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Film

Cahier africain

Die Schweizer Filmemacherin Heidi Specogna folgt den Schicksalen von Frauen im kriegszerrütteten Zentralafrika. Im Mittelpunkt steht ein unscheinbares Schulheft mit mutigen Zeugenaussagen.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland , Schweiz 2015
Datum:
Verfügbar in
D / CH / A
Verfügbar bis:
bis 05.12.2019

Über sieben Jahre hinweg begleitete Specogna die Protagonistinnen ihres Films. Diese schrieben auf den karierten Seiten des Hefts die an ihnen verübten Verbrechen nieder, um mit dem selbst gefertigten Beweisstück die Taten zur Anklage zu bringen.

Die vielen Opfer, unter ihnen auch einige Männer, offenbaren in diesem "Cahier africain", was ihnen 2002 im Zuge kriegerischer Auseinandersetzungen von kongolesischen Söldnern angetan worden war. Im Zuge einer aufwendigen Geheimmission gelangte das Heft zum Internationalen Gerichtshof in Den Haag - in der Hoffnung, dem Weltgericht ein entscheidendes Beweismittel im Prozess gegen den kongolesischen Truppenführer Jean-Pierre Bemba in die Hand zu geben. Er ist der erste Angeklagte, der sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof wegen Anordnung von Vergewaltigungen als Kriegsstrategie verantworten muss.

Heidi Specognas Film begleitet seine Protagonisten aus dem Dorf PK 12, einem Vorort der Hautstadt Bangui, seit 2008: Amzine, eine junge muslimische Frau, hat als Folge der Vergewaltigungen von 2002 ein Kind zur Welt gebracht. Der Blick auf ihre heute zwölfjährige Tochter Fane erinnert sie täglich an ihr Trauma. Arlette, ein christliches Mädchen, litt jahrelang an einer nicht heilen wollenden Schussverletzung. Nach einer erfolgreichen OP in Berlin hegt sie Hoffnung auf ein schmerzfreies Leben.

Aber inmitten der Versuche der Dorfbewohner von PK 12, den schwierigen Alltag mit Zuversicht zu meistern, und während in Den Haag noch die juristische Aufarbeitung der letzten Kriegsverbrechen in Gange ist, bricht in der Zentralafrikanischen Republik der nächste Krieg aus. Amzine, Fane und Arlette werden erneut in einen Strudel von Gewalt, Tod und Vertreibung gerissen. An ihrer Seite dokumentiert der Film den Zusammenbruch von Ordnung und Zivilisation in einem von Bürgerkrieg und Putsch zerrissenen Land. Kein Einzelfall auf dem afrikanischen Kontinent.

"'Cahier africain' ist ein persönlicher Film", sagt Regisseurin Heidi Specogna, "aus einer zufälligen Begegnung mit dem Heft, während einer Recherchereise, sind sieben Drehjahre geworden. Wir haben die Menschen aufgesucht und begleitet, die sich dem Heft anvertraut haben. Heute wird das Heft im Tresor des Weltgerichts in Den Haag verwahrt, neben Tausenden von Beweisen anderer Kriegsverbrechen. Das Schicksal der Frauen und ihrer mit Gewalt gezeugten Kinder ist eine von der Welt ausgeblendete Tragödie. Schätzungen besagen, dass allein im zentralafrikanischen Raum in den letzten Jahren bei kriegerischen Auseinandersetzungen über 100 000 Frauen geschändet worden sind. Nach dem Völkermord in Ruanda sollen an die 20 000 Kinder zur Welt gekommen sein. Dem schwierigen Versuch von Frauen, nach dem Erleben von Gewalt wieder Fuß im Leben zu fassen, wollte sich der Film ursprünglich widmen. Der erneute Kriegsausbruch in der Zentralafrikanischen Republik hat das Drehbuch jäh umgeschrieben."

Heidi Specogna, geboren 1959 in Biel/Bienne, lebt und arbeitet in Berlin. Sie besuchte die Journalistenschule in Zürich. Von 1982 bis 1988 studierte sie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Seit 2003 ist sie Dozentin an der Filmakademie Ludwigsburg für Dokumentarfilm. Ihre Dokumentarfilme wurden vielfach mit Filmpreisen ausgezeichnet. "Cahier africain" erhielt 2018 einen Grimme-Preis und wurde im Jahr zuvor mit dem Deutschen Filmpreis sowie mit dem Schweizer Filmpreis prämiert. 2016 gewann der Film den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis und zwei Preise auf dem Filmfestival DOK Leipzig. Filme (Auswahl): "Tania, la Guerillera" (1991), "Tupamaros" (1996), "Eine Familienangelegenheit" (2004), "Das kurze Leben des José Antonio Gutierrez" (2006), "Das Schiff des Torjägers" (2010), "Carte Blanche" (2011).

Interview mit Heidi Specogna

Als du dein Filmvorhaben 2013 in der Redaktion vorgestellt hast, hattest du bereits zwei Dokumentarfilme in der Zentralafrikanischen Republik gedreht. In diesem Jahr begannen die Unruhen im Land erneut aufzuflammen. Was hat dich angetrieben, deine Protagonisten erneut aufzusuchen und mit der Kamera zu begleiten?

Heidi Specogna
Die Schweizer Regisseurin Heidi Specogna lebt und arbeitet in Berlin.
Quelle: Judith Affolter

Inhaltlich gesehen lässt sich gar nicht feststellen, wann die Arbeit an einem der Filme endete und das Denken und Bildersuchen für den nächsten Film begann. "Cahier africain" hat eine außergewöhnlich lange Vorgeschichte. Das Kennenlernen der Protagonisten und das Vertrauen zueinander fassen dauerte mehrere Jahre. Erst als es dieses Fundament gab, fingen wir an, konkret über ein Filmprojekt zu sprechen. Eine Langzeitdokumentation bedeutet, sich seinem Filmthema mit einem längeren Atem und einer großen inhaltlichen Offenheit zu widmen, weil man sich nur so auf einen Prozess einlassen kann. Das macht diese Arbeitsform reizvoll, aber verlangt auch, dass man seine Sorgen - wie zum Beispiel "Das wird nie ein Film! ..." - in Schach hält und der Dynamik des Lebens vertraut, das man mit der Kamera begleitet. Ursprünglich sollte im Zentrum von "Cahier africain" das Heilen von Wunden stehen. Als der Krieg in der Zentralafrikanischen Republik erneut ausbrach, machte es sich der Film zur Aufgabe, diese Spirale von Gewalt zu dokumentieren, die ein Vernarben von Wunden gar nicht zulässt.

Im Film gibt es einige Szenen, in denen die Kamera - für manch einen sicher quälend lange - auf die Körper ermordeter Menschen blickt. Warum waren dir diese Bilder für deine Erzählung im Film wichtig?

Kaya Inan, der Cutter des Films, und ich waren uns dieser schwierigen Aufgabe bewusst. Auf diese Einstellungen zu verzichten, kam für uns nicht in Frage. Diese Bilder sind Teil der Lebensrealität unserer Protagonisten. Die Einstellungen und die Länge dieser Bilder sind sehr bewusst gewählt: Wir wollten keine Bildzitate erzeugen, sondern erreichen, dass diese Einstellungen ein Stück Geschichte dieser toten Menschen erzählen. Wie sind sie gestorben? Die Kamera nähert sich den Toten Schritt für Schritt, auch dies eine bewusste Entscheidung des Kameramanns Johann Feindt, die wir dann im Schnitt aufgegriffen haben: Jeder Zuschauer erkennt rechtzeitig, was folgt und kann entscheiden, ob er weiter mitgeht oder sich abwendet und schont. Beiden Entscheidungen wollten wir den Raum geben.

Einen wichtigen Anteil an der starken Wirkung des Films hat die Kameraarbeit von Johann Feindt. Wie war eure Zusammenarbeit, gerade in den schwierigen Situationen von Chaos und Bedrohung der Bevölkerung?

Johann und ich haben drei Filme in dem Land gedreht, und beide kannten wir die Verhältnisse einigermaßen gut. Das war beim Ausbruch des Krieges von entscheidender Bedeutung. Es funktionierte ja so gut wie nichts mehr, die ganze Infrastruktur war zusammengebrochen; was heute galt, galt morgen schon nicht mehr. Es gab keine klar erkennbare Front in der Stadt. Erschwerend kam hinzu, dass wir ab dem ersten Drehtag nur noch zu zweit waren, unser Tonmann hatte entschieden, angesichts der Verhältnisse mit dem nächsten Flieger nach Hause zurückzukehren. Es ist eine große Qualität von Johann Feindt, dass er in der Lage ist, inmitten von Krieg und Wahnsinn die Ruhe zu behalten und seine Bilder zu suchen. Mitten im Chaos führten wir Gespräche darüber, wie man diesen Wahnsinn, dieses Leid und die Angst zeigt. Welches die Bilder sind, die stark genug sind, um einem europäischen Zuschauer diese Realität nahezubringe. Diese Haltung hatte einen wichtigen Nebeneffekt. Sie half professionelle Distanz zu halten, anders hätten wir nicht arbeiten können.

Hast du heute noch Kontakt zu Amzine und Fane, zu Arlette und den anderen (ehemaligen) Bewohnern von PK 12, weißt du wie es ihnen geht?

Amzine ist inzwischen mit ihren Kindern nach Kongo-Brazzaville gezogen. Es sollte ursprünglich nur ein kurzer Familienbesuch sein. Jetzt scheint es, als ob sie sich dort zuhause fühlen. Amzine und ich haben keine gemeinsame Sprache, aber ich kann mit Fane, ihrer Tochter, Französisch sprechen. Wir telefonieren alle paar Monate. Wie jedes Jahr zur Regenzeit kommt es gerade wieder zu vielen Malariaerkrankungen. Dann fehlt der Familie das nötige Geld, um sich rechtzeitig die lebensrettende Medizin zu besorgen. Da suchen wir immer nach Mitteln und Wegen, schnell zu helfen. Arlette und ihre Familie wohnen wieder in PK 12, ihrem Dorf in der Zentralafrikanischen Republik. Es scheint, als ob ein bisschen Alltag zurückgekehrt ist: Der Markt ist geöffnet, und Arlette verkauft Erdnüsse, um zum Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Ihr Wunsch die Schule zu besuchen und Lesen und Schreiben zu lernen, hat sich leider nicht verwirklichen lassen. Da es immer wieder zu Konflikten kommt, ist der Schulbetrieb eingeschränkt. Das Land befindet sich immer noch in einer kaum zu brechenden Gewaltspirale.

Hast du deinen Film inzwischen auf dem afrikanischen Kontinent gezeigt?

Leider war es bisher nicht möglich, den Film in Zentralafrika zu zeigen. Die Situation scheint zu fragil, so dass man befürchten muss, dass der Film selber wie Zunder wirken könnte. Gerne würde ich ihn allen Bewohnern in PK 12 zeigen. Aber das ist alleine schon deswegen nicht möglich, weil die muslimische Bevölkerung immer noch nicht zurückgekehrt ist und sich in den Nachbarländern sicherer fühlt. So gesehen ist "Cahier africain" für mich noch nicht wirklich zu Ende gebracht. Das ist ein Film eigentlich immer erst dann, wenn er dorthin zurückgekehrt ist, wo er entstanden ist.

Interview: Katya Mader, Filmredaktion 3sat, 21.11.2017

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