Film

Köy

Neno, Saniye und Hêvîn sind drei kurdische Frauen aus drei Generationen. Alle stammen ursprünglich aus der Türkei und leben in Berlin. Welcher Ort ist für sie Heimat?

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2021
Datum:
Verfügbar in
D / CH / A
Verfügbar bis:
bis 06.02.2023

Die Autorin Serpil Turhan hat über drei Jahre hinweg intensive Gespräche mit Neno, Saniye und Hêvîn geführt. Vor dem Hintergrund der politischen Veränderungen in der Türkei erzählt "Köy", welche Entscheidungen die drei Frauen für sich treffen.

Neno, Saniye und Hêvîn sind Kurdinnen aus drei Generationen. Neno ist die Großmutter der Regisseurin. Sie ist Mutter von elf Kindern und pendelt zwischen Deutschland und der Türkei. Das politische Geschehen in der Heimat verfolgt sie mit einer klaren Haltung.

Saniye betreibt ein kleines Kiez-Café in Berlin und träumt davon, eines Tages in ihrem Geburtsort in der Türkei zu leben. Sie erkennt, dass sie bereit sein muss, Risiken einzugehen, wenn sie in ein Land der politischen Unruhen und Krisen zurückkehren möchte.

Hêvîn, die jüngste Protagonistin, will Schauspielerin werden und ist politisch aktiv. Doch während ihres Studiums hat sie nicht mehr viel Zeit für den Kampf gegen die Unterdrückung der kurdischen Minderheit.

Neno, Saniye und Hêvîn begegnen sich im Film nicht, doch in ihren gemeinsamen Fragen nach Selbstbestimmung und Zugehörigkeit verknüpfen sich ihre Geschichten. Ein vielschichtiger Film über die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Heimat und Sicherheit – und über die Freiheit des Ichs.

Serpil Turhan über ihren Film "Köy" (türkisch für "Dorf"): "In den letzten Jahren verfolgte ich intensiv die politische Entwicklung in der Türkei, und meine Ambivalenz zum Herkunftsland meiner Familie wuchs. Die zunehmende Unterdrückung von Andersdenkenden und ethnischen Minderheiten berührte mich, und ich konnte mich nicht distanzieren von dem, wie sich das Land gesellschaftlich und politisch entwickelte. Ich versuchte, eine Haltung zu finden, und realisierte, dass es mir alleine nicht gelang. Es war für mich notwendig, mit Menschen zu sprechen, die eine Verbindung wie ich zur Türkei hatten und die politische Entwicklung aus der Ferne beobachteten. Durch die vielen Gespräche ist die Idee gereift, einen Film zu machen über dieses Erleben aus der Distanz.

In 'Köy' erzählen drei kurdischstämmige Frauen von ihren Gedanken und Erfahrungen. Ausgehend davon, welche Wirkung die Veränderung in der Türkei auf sie hatte, ging es in unseren langen Gesprächen immer mehr um allgemeine Fragen zur kurdischen Identität und Zugehörigkeit. Bei allen spürte ich eine Sehnsucht, die ich selber in mir trug. Ich fragte mich, worin die Suche nach Identität besteht und worin sie ihren Ursprung hat? Auch die Frage nach Selbstbestimmung war in unseren Gesprächen ein zentrales Thema, denn jede traf wichtige Entscheidungen, die ihr Leben innerhalb der Drehzeit veränderte."

"Köy" war der Eröffnungsfilm der Duisburger Filmwoche 2021.

Serpil Turhan wurde 1979 in Berlin geboren. Zwischen 1997 bis 2005 spielte sie als Hauptdarstellerin in mehreren Kinofilmen von Thomas Arslan und Rudolf Thome. Von 2001 bis 2004 studierte sie Theaterwissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeitete anschließend als Regieassistentin für verschiedene Regisseure.

Parallel begann sie, selbst Dokumentarfilme zu drehen, und studierte bei Thomas Heise im Studiengang Medienkunst/Film an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. 2013 legte sie mit dem Dokumentarfilm "Dilim Dönmüyor – Meine Zunge dreht sich nicht" ihr Diplom ab. Ihr erster abendfüllender Dokumentarfilm nach dem Studium, "Rudolf Thome – Überall Blumen", feierte seine Premiere 2016 in der Sektion Forum der Berlinale.

Seit 2019 ist Serpil Turhan Gastprofessorin an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

Interview mit Serpil Turhan

Porträtaufnahme von Serpil Turhan, die mit verschränkten Armen im Freien steht und in die Kamera schaut
Serpil Turhan

Du hast zu allen Protagonistinnen deines Films "Köy" eine persönliche Verbindung. Neno ist deine Großmutter, Saniye eine Freundin von dir und Hêvîn die Tochter einer deiner Freundinnen. Wie wichtig war es für dich, diesen Film mit dir schon vertrauten Menschen zu machen?

Die persönliche Verbindung ist bei allen drei Frauen unterschiedlich gewesen. Hêvîn und Saniye kannte ich nur aus der Ferne. Wir hatten ein paar wenige Begegnungen und Gespräche. Die Nähe zu ihnen entstand erst während den Dreharbeiten. Beide haben eine Aura und Kraft, die mich sehr beeindruckte. Saniye lernte ich in ihrem Café kennen und wir hatten sofort eine Verbindung zueinander, die ich vertiefen wollte. Hêvîn kannte ich nur aus der Distanz über ihre Mutter und beobachtete in einigen Begegnungen, dass sie eine besondere Persönlichkeit hatte. Sie war sehr reflektiert und hatte eine Furchtlosigkeit, die mich faszinierte. Ich hatte das Glück, dass sich beide auf den Film eingelassen und mir ihr Vertrauen geschenkt haben, obwohl wir uns noch nicht gut kannten.

Bei Neno war die Ausgangssituation eine andere. Sie ist meine Großmutter und sie war immer sehr wichtig in meinem Leben. Ich hatte 2011 bereits mit ihr für meinen Abschlussfilm "Dilim Dönmüyor - Meine Zunge dreht sich nicht" gedreht. Ich bewunderte sie für ihren offenen und starken Charakter. Es war mir wichtig, noch einmal mit ihr zu drehen und ihr einen Raum zu geben, um von ihren Gedanken und Erinnerungen zu erzählen. Grundsätzlich ist mir immer wichtig, dass ein gegenseitiges Vertrauen zu meinen Protagonistinnen existiert. Das ist für mich die Basis gemeinsam einen Film zu drehen.

Im Film begleitest du die drei Frauen über drei Jahre. Wusstest du schon von Beginn an, dass "Köy" eine Langzeitbeobachtung wird oder was gab den Ausschlag dafür?

Ursprünglich war der Drehzeitraum auf maximal ein Jahr rund um das Verfassungsreferendum 2017 und die Präsidentschaftswahlen 2018 in der Türkei angesetzt. Der Fokus des Films lag zu Beginn auf der politischen Entwicklung in der Türkei und ihre Auswirkungen auf das Leben der drei Frauen hier in Berlin. Über die intensiven Gespräche und Beobachtungen mit den Protagonistinnen in ihrem Alltag wurde jedoch deutlich, dass der Fokus des Films sich im Laufe dieser Zeit veränderte und in den Hintergrund rückte. Es ging neben ihren Gedanken zu den politischen Veränderungen in der Türkei immer mehr um Fragen ihrer kurdischen Identität und Zugehörigkeit und um ihre Selbstbestimmung im Leben.

Alle drei Frauen standen an einem Wendepunkt. Sie trafen Entscheidungen, die ihr Leben in dieser Phase veränderten. Hêvîn beispielsweise entschied sich gerade für ein Schauspielstudium und musste realisieren, dass sie keine Zeit mehr für ihre politische Aktivität hatte. Ihren Prozess zu begleiten war sehr wertvoll für mich. Auch bei Saniye und Neno veränderten sich die Lebensumstände auf besondere Weise in eine neue Richtung, die ich weiter beobachten wollte. Gemeinsam mit meiner Produzentin Barbara Groben, die das gedrehte Material und die Entwicklung jeder Protagonistin sehr gut kannte, entschieden wir den Drehzeitraum zu verlängern.

Als Neno dann 2019 verstarb und in ihr Dorf überführt wurde, Saniye ein paar Tage zuvor in ihr Dorf für unbestimmte Zeit reiste, war der Dreh auf natürliche Weise mit beiden beendet. Als Hêvîn einige Zeit später während ihres Studiums ein Engagement an der Schaubühne Berlin bekam, war auch das ein neuer Abschnitt in ihrem Leben und der Dreh mit ihr beendet.

Hast du bei der Entwicklung des Films auch darüber nachgedacht, selbst als Protagonistin vor die Kamera zu treten?

Mir war von Anfang an klar, dass ich nicht selbst vor der Kamera agieren möchte. Dennoch wusste ich, dass durch die Interaktion mit Hêvîn, Saniye und Neno und unsere langen Gespräche auch ich als Person im Film präsent sein würde. Ich war mir auch bewusst darüber, dass ich vor allem bei den Gesprächen mit Neno am stärksten spürbar sein werde, weil in unserem Dialog eine Nähe und Dynamik existiert, die Teil unserer Beziehung war. Es war zu keinem Zeitpunkt zusätzlich nötig mich inszeniert ins Bild zu bringen.

Der Film baut vor allem auf die Gespräche mit den drei Frauen auf. Es gibt nur wenige beobachtende Szenen, in denen sie in ihrem Alltag begleitet werden. Wie kam es in der Montage zu dieser Gewichtung?

Die Gespräche mit den Protagonistinnen waren bereits in der Entwicklung und Vorbereitung von "Köy" für mich das Zentrum und Herzstück des Films. Ich war daran interessiert, von den Lebenserfahrungen, Einstellungen und Gedanken der drei Frauen durch unsere Gespräche zu erzählen. Für diese Begegnung, den Dialog und die Reflexion wollte ich einen intimen Raum schaffen. Einen Raum, in dem wir uns lange und ehrlich über unsere Sehnsüchte, Ängste, Bedürfnisse und Hoffnungen austauschen konnten.

Gemeinsam mit der Cinematografin Ute Freund konzentrierten wir uns bei den Dreharbeiten immer als erstes auf die Aufnahmen der Gesprächssituation. Alle weiteren Aufnahmen von Beobachtungen und Interaktionen folgten nach dem Dialog. Für die Montage waren dann diese Gespräche die Grundlage für den Bau der Dramaturgie. Die Konzentration lag vollständig auf den Erzählungen und dem Text, der durch die Transkriptionen entstanden ist. Gemeinsam mit der Co-Autorin Eva Hartmann haben wir uns intensiv mit den Transkriptionen auseinandergesetzt und eine Auswahl an Texten herausgearbeitet, die für die weitere Montage mit Simon Quack und Eva Hartman wichtig war.

Wie hat sich deine eigene Identität oder Identifikation als Kurdin verändert, seitdem "Köy" gedreht wurde und erschienen ist?

Das Thema meiner kurdischen Identität und Zugehörigkeit beschäftigt mich immer wieder, natürlich nicht durchgehend, sondern in unterschiedlichen Lebensphasen. Das wird vermutlich immer so sein und hat seine Gründe, die mit meiner Sozialisation und meinen Erfahrungen zu tun haben. Mir geht es heute nicht mehr um die Fragen, wo ich hingehöre oder was ich antworten kann auf die Frage, woher ich komme. Vielmehr geht es um meine inneren Prozesse und mein Verhältnis zur Türkei, zu bestimmten Menschen und Orten, die eine prägende Rolle in meinem Leben gespielt haben.

Die drei Jahre Dreharbeiten von "Köy" waren natürlich auch ein Prozess für mich. Der Austausch mit Hêvîn, Saniye und Neno hat mir neue Perspektiven auf meine eigene Identität gegeben. Das besondere mit allen drei Frauen war, dass ich mich in jeder von ihnen gespiegelt habe und mich ihre Erfahrungen enorm bereichert haben. In gewisser Weise habe ich durch den Film auch meine Angst verloren. Die Idee "Köy" zu realisieren war ja geboren aus meiner eigenen Unsicherheit, wie wir aus der Distanz mit der politischen Situation in der Türkei umgehen sollen. Es hat mich zeitweise sehr beschäftigt und belastet. Davon habe ich mich in Teilen durch den Film befreit, denn andere Themen wurden für mich wichtiger. Meine Ambivalenz zur Türkei wird vermutlich immer bleiben, aber ich habe einen neuen Weg gefunden damit umzugehen.

In "Köy" sprechen du und die Protagonistinnen immer wieder über die politische Situation in der Türkei. Hattest du Bedenken, deswegen Probleme zu bekommen? Welchen Einfluss hatte das auf deine Herangehensweise im Film?

Meine Produzentin Barbara Groben und ich haben immer wieder darüber gesprochen, was der Film für Konsequenzen für uns alle haben könnte. Ich hatte nicht das Gefühl, dass wir etwas an der Herangehensweise des Films verändern müssen, sondern, dass wir uns alle bewusst darüber sein müssen, dass es ein Risiko gibt. Hêvîn, Saniye und Neno sind starke und mutige Frauen, die sehr offen und fruchtlos in den Gesprächen über ihre politische Haltung und Gedanken sprechen konnten. Für mich war es sehr wichtig, dass wir alle nicht befangen oder gehemmt waren in diesen Gesprächsräumen.

Es gab Ereignisse während des Drehs, die mich natürlich auch verunsichert haben. Beispielsweise der Moment, als Hêvîn mir von ihrem Vorhaben berichtete, als Wahlbeobachterin zu den Präsidentschaftswahlen in die Türkei zu fliegen. Ich hatte Angst, dass ihr was passieren könnte. Als sie die Reise kurzfristig absagte, war ich wirklich erleichtert. Hêvîn war in der Vergangenheit politisch sehr aktiv und es existierte eine reale Gefahr, dass sie bei der Einreise Probleme bekommen könnte. Natürlich hat uns das alle beschäftigt. Das ist auch die Realität in der wir uns befinden. Menschen, die sich auch außerhalb der Türkei kritisch in den sozialen Medien über die türkische Regierung äußern, begeben sich in Gefahr, wenn sie in die Türkei einreisen. Der Ausgang dieser Reise ist nie ganz klar.

Glücklicherweise hat uns die Angst nicht davon abgehalten den Film zu machen. Alle Beteiligten haben in das Projekt vertraut und sich vollständig darauf eingelassen. Dafür bin ich dankbar.

Interview: Loren Müller und Udo Bremer

Stab

  • Regie - Serpil Turhan
  • Autor - Serpil Turhan, Eva Hartmann

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