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"Lucica und ihre Kinder": Eine junge Frau sitzt auf einer Bank in einem Innenraum. Neben ihr sitzen vier Kinder im Alter von zwei bis acht Jahren.

Film

Lucica und ihre Kinder

Lucica, 29, lebt mit ihren sechs Kindern im Alter von zwei bis 13 Jahren in einer Einzimmerwohnung in der Dortmunder Nordstadt. - Ein Dokumentarfilm über den Alltag einer Familie in Not.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2018
Datum:

Die Filmemacherin Bettina Braun hat Lucica und ihre Kinder anderthalb Jahre lang begleitet und ist dabei zur einer Vertrauten der Familie geworden. So geriet sie als Dokumentaristin in einen Zwiespalt von Geben und Nehmen: Nähe schafft Verbindlichkeit.

Lucica stammt aus Rumänien. Als Arbeitsmigrantin hat sie in Frankreich und England gelebt, bevor sie vor fünf Jahren nach Deutschland kam. Fünf ihrer sechs Kinder hat sie nach und nach zu sich geholt, damit sie in Deutschland zur Schule gehen können. Auch ihr ältester Sohn, der zunächst noch bei den Großeltern in Rumänien lebte, konnte schließlich zu ihr kommen. Lucicas Mann wurde in Deutschland straffällig und nach drei Jahren Haft nach Rumänien abgeschoben. Eine Einreise ist ihm nun für fünf Jahre nicht gestattet.

Lucica steht in der Küche
Lucica muss sich und ihre sechs Kinder alleine versorgen.
Quelle: Bettina Braun Filmproduktion

Das bedeutet für die alleinerziehende Mutter und auch die Kinder, sich täglich großen Herausforderungen zu stellen: Probleme mit dem Stromversorger und den Nachbarn, die Anforderungen der Schule und Sprache. Auch das lang erwartete Wiedersehen mit Ehemann Daniel nach dessen Haftentlassung und Abschiebung in Rumänien zieht unerwartete Probleme nach sich.

Die Lage spitzt sich noch mehr zu, als Lucica nach ihrer Rückkehr nach Deutschland der Strom abgestellt wird und ihre jüngste Tochter in Rumänien bleiben muss, weil das Geld für notwendige Papiere fehlte. Die Kamera ist immer nah dabei, und die Regisseurin Bettina Braun wurde in dieser Zeit von der Beobachterin zur wichtigen Bezugsperson der Familie. Ein Prozess, mit dem sie sich als Dokumentaristin (selbst)kritisch auseinandersetzen musste und den sie in ihrem Film auch erzählt: Wer braucht hier eigentlich wen, und für was?

"Lucica und ihre Kinder" ist eine "Heldinnen"-Reise mit Brüchen und tiefen Einblicken sowohl in eine von großer ökonomischer Not geprägte Lebensrealität als aber auch in das bedingungslose Miteinander der Familie. Der Film wurde 2018 auf zahlreichen Festivals gezeigt und auf dem Film Festival Cologne mit dem Filmpreis NRW für den Besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Die Position der Filmemacherin wird zum Dilemma

Die Regisseurin über ihren Film: "Die meisten meiner Filme handeln von Identität und Zugehörigkeit. Die Nähe zu meinen 'Protagonisten' prägt dabei meine Filme. Diesmal jedoch, mit Lucica, einer alleinerziehenden Mutter aus Rumänien als 'Hauptfigur', und mit der Armut, vor allem ihrer Kinder konfrontiert, wurde meine Position für mich zum Dilemma. Wo sind meine Grenzen als Mensch und als Filmemacherin? Es kommt zu Reibungen zwischen mir und der Mutter Lucica, die das Sprachrohr der Familie ist und in mir zunehmend eine Chance für die Verbesserung ihrer Lebenssituation sieht. Ich habe die Notwendigkeit empfunden, dieses 'Ringen miteinander' im Film transparent zu machen. Es steht für mich für die Herausforderungen unserer Gesellschaft, die mit Migration verbunden sein können, und für den möglichen Zwiespalt zwischen humanitärer Haltung und miteinander erlebten Hürden. Der Filmschnitt war ein langer Prozess, um eine ausbalancierte Erzählposition zu finden, die meine Schwierigkeiten mit einbezieht, ohne eine über Allem stehende Werteinstanz zu beanspruchen."

Die Kölner Filmemacherin Bettina Braun realisiert seit 15 Jahren Dokumentarfilme und wurde bereits vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Adolf-Grimme-Preis für die Trilogie "Was lebst du?", "Was du willst" und "Wo stehst du?". Ausgebildet an der Kunsthochschule für Medien in Köln (KHM), arbeitet Bettina Braun als freie Regisseurin, Kamerafrau und Produzentin erfolgreich für öffentlich-rechtliche Sender und unterrichtet Dokumentarfilm an verschiedenen Instituten.

Interview mit Bettina Braun

Du kennst Lucica und ihre Kinder schon einige Jahre. Über den zweitältesten Sohn Stefan hattest du 2015 einen kurzen Dokumentarfilm für die WDR-Reihe "Nordstadtkinder" gemacht. Wie hast du die Familie seinerzeit kennengelernt, und warum hast du dich entschieden, einen langen Film mit ihnen zu machen?

Ich habe die Familie über eine soziale Einrichtung kennengelernt. Ich suchte nach einem "mittleren" Kind in einer kinderreichen Familie, und es war gar nicht mein vornehmliches Ziel, einen Film über Migration zu machen. Als ich dann Stefan und seine Familie kennenlernte, stimmte die Mischung von dem, was ich als erzählenswertes Thema sah und "das Gefühl".

Bettina Braun
"Die meisten meiner Filme handeln von Identität und Zugehörigkeit", sagt Regisseurin Bettina Braun.
Quelle: Angelika Huber

Als Thema stand für mich die Frage im Vordergrund, wie wir es als Gesellschaft schaffen können, diese Kinder so einzubeziehen, dass sie - auch später als Erwachsene - ein würdevolles Leben hier leben können. Auch im Sinne eines Spiegels der Gesellschaft: Einige Fähigkeiten, die die Menschen mitbringen, scheinen hier keinen Wert (in diesem Zusammenhang passt das Wort "Nutzen" sogar besser) zu haben.
Zum "Gefühl": Das ist etwas, was sich nicht vornehmlich analytisch erklären lässt. Ich fühle mich zu den Menschen hingezogen, meine Fantasie, was ich alles mit ihnen drehen beziehungsweise über sie erzählen möchte, wird angeregt, und ich spüre, dass es sich um Menschen handelt, die vor der Kamera offen mit ihrem Leben umgehen, ohne dabei an Würde zu verlieren.

Nachdem ich den kurzen Film über Stefan fertiggestellt hatte, gab es mehrere Gründe, warum ich noch einen weiteren Film über die Familie machen wollte. Zunächst wusste ich, dass im folgenden Jahr Einiges ansteht: Der Vater wurde aus dem Gefängnis entlassen, der älteste Sohn nach Deutschland geholt und für Stefan stand die wichtige Entscheidung zur weiterführenden Schule an. Ich hatte aber auch das Gefühl, dass ich erst angefangen hatte, mich in den Kosmos der Familie zu begeben. Ich wollte tiefer eindringen, mehr erfahren, hatte Lust und war inspiriert, noch mehr Zeit mit der Kamera in der Familie zu verbringen. Die prekäre Lebenssituation der Familie war natürlich auch ein Grund. Diese Lebensrealität in Deutschland wollte ich sichtbar machen.

Deine Dokumentarfilme leben alle von der großen Nähe, die du zu deinen Protagonisten herstellen kannst. Bei diesem Film bist du dabei nun auf besondere Herausforderungen gestoßen. Wie bewusst war dir das, als du mit dem Dreh begonnen hast, und auf was warst du gar nicht vorbereitet?

Wie gesagt, ich wusste ja um ihre schwierige Situation und wie sehr die Familie sich "auf Messers Schneide" bewegte. Was das für mich und die Dreharbeiten bedeuten könnte, war mir auch bewusst, aber ich wollte das zum Zeitpunkt des Drehbeginns nicht zu Ende denken. Weil ich ja auch keine Lösung parat hatte. Es gab für mich keine klare Regel in die eine oder anderer Richtung, die ich mir hätte auferlegen und guten Gewissens befolgen können. Also habe ich es auf mich zukommen lassen. Ich habe aber schon zu Beginn der Dreharbeiten über die Fragen und das Dilemma, in das ich verstrickt wurde, zu schreiben begonnen. Mir war klar, dass dies ein Teil des Films werden würde.

Im Film wird auch erzählt, dass deine Protagonisten von dir Geld erhalten. Das ist eine nicht unübliche Praxis in der Dokumentarfilm-Produktion, die aber auch immer wieder kritisch diskutiert wird. Wo verlaufen bei diesem Thema für dich als Dokumentaristin die Grenzen?

Grundsätzlich ist es für mich erst einmal eine Frage der Gemengelage. Ich gehe davon aus, dass wir beide - vor und hinter der Kamera - etwas voneinander wollen. Die Gründe für Protagonisten, bei einem solchen Film mitzumachen, können mannigfach sein; manchmal spielt Geld überhaupt keine Rolle, manchmal schon. Wie viel oder wenig Geld fließt, beziehungsweise ich für richtig halte oder bereit bin, zu geben, kann sich von Film zu Film und mit der jeweiligen Lebenssituation und dem jeweiligen Verhältnis Filmemacher/Protagonist ändern. Und - wie mein Film ja erzählt - können sich die Parameter auch während des Drehzeitraums ändern. Die Grenzen verlaufen für mich an der Stelle, wo Geld zum (fast) ausschließlichen Grund und Antrieb wird, beim Film mitzumachen. Wenn ich den Eindruck habe, dass sich die Menschen vor der Kamera, nur um im Film zu sein und damit an das Geld zu kommen, verbiegen. Dann ist das nicht mehr die Wirklichkeit, die ich für erzählenswert halte.

Es wäre ein vermeintlich Leichtes gewesen, Schwierigkeiten, die das Projekt im Laufe seines Entstehungsprozesses mit sich brachte, im Film durch einen Kommentar aus dem Off transparent zu machen und zu erklären. Du hast dich bewusst gegen diese Option entschieden, warum?

Ich habe im Schnitt lange Zeit mit einem persönlichen Off-Text gearbeitet, in dem ich meine Gedanken, Fragen und Gefühle während der Drehzeit zum Ausdruck gebracht habe. Die Hauptgründe, mich gegen den Off-Text zu entscheiden, waren: Der Film begleitet die Familie, nicht mich. Das Interesse an mir, der Filmemacherin, an meinem Hintergrund und Überlegungen, stellte sich nicht ein. Zumindest nicht über das hinaus, was sowieso im Material steckte und darüber im Film erzählt wurde. Es war interessant und erstaunlich zu sehen, wie viel Macht sich die Ebene des gesprochenen Wortes über den Rest des Materials ausgenommen hat. Selbst leise und zurückhaltend formuliert, beanspruchte diese Erzählebene eine fast unantastbare Werteinstanz. Das wurde möglicherweise dadurch verstärkt, dass die porträtierte Familie schlecht Deutsch spricht und ihre "Kultur" weniger "sprachgewaltig" ist. Meine Sprache aus dem Off hätte die sehr starke non-verbale Kommunikation und das Miteinander der Menschen vor der Kamera erstickt.

Der Film endet auf eine Art hoffnungsfroh. Weißt du, wie es der Familie seither ergangen ist? Wie haben sich die Kinder weiterentwickelt?

Was Lucica in der Zeit, in der sie mit ihren Kindern in Deutschland ist, erreicht hat, ist, gemessen an ihrem Umfeld, schon eine kleine Erfolgsgeschichte. Trotzdem hat sich nach Abschluss der Dreharbeiten Einiges eher zum Schlechten entwickelt. Alex ist immer wieder in Konflikt mit der Polizei geraten, und so hat Lucica ihn zurück nach Rumänien geschickt. Das macht mich traurig, denn ich glaube, Alex hat einiges Potential in sich.

Was mich aber besonders bedrückt ist, dass Stefan die Schule geschmissen hat. Wo er in der Grundschule noch das ein oder andere Erfolgserlebnis hatte, ist er in der Hauptschule tagtäglich Erfahrungen des Scheiterns und des Misserfolgs ausgesetzt gewesen. Das hält auf Dauer keiner durch. Das hat meines Erachtens auch mit dem Erwachsenwerden zu tun. Je älter er wurde, desto weniger hat er seine eigene Leistung aus einem subjektiven Empfinden beurteilt und sich mehr im direkten Vergleich zu Anderen eingeordnet. Hinzu kam die Pubertät. Auch er hat Deutschland nun zunächst verlassen, wann er zurückkommt, weiß ich gerade auch nicht.

Ich beobachte, dass Lucica und die Kinder, sobald es schwierig wird, das Vertrauen in unser System verlieren. Sie ziehen sich dann auf die Regeln und Strukturen ihrer Herkunft zurück. Dort empfinden und erleben sie Verlässlichkeit, so wie sie sie kennen. Das ist menschlich, kann aber zu Schwierigkeiten und Konflikten in und mit unserer Gesellschaft führen.

Interview: Katya Mader, Filmredaktion 3sat, 25.02.2019

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