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Schwarzweißfoto aus den 1950er-Jahren: Ein kleiner Junge und ein junger Soldat im Kilt sitzen nebeneinander auf einem Sofa und lächeln in die Kamera.

Film

Alles wegen Omi

Zwei Familien, eine deutsche und eine schottische, erleben eine bis heute andauernde Freundschaft, die aus einer Einladung zu einem Weihnachtsessen im Berlin der Nachkriegszeit entstand.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2017
Datum:

Am Heiligen Abend 1955 lud Clara Haupt, die Großmutter des Regisseurs, den 24-jährigen schottischen Besatzungssoldaten Alex Hodge zum Weihnachtsessen in die Wohnung der Familie in Berlin-Schöneberg ein: der Beginn einer wunderbaren und ungewöhnlichen Freundschaft. Fortan kam der junge Soldat fast jedes Wochenende zu Besuch. Und auch als er 1957 nach Schottland zurückkehrte, brach die Verbindung nicht ab. Bald reisten Oma Clara und ihr Enkel Michael zu den Hodges nach Glasgow, weitere gegenseitige Besuche folgten - jahrzehntelang.

Michael Teutsch erzählt in seinem Dokumentarfilm eine persönliche Geschichte über Ländergrenzen und Jahrzehnte hinweg, die auch eine politische Bedeutung hat, denn die beiden Familien nahmen, jenseits aller Ressentiments ehemaliger Kriegsgegner, den europäischen Verständigungsgedanken vorweg und leben ihn bis heute.

Schwarzweißfoto zweier Männer, die nebeneinander auf einem Sofa sitzen und in die Kamera lächeln
Michael Teutsch und der nach Australien ausgewanderte Schotte Alex, 2017
Quelle: ZDF/Hans-Albrecht Lusznat

Regisseur Michael Teutsch, dessen Film 2017 auf dem Dokumentarfilmfest München uraufgeführt wurde, sagt über "Alles wegen Omi": "Mit jener Einladung meiner Großmutter, die noch in den letzten Kriegstagen ihren Ehemann verloren hatte, setzte sie ein Zeichen für Verzeihen und Neubeginn. Ressentiments gegen Deutsche gab es auch in Schottland, allerdings bei weitem nicht so ausgeprägt wie in England. Meine Berliner Familie wurde als Botschafter guten Willens behandelt und angenommen. Die Begegnungen, das Aufeinanderzugehen und Freundschaftschließen unserer Familien nahm sicher einen Gedanken vorweg, der später Europa vereinen sollte. Allerdings hatten unsere Familien damals nicht die große Politik vor Augen. Es gab eine große Sympathie füreinander, wir mochten und respektierten uns. Unsere Freundschaft wird den Brexit genauso überstehen wie andere politische und familiäre Turbulenzen unserer Vergangenheit auch."

Michael Teutsch arbeitet seit 1970 als Kamermann, unter anderem mit Regisseuren wie Peter Timm, Peter Scholl-Latour, Michael Verhoeven und Romuald Karmakar, und hat zudem mehrere eigene abendfüllende Dokumentarfilme realisiert: "Von der Hölle ins Paradies" (2006) wurde im 3sat-Programm gezeigt; "Café Ta'amon, King-George-Street, Jerusalem" (2013) wurde bei der Duisburger Filmwoche mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Interview mit Filmemacher Michael Teutsch

Der Grundstein der Freundschaft Ihrer beider Familien wurde bereits vor mehr als sechzig Jahren gelegt. Wann und weshalb kam Ihnen die Idee diesen sehr persönlichen Film zu verwirklichen?

Freunde und Familie lagen mir schon seit Jahren in den Ohren einen Film über diese unsere Freundschaft zu drehen; indes schien mir diese Geschichte als zu privat - also für ein Publikum zu speziell. 2016 aber weilte ich in Südengland, wo eine der Töchter der Hodge-Familie lebt, und Alex aus Australien rief gerade an und verlangte explizit nach mir. Trotz der vergangenen fünfzig Jahre, die Alex und ich uns nicht gesehen hatten, kam mir seine Stimme so frisch und jugendlich vor, auch sein schottisches Idiom hatte er nicht abgelegt, dass ich mich spontan entschloss, nun doch einen Film zu drehen.

Was glauben Sie, war Weihnachten 1955 der Beweggrund Ihrer Großmutter, den damaligen schottischen Soldaten und heutigen Freund Alex zum Essen einzuladen?

Ein älterer Mann mit Brille und grauem Haar sitzt in einem Schnellzugabteil und schaut in die Kamera; durch die regentropfengesprenkelte Scheibe sind draußen Gleisanlagen und ein Haus erkennbar.
Michael Teutsch, Jahrgang 1945
Quelle: Marcus Wachter

Meine Großmutter und ihr Ehemann, der am 3. Februar 1945 in seiner Dienststelle bei der Industrie- und Handelskammer von Fliegerbomben der Alliierten getötet worden war, waren beide keine Nazis. Mein Großvater trug das obligatorische NSDAP-Parteiabzeichen hinter seinem Sakkorevers. Meine Großmutter hatte keinen Hass auf die Besatzer, die nach dem Krieg in Berlin stationiert waren. Ich glaube, Omi sah in diesem jungen Soldaten, der fern von zu Hause seinen Dienst versah und in seiner höflichen und ehrlichen Art in unsere Familie integriert wurde, eine Art verlorenen Sohn. Alex konnte das sehr gut annehmen. Omis Devise war: der Krieg ist vorbei, gottlob, und jetzt werden wir aufbrechen in eine neue Zeit. Sie wollte Versöhnung und ein Zeichen setzen: Unsere Familie will keine Rache und keine Revanche, sondern zeigen, dass es auch andere Deutsche gab und gibt.

Warum haben Alex und Sie es in all den Jahren nie zu einem früheren Wiedersehen geschafft?

Alex war nur ganz spärlich zu Besuch in Europa beziehungsweise Schottland. In dieser Zeit war ich voll in meinen Beruf als freier Kameramann involviert und konnte keine Auszeit nehmen, um nach Australien zu reisen. Schlicht gesagt, haben wir uns über die langen Jahre aus den Augen verloren. Erst als meine Mutter und Alex anfingen, sich zu schreiben und auch zu skypen, habe ich mich angedockt und meine Reise zu Alex vorbereitet.

Ihr Film zeigt, dass Alex in Australien nicht nur räumlich weit entfernt, sondern auch emotional distanziert von seiner Familie lebt. Hat das das Verhältnis der schottischen und der deutschen Familien beeinflusst?

Das Verhältnis von Alex zu seiner Familie in Glasgow und Südengland wurde maßgeblich geprägt von seinem Fernbleiben anlässlich des einhundertsten Geburtstags seiner Mutter. Es ist kein Geheimnis, dass Alex' Mutter zu Heidi, Alex' deutscher Frau, kein gutes Verhältnis hatte. Im Film schildert Alex sehr anschaulich sein Ringen um "Fliege ich, fliege ich nicht nach Schottland". Meine deutsche Familie, inklusive meiner Frau Waltraud und ich, wir waren doch sehr enttäuscht, Alex nicht begrüßen zu können. Gleichwohl haben wir alle seine Entscheidung respektiert, und sie hat unsere Freundschaft wenig tangiert.

Glauben Sie, dass es auch den nachfolgenden Generationen Ihrer beider Familien gelingen könnte, diese besondere deutsch-schottische Freundschaft aufrechtzuerhalten?

Ich fürchte, dass diese Freundschaft von meiner Tochter und meinem Sohn sowie deren Kindern kaum aufrechtzuhalten sein wird. Das ist traurig, denn ich habe immer versucht, meinen Kindern und Enkelkindern zu vermitteln, dass sie alle in Schottland mit offenen Armen aufgenommen werden würden. Die schottische Familie - Margaret - ebenso die schottisch-englische - Mary und Phil - haben mehrfach eine Einladung ausgesprochen. Ich fürchte, dass es meine Familie weiter in die Welt hinauszieht, als sich nach England oder Schottland zu begeben. Das tut mir sehr weh, ist aber anscheinend nicht zu ändern. Mit der Familie von Mary und Phil Turner bin ich gut befreundet, aber auch sie kommen nicht zu Besuch, leider.

Interview: Lukas Garbert, Filmredaktion 3sat, 29.03.2018

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