbudget in Deutschland als in Dänemark, trotzdem wird dort ein höherer Anteil für die Altenpflege ausgegeben. Bei unserem Gesundheitssystem sind aber die Medikamentenkosten um ein Vielfaches höher, was wohl an der starken Pharmalobby liegt. Ein weiterer Punkt ist der, dass unser Gesundheitssytem kostenorientiert ausgerichtet ist, in anderen Ländern bedarfsorientiert, das heißt, es ist an den Bedürfnissen der Patienten und Pflegebedürftigen ausgerichtet. 3. Der Pflegeberuf muss attraktiver und die Ausbildung verbessert werden. Weit verbreiteter Niedriglohn, illegale Beschäftigung vor allem bei der familiären Pflege, Personalmangel und ein allgemein schlechter Ruf des Pflegeberufs deuten auf einen grundsätzlichen Missstand hin, der angesichts der demographischen Perspektive dringen angepackt werden sollte!

Interview: Nicole Baum

Stab

  • Regie - Louise Detlefsen
  • Autor - Louise Detlefsen
  • Kamera - Per Fredrik Skiöld
  • Musik - Jonas Colstrup

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