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Sobo Swobodnik, der Regisseur von "See you", schwarzweiß vor einer Mauer, mit wilden Haaren und Lederjacke, blickt nach unten und zündet sich eine Zigarette an.

Film

Mit Lebensfreude und Entschlossenheit

Interview mit Sobo Swobodnik, Regisseur von "See you"

Datum:

In Ihren bisherigen Dokumentarfilmen haben Sie sich mit den Underdogs unserer Gesellschaft beschäftigt. Mara hingegen ist eine selbstbewusste und zielstrebige junge Juristin, eine Protagonistin quasi aus der gesellschaftlichen Mitte. Was hat Sie bewogen, über sie einen Film zu machen?

Das ist interessant. Ich finde, Mara fügt sich eigentlich ganz gut in das Profil meiner bisherigen Dokumentationen: Alle Protagonisten sind sehr selbstbewusst und zielstrebig. Gleichwohl haben Sie Recht, dass die meisten eher stärker als Mara am Rand der Gesellschaft leben. Aber auch Mara ist durch ihr Handicap, nämlich blind zu sein, eher eine Außenseiterin. Was mich an ihr aber vor allem interessiert hat, ist, wie sie es schafft, die Wirklichkeit, ohne das für mich und die meisten Menschen wichtigste Sinnesorgan, nämlich das Auge, erfahrbar und erlebbar zu machen. Dabei habe ich mich gefragt: Wie kann ich diese ihre Wirklichkeit, ihr Lebensgefühl, ein stückweit den vor allem sehenden Menschen nahebringen, wie kann ich sie für die Sehenden erfahrbar und erlebbar machen?

Ihr Film hat mehrere visuelle Ebenen und nimmt unterschiedliche Perspektiven ein. Können Sie etwas zu den Überlegungen sagen, die hinter Ihrem Bildkonzept stehen?

Das visuelle Konzept fußt auf vier Säulen und versucht mit einer experimentellen Bildsprache und einer ebenso experimentellen Tonkomposition zu operieren; ich nenne das eine Art kubistisches Prinzip: Erstens sehen wir die Subjektive von Mara, also das was und wie sie, eingeschränkt mit einer Sehstärke von nur mehr 1 %, sieht. Zweitens ist die Perspektive ihres Hundes Camelot zu sehen, der ebenfalls nur eingeschränkt visuell wahrnehmen kann, und gleichzeitig für Mara quasi ein Scharnier zwischen der sehenden und der blinden Welt bildet. Drittens zeigen wir unsere, die sehende Sicht auf Mara. Und zuletzt spielt auch ihre Vergangenheit eine Rolle, in der Mara noch gesehen hat und die auch heute noch in ihrer Erinnerung und ihren Träumen eine wesentliche Rolle spielt und präsent ist.

Eine tragende Rolle im Film hat der Ton, eine Art Collage aus Geräuschen und Musik. Dabei haben Sie eng mit dem Musiker und Soundtüftler Elias Gottstein zusammengearbeitet. Welche erzählerischen Ideen stecken in diesem speziellen Sounddesign und wie war Ihre Zusammenarbeit?

Die auditive Ebene ist quasi das Amalgam, das die visuellen Ebenen miteinander verbindet und zusammenfügt, darüber hinaus tonal das Visuelle fortführt, erweitert und ergänzt. Bei einem blinden Menschen ist das Hören natürlich ungleich wichtiger als für die sehenden Menschen. Mara hört anders, hört selektiver, hört gefilterter. Das haben wir in dieser auditiven Ebene herauszuarbeiten versucht. Die Zusammenarbeit mit Elias Gottstein erfolgte ganz eng aufeinander abgestimmt. Er war nicht nur bei den Dreharbeiten anwesend und hat dabei separaten, selektiven Ton aufgenommen, sondern auch zusammen mit mir einen Selbstversuch mit verbundenen Augen im öffentlichen Raum unternommen, um dadurch annähernd temporär ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie es ist, nichts zu sehen, beziehungsweise blind zu hören.

Ihre Protagonistin Mara zeichnet sich durch beeindruckende Selbstständigkeit und Lebensfreude aus. Würden Sie sagen, dass Sie eine Ausnahmeerscheinung im Umgang mit ihrer Einschränkung ist oder trägt ihr Lebensumfeld, beispielsweise die vorbildliche Ausrichtung der Stadt Marburg auf Menschen mit Sehbehinderung, maßgeblich dazu bei?

Das wirklich Beeindruckende an Mara ist, und das hat sich tatsächlich auch erst während der Dreharbeiten herausgestellt, dass sie ihr Handicap gar nicht so sehr als Behinderung wahrnimmt, beziehungsweise sich nicht so sehr von dieser Behinderung leiten und beeinflussen lassen möchte. Sie versucht mit Lebensfreude, positivem Denken und Entschlossenheit, sich die durch ihr Handicap abhanden gekommene Normalität Stück für Stück zurückzuerobern. Sicher hilft ihr dabei die vorbildliche Ausrichtung für Blinde in der Stadt Marburg. Darüber hinaus zeigt der Film, dass Mara sich nicht der Depression oder Kapitulation ob dieser Einschränkung, diesem Schicksalsschlag, der bei ihr ja erst im 14. Lebensjahr erfolgte, hingibt - was durchaus nachvollziehbar und verständlich wäre. Sondern für ein würdevolles, selbstbestimmtes Leben kämpft, das an Wünschen und Träumen dem eines Sehenden in nichts nachsteht. Das ist sie sicherlich das Beeindruckendste und Faszinierendste an ihr.

Wie haben Mara, ihr Verlobter und ihre Freunde auf den fertigen Film reagiert?

Ihr Verlobter und die Familie von Mara - ja man kann es so sagen - waren ziemlich begeistert. Für Mara war es zunächst schwieriger, da sie die Bilder ja nicht sehen konnte und nur auditiv den Film wahrnehmen konnte ? weil wir noch keine barrierefreie, audiodeskriptive Fassung hatten. Aber auch sie hat sofort gemerkt, dass wir eben nicht nur ein konventionelles Porträt ihrer Person erzählen wollten, sondern den Versuch unternahmen, vor allem die Wahrnehmbarkeit ihrer Realität anschaubar zu machen. Was sie, nachdem ich ihr die Bildebene quasi audiodeskriptiv Bild für Bild akustisch näherbrachte, ziemlich gelungen fand.

Interview: Anne Horn

       

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