Filmtruppe bestehend aus fünf Menschen vor blauem Himmel.

Film

Genderation

Ein persönlicher Rückblick der Grande Dame des deutschen Queer-Cinema, Monika Treut, auf San Franciscos Transgender-Pionier*innen.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2020
Datum:
Sendetermin
10.10.2022
22:25 - 23:50 Uhr

Monika Treut reist zu den Protagonist*innen ihres Kultfilms "Gendernauts" (1999) in ein Kalifornien des Aufbruchs, das zwar heute noch für Queerness und Nonkonformismus steht, aber inzwischen vom Silicon-Valley-Reichtum der Bay Area dominiert wird.

Von den ehemaligen Gender-Aktivist*innen und Transpersonen aus Monika Treuts Film der 1990er-Jahre können sich heute nur noch die Performance-Künstlerin Annie Sprinkle und ihre Frau, die Kunstprofessorin Beth Stephens, sowie Transfrau Susan Stryker, eine namhafte Autorin und Historikerin, ein Leben in San Fransisco überhaupt leisten.

Transmann Stafford hat sein Szene-Leben hinter sich gelassen und ist als Transportunternehmer gut im Geschäft. Dennoch plant er einen Umzug in die Wüste, wo die Quadratmeterpreise noch erschwinglich sind. Der Poet Max Wolf Valerio dagegen musste die Stadt längst verlassen und lebt bei seinen Eltern in den Suburbs. Er ist stolz darauf, dass "The Testosterone Files", sein erstes Buch über Geschlechteridentität, noch in einer kleinen, feinen Buchhandlung in San Francisco verkauft wird.

Sandy Stone, einst Toningenieur für Jimi Hendrix, heute eine renommierte Medien- und Gendertheoretikerin, stellt Monika Treut ihre "Nuclear Family" vor, die mit mehreren Samenspender-Daddys mehr ist als nur einfaches Patchwork, nämlich eine echte kalifornische "Genderation".

Interview mit Monika Treut

Porträtfoto: Monika Treut, ein schwarzes Langarmshirt tragend, sitzt vor einem schwarzen Hintergrund, hat ihr Kinn auf ihre linke Hand gestützt und schaut ruhig in die Kamera. Ihr linker Unterarm ist mit einem Anker tätowiert.
Monika Treut

In Ihrem neuen Film "Genderation" begeben Sie sich auf eine Reise in die Vergangenheit, zur Pionierbewegung der Transsexuellen in Kalifornien, die sie bereits in Ihrem Vorgängerfilm "Gendernauts" vor rund zwanzig Jahren porträtiert hatten. Was schätzen Sie besonders an diesen Menschen?

Eigentlich kann ich es nicht verallgemeinern, da ich jede*n der Protagonist*innen als besondere Persönlichkeit sehe, an der ich ganz spezifische Eigenschaften mag. Max Wolf Valerio zum Beispiel ist ein rebellischer Punk-Poet, der jenseits politischer Korrektheit seine individuelle Sicht auf die Welt verteidigt, auch wenn sie auf Widerstand der eigenen Community stößt. Ganz im Gegensatz zu Susan Stryker, die eine international anerkannte Gender-Theoretikerin und Vordenkerin ist. Sie hat das erste Institut für Transgender-Studien an der Universität von Tucson in Arizona gegründet und viele Bücher und Aufsätze veröffentlicht. Allen gemeinsam ist sicherlich, dass sie im reiferen Alter, sie sind mittlerweile zwischen 50 und 80 Jahre alt, in ihrer Transidentität sehr heimisch sind. Darüber hinaus sind alle in der Welt, in der sie leben, engagiert und sind ihr zugewandt.

Mit fast allen Ihrer Protagonistinnen und Protagonisten scheint Sie eine langjährige Freundschaft zu verbinden. Wie konnten Sie diese so lange aufrecht erhalten?

Zum einen bin ich in der glücklichen Lage, dass die Protagonist*innen den vorhergehenden  Film "Gendernauts" sehr mögen und ihn für sich benutzt haben und noch nutzen. Zum Anderen ergeben sich bei meiner Art der dokumentarischen Arbeit immer intensive Beziehungen zu den Protagonst*innen, ohne die sie sich gar nicht öffnen würden für den Prozess des ehrlichen Austauschs. Außerdem hatte ich immer wieder die Gelegenheit durch Screenings in den USA und Festivals-Einladungen nach Kalifornien die Protagonist*innen wiederzusehen. In den Zeiten, wo nicht gereist werden konnte, gab es immerhin Kontakt über die sozialen Medien, die alle Protagonist*innen aktiv nutzen.

Geschlechtsumwandlungen sind in der heutigen Zeit nichts Außergewöhnliches mehr auch abseits von San Francisco. Ist Transsexualität im Mainstream angelangt?

In der westlichen Unterhaltungsindustrie und in der Mode scheint Transgender seit einigen Jahren der letzte Schrei zu sein. Für aufgeklärte Demokratien stimmt sicherlich, dass das Verständnis für Transmenschen größer geworden ist. Dabei ist selbst in Europa ein nicht geringer Teil der Bevölkerung immer noch voller Ablehnung und Hass, weil durch Transsexualität die vermeintlich so klare Einteilung der Menschen in männlich und weiblich verunsichert wird.

Auch in der US-amerikanischen Populär-Kultur hat Transgeschlechtlichkeit in Fernsehserien wie "Transparent" oder "Pose" eine neue Sichtbarkeit erfahren, offenbar haben die Trump-Jahre diesem Phänomen nichts anhaben können?

Hier in Europa neigen wir dazu, den konservativen Teil der amerikanischen Bevölkerung auf Trump und die "Trumpisten" zu reduzieren. Dabei vergessen wir, dass ein großer Teil der US-Amerikaner schon länger unter dem Einfluss der evangelikalen Kirchen und rechter quasi faschistischer Gruppen steht. Diese führen auch nach der Trump-Regierung einen Kulturkampf gegen alles was nicht zur Familien-Ideologie passt: Lesben, Schwule, Transsexuelle, Feministinnen. Viele liberale Bücher und Medien wurden aus Bibliotheken verschiedener amerikanischer Gliedstaaten entfernt. Aufklärung über Sexualität wird als Propaganda verteufelt, um nur zwei Beispiele zu nennen. Interessant ist, dass auch diktatorische Gesellschaften wie Russland diese Haltung gegenüber queeren und feministischen Menschen zeigt. Wir befinden uns in einer Zeit des Backlashs gegen diverse Lebensformen. Auch feministische Positionen sind zunehmend unter Beschuss.

"Genderation" hatte im Sommer 2021 auf der Berlinale Premiere, wo er auch den Publikumspreis gewonnen hat. Danach waren Sie Gast auf mehreren internationalen Festivals. Was war Ihre bemerkenswerteste Resonanz?

"Genderation" hatte mittlerweile über fünfzig internationale Festivalaufführungen in so unterschiedlichen Ländern wie der Türkei, den USA, Polen, Taiwan, Italien, China, Argentinien, Frankreich, Brasilien, Portugal, Litauen, Spanien, Indien, Mexiko, Norwegen. Wegen der Pandemie konnte ich leider längst nicht überall dabei sein. Am meisten hat mich die Reaktion in Istanbul berührt. Dort ist die feministische und die Queer-Community besonders gefährdet durch die repressive Regierungspolitik. Das Publikum war sehr dankbar für die Hoffnung, die der Film vermittelt: dass auch in repressiven Systemen die Queer-Community nicht aufgibt und die drängenden Probleme, die uns alle betreffen, wie der Klimawandel und die weltweite Zerstörung der Demokratien, besonders sensitiv wahrnimmt und kreativen Widerstand leistet. Darüber hinaus war es immer wieder berührend, Fans des vorhergehenden Films "Gendernauts" zu treffen, die mir mitteilten, wie wichtig diese beiden Filme für ihre persönliche Identitätsfindung sind.

Interview: Nicole Baum

Stab

  • Regie - Monika Treut
  • Autor - Monika Treut

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