Film

Endlich Tacheles

Was hat der Holocaust heute noch mit mir zu tun? Der Dokumentarfilm stellt diese Frage aus der Sicht eines 21-Jährigen und zeigt, wie sich das Trauma der Überlebenden fortschreibt.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2020
Datum:
Verfügbar in
D / CH / A
Verfügbar bis:
bis 16.01.2023

Yaar ist ein junger jüdischer Berliner, der davon träumt, Game Designer zu werden und der sich selbst für "den unjüdischsten Juden der Welt" hält. Seinem Vater Ilei wirft er vor, am Holocaust zu leiden, den er nicht einmal selbst erlebt hat.

Yaars Vater war immer sein großes Vorbild. Doch je älter Yaar wurde, desto mehr wurde ihm bewusst, dass sein Vater leidet. Warum, das verstand er nicht, nur dass es mit der Familiengeschichte zu tun hat. Yaar will sich abgrenzen und lehnt alles Jüdische ab: "Was ich mit dem Judentum verbinde? Eigentlich nur Leid und Tod, das ist es, was ich damit verbinde. Ich bin ein neues Kind in dieser Welt. Warum soll ich unter Sachen leiden, die meine Großeltern oder meine Eltern durchgemacht haben? Das ist unfair."

Aus Rebellion will Yaar ein Computerspiel entwickeln: "Shoah. Als Gott schlief." In dem von ihm kreierten Deutschland um 1940 sollen sich Juden wehren und Nazis menschlich handeln können. Yaars Vater ist schockiert.

In seinen Freunden Sarah und Marcel findet Yaar Mitstreiter für die Entwicklung seines Computerspiels. Yaar macht seine Großmutter Rina zum Vorbild für seine Hauptfigur im Spiel, ein jüdisches Mädchen. Ihr Gegenspieler, ein SS-Offizier, ist von einem realen Vorfahren Marcels inspiriert. Für ihren Spielekosmos wollen die drei einen neuen Umgang mit den Rollenzuschreibungen von Tätern und Opfern finden. Doch als sie zu Recherchen für ihr Spiel in Rinas Geburtsort Krakau reisen, entdeckt Yaar ein furchtbares Familiengeheimnis.

Aus Spiel wird Ernst. Die drei Freunde erkennen, was die Ereignisse der Vergangenheit mit ihnen selbst zu tun haben – als Enkel der damaligen Opfer und Täter. Eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte beginnt, die auch die Beziehung zwischen Yaar und seinem Vater verändert.

Die Filmemacherinnen Jana Matthes und Andrea Schramm haben Fernsehjournalistik in Leipzig und Dokumentarfilmregie in Potsdam-Babelsberg studiert. Ihre Dokumentarfilme wurden auf internationalen Festivals gezeigt und gewannen diverse Preise, unter anderem den Deutschen Fernsehpreis, den Deutschen Sozialpreis und den Discovery Channel Award.

Interview mit Jana Matthes und Andrea Schramm

Wie haben Sie Ihren Protagonisten Yaar kennengelernt, und wann kam es zu der Idee, ihn mit der Kamera zu begleiten?

Jana Matthes und Andrea Schramm sitzen Rücken an Rücken auf einem felsigen Boden, im Hintergrund eine Wüstenlandschaft, und lächeln in die Kamera.
Jana Matthes und Andrea Schramm bei den Dreharbeiten in Israel

Yaar kam als Praktikant zu uns, und wir arbeiteten gemeinsam mit ihm an anderen Filmen. Als er uns seine Familiengeschichte erzählte, kannten wir ihn also schon gut.

Von Anfang an beobachteten wir bei Yaar eine starke Sehnsucht nach Leichtigkeit. Gleichzeitig spürte er diesen schweren Rucksack der Vergangenheit, den er auspacken wollte. Dieser scheinbare Widerspruch hat uns als Regisseurinnen interessiert. Yaars Hauptmotiv, den Film zu machen war es, die unausgesprochenen Teile seiner Familiengeschichte aufzudecken und das Schweigen seines Vaters zu überwinden: endlich Tacheles mit ihm zu reden.

In einer der ersten Szenen stehen wir als Zuschauer*innen quasi zusammen mit dem beatboxenden Yaar unter der Dusche - sie lässt ahnen, wie nah wir ihm im Laufe des Films kommen werden. Wie waren die Dreharbeiten für Sie persönlich?

Intensiv. Es war für uns eine Zeit mit Höhen und Tiefen. Yaar konnte witzig und unterhaltsam sein wie in der Duschszene, doch zugleich war er gefühlsmäßig in vielen Momenten überfordert mit dem, was er sich durch die Dreharbeiten selbst aufgeladen hatte.

Uns war von Anfang an klar, dass jede/r der Protagonist*innen sein eigenes Trauma hat, das an verschiedenen Punkten der Dreharbeiten aufbrechen würde und genau das ist dann auch passiert. Es gab schwierige Tage wie den Vorabend einer Israelreise, zu der wir mit Yaars Vater Ilei verabredet waren. Als wir schon alle auf gepackten Koffern saßen, sagte uns Ilei wenige Stunden vor dem Abflug ab.  Zu groß war seine Panik, die schmerzhafte Vergangenheit durch ein Gespräch mit seiner Mutter aufzurühren. Monate später fand die Reise dann statt.

Natürlich wurden wir auch mit unserer eigenen Herkunft konfrontiert. Unsere Großeltern gehörten zur Tätergeneration. Einer unserer Großväter wurde sogar als Wehrmachtssoldat im KZ Dachau stationiert, zur selben Zeit als Yaars Opa dort inhaftiert war. Sie standen auf verschiedenen Seiten des Zauns. Fast 75 Jahre später treffen wir aufeinander und stürzen uns mit Enthusiasmus in dieses Projekt. Zwischenzeitlich hat es wohl alle im engeren Team an ihre Grenzen gebracht. Auch an uns und unserem Koproduzenten Gunter Hanfgarn sind die vier Jahre nicht spurlos vorüber gegangen.

Wir kannten zwar die geschichtlichen Fakten, aber so nah waren wir dem Holocaust persönlich noch nie gekommen. Was mit Roman, dem kleinen Bruder von Yaars Oma, passierte, ist nur eines von vielen erschütternden Schicksalen, die die Familie durchleben musste. Die Großeltern haben fast alle ihre Familienangehörigen durch den Holocaust verloren.  Manche der Geschichten, die uns Yaars Vater im Laufe der gemeinsamen Zeit erzählte, waren so schrecklich, dass sie uns tagelang beschäftigten und sich uns für immer eingebrannt haben.

Der Dokumentarfilm verzichtet auf klassische Interviewsituationen und stützt sich ausschließlich auf die Dialoge der Protagonist*innen. Nur einmal schalten Sie sich als Filmemacherinnen ein, und zwar als es um die Figur des SS-Soldaten aus dem Computerspiel geht. Wieso war es Ihnen so wichtig, dem Narrativ des "guten Nazis" etwas entgegenzusetzen?

Es gehört zu unserem Selbstverständnis als Regisseurinnen, dass wir vor allem beobachten und Meinungen stehen lassen, ohne sofort die eigene dagegenzustellen. Wir merkten, dass sowohl Yaar als auch Marcel starke Gründe dafür hatten, an ihrer Position festzuhalten: Der eine wollte heraus aus der von ihm empfundenen Opferrolle, der andere wehrte sich dagegen, das Erbe der Täterseite anzunehmen. In dem Wunsch, die Geschichte "umzuschreiben", trafen sich ihre Motive.

In der Szene beobachteten wir ein Brainstorming der Studenten, die für ihr Computerspiel die Figur eines SS-Mannes entwickelten. Im Verlaufe des Gespräches wurden immer mehr Entschuldigungen für den Nazi gefunden: Er wurde praktisch in die SS genötigt, war ein verständnisvoller Familienvater von sechs Kindern, und zu guter Letzt soll er Juden befreien.

Die Diskussion bekam eine Dynamik, der wir uns nicht mehr entziehen konnten und wollten. Mit unserem Eingreifen haben wir unseren Protagonisten deutlich gemacht, dass für uns persönlich eine Grenze erreicht ist.

Wir wollten die Szene anfangs nicht in den Film nehmen, hatten aber im Schnitt ganz klar das Gefühl, uns mit unserer Haltung als Autorinnen zeigen zu wollen. Uns war auch klar, dass dies einen Stilbruch bedeutet, haben uns für diesen aber ganz bewusst entschieden.

In der gleichen Szene wird auch gefragt, welche Verantwortung Nachkommen einer Täter*innen-Generation heute noch übernehmen. Welchen Beitrag kann Ihr Film leisten, um diese Frage zu beantworten?

Als Gesellschaft stehen wir vor der Situation, dass die Generation der Überlebenden, sowohl die der Opfer als auch der Täter, ausstirbt. Nur noch wenige sind übrig, die ihre Erfahrungen weitergeben können, und auch sie werden bald nicht mehr da sein. Welche Formen der Erinnerung werden wir in der Zukunft finden? Zunehmend gibt es Abwehrtendenzen von Teilen der Gesellschaft, sich mit dem Geschehenen auseinanderzusetzen und die Rolle der eigenen Vorfahren darin anzuerkennen. Dabei geht es nicht ja nicht einmal um Schuld, sondern darum, dass die geschichtliche Wahrheit im kollektiven Gedächtnis bleibt. Nur so können Tendenzen verhindert werden, die Schuld der Täter zu relativieren und den Holocaust zu verharmlosen oder gar zu leugnen.

Yaar macht im Film einen Erkenntnisprozess durch, auf den wir die Zuschauer mitnehmen: von der nachvollziehbaren, aber naiven Haltung: Was hat die Vergangenheit mit mir zu tun, ich bin ein neues Kind in dieser Welt?, bis hin zu der Einsicht, dass man seiner eigenen Geschichte nicht davonlaufen kann.

Der Film zeigt zudem Yaars Eltern und die Großmutter. War es Ihnen als Filmemacherinnen von Anfang an wichtig, auch die Familie des Protagonisten zu zeigen und damit auf die intergenerationelle Beziehung einzugehen oder fiel diese Entscheidung erst während der Dreharbeiten?

Zunächst nähern wir uns den Ereignissen der Vergangenheit mit dem Blick eines 21-Jährigen. Es sind Yaars Aufbruch und Reise, die uns dramaturgisch durch den Film führen. Doch von Anfang an war uns klar, wie stark die Rebellion gegen seinen Vater jeden von Yaars Schritten beeinflusste. Warum entwickelt er ein Computerspiel, in dem Juden sich wehren können? Weil er selbst kein Opfer und auch kein Nachkomme von Opfern sein will. Der Vater als Vertreter der zweiten Generation von Überlebenden ist sowohl Ziel von Yaars Zorn als auch Spiegel seiner eigenen Ängste, ebenfalls in den Sog der Depression gezogen zu werden. Daher ist die Vater-Sohn-Beziehung und ihre Entwicklung eine der zentralen dramaturgischen Stränge im Film.

Großmutter Rina war das letzte Teil in dem Puzzle. Sie und ihr Mann Moshe haben überlebt und für sich und ihre Kinder ein neues, scheinbar intaktes Leben aufgebaut. Die inneren Wunden jedoch sind niemals verheilt, und ohne es zu wollen, haben sie sie an ihre Kinder weitergegeben. Das Leid der elfjährigen Rina, die ihren kleinen Bruder nicht beschützen konnte und ein halbes Jahr allein in den Straßen von Krakau überleben musste, liegt noch heute wie ein Schatten auf dem Leben ihres Sohnes und ihres Enkels. Das wollten wir zeigen.

Interview: Marike Flömer

Stab

  • Regie - Jana Matthes, Andrea Schramm
  • Autor - Jana Matthes, Andrea Schramm

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