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Film

Ab 18! - Der Patriot

Wassilij Wlassow, 22, ist der jüngste Duma-Abgeordneter und Assistent von Wladimir Schirinowski, dem "Trump Russlands". Wlassow hat das ehrgeizige Ziel, Präsident von Russland zu werden.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2018
Datum:
Verfügbar in
D / CH / A
Verfügbar bis:
bis 06.11.2020

Der Film begleitet Wassilij im russischen Wahlkampf 2018 und zeigt ihn als ebenso schlauen und ironischen wie nationalistisch, konservativ und chauvinistisch eingestellten Jungpolitiker. - Erste von sechs TV-Premieren der 2018er Staffel der Dokumentarfilmreihe "Ab 18!".

Wassilij Maximowitsch Wlassow wurde als Kind in seiner Klasse Streber genannt. Er sah das als Kompliment. Die Jugendorganisation der LDPR (Liberal Demokratische Partei Russlands) bot Wassilij eine politische Karriere. Hier entfaltete sich sein politisches Talent zum ersten Mal. Er vertrat die Themen der Jugend, hielt Reden und stritt für preisgünstige öffentliche Verkehrsmittel, für Internetzugänge, organisierte Veranstaltungen. Hier entdeckte ihn Wladimir Schirinowski, machte ihn zum Leiter der LDPR-Jugend, dann zu seinem persönlichen Assistenten. Am 18. September 2016 wurde Wassilij zum Abgeordneten der Duma gewählt. Als Sprachrohr der Jugend im Parlament entwirft er nun immer neue Maßnahmen und Gesetze, die das Leben der 30 Millionen jungen Russen verbessern sollen. Immer wieder betont er gegenüber älteren Kollegen im Parlament, es gehe um die Zukunft Russlands und um die Jugend.

Wassilij wirkt sympathisch, tritt weniger brachial auf als sein Ziehvater Schirinowski, vertritt aber wie dieser kompromisslos konservative Werte und patriotischen Geist. Er ist für sein Alter ein erstaunlich professioneller Rhetoriker. Er redet klar, liest nicht ab und schaut Zuhörern direkt in die Augen, denn er weiß bereits, dass Parteiprogramme nur Phrasen enthalten und es auf das Charisma ankommt, um als Politiker gewählt zu werden. Und Wassilij hat Ehrgeiz, denn sein nächstes großes Ziel ist es, mit 35 Jahren Präsident Russlands zu werden. Dafür sieht er gute Chancen, denn es wird für ihn noch zwei Legislaturperioden dauern und "bis dahin wird sich eh nichts ändern", behauptet Wlassow. Ekaterina, Wassilijs Freundin, ist ihm in der Parteifraktion begegnet. Sie tritt auf wie eine grelle Blondine, ist aber durch ein Studium mehr als qualifiziert für eine politische Karriere. Einmal erwähnt Ekaterina, dass sie selber für die Duma kandidieren könnte. Er werde ihr nicht helfen, antwortet ihr Wassilij unwirsch, denn für ihn ist klar, dass Frauen in der Politik nichts zu suchen haben und Frauen von Politikern sich höchstens karitativen Aufgaben widmen sollten. Damit ist die Diskussion für ihn beendet, und Ekaterina fügt sich, wie es scheint.

Auf der Bühne des russischen Polittheaters

Katja Fedulova zeigt Wassilij als karriereorientierten Jungpolitiker auf der Bühne des russischen Polittheaters und verdeutlicht diesen Gestus durch satirische Stilmittel, ohne deswegen seine autoritäre, konservative Zielsetzung zu verharmlosen. Eher wird deutlich, dass er dabei ist, in die Fußstapfen Schirinowskijs zu treten, in einem neuen politischen Stil.

Für Wassilijs Generation von Russen ist die Übermacht Putins selbstverständlich. Gleichzeitig spüren diese Zwanzigjährigen die wachsende Entfernung zu Westeuropa. Die Sanktionen der EU werden als Demütigung erlebt. Sie sind jederzeit bereit, das regierende Regime zu verteidigen und würden sich einem Aufruf zu den Waffen nicht verweigern. Russland sucht nach seiner Identität und findet sie immer wieder in der umstrittenen Vergangenheit. Wassilij ist für Fedulova ein authentisches Beispiel dafür, wie junge Menschen durch Propaganda und Staatsmanipulation ideologisch so geformt werden.

Zur Person: Katja Fedulova

Katja Fedulova, Regisseurin von "Der Patriot"
Katja Fedulova, Regisseurin von "Der Patriot"
Quelle: Uwe Recherter

Die in der UdSSR geborene und aufgewachsene Autorin Katja Fedulova lebt und arbeitet in Deutschland, seit sie dem Chaos in ihrem Heimatland in den 1990er Jahren entflohen ist. In ihren Filmen beschäftigt sie sich immer wieder mit Russland, in dem Bemühen, dem deutschen Publikum die russischen Verhältnisse näher zu bringen.

"Der Patriot" ist eine Fortsetzung ihrer filmischen Wiederannäherung an Russland, zum Beispiel mit dem preisgekrönten Dokumentarfilm "Drei Engel für Russland". Mit Ernüchterung stellt Fedulova darin fest, dass in ihrer Heimat auf überwunden geglaubte sozialistische Werte zurückgegriffen wird, dass junge Menschen Stalin verherrlichen, dass der Patriotismus langsam eine gefährliche Rolle spielt und dass Putin einen Personenkult feiert.

Das politische Theater Russlands

Fragen an Katja Fedulova zu ihrem Dokumentarfilm "Der Patriot"


Wie bist Du auf Wassilij gestoßen und was hat Dich an ihm, der einer Partei mit extrem rechten Positionen angehört, interessiert?

Als ich meinen Dokumentarfilm "Drei Engel für Russland" gedreht habe, begegnete ich vielen jungen Russen, die sich politisch engagierten. Ich wusste zwar von vielen großen Jugendorganisationen der führenden Partei "Einiges Russland", aber es waren viel mehr Jugendliche, die keinen direkten Zugang zu der eigentlichen politischen Arena hatten. Sie bewegten sich innerhalb ihrer Jugendzentralen und politischen Jugendcamps. Im September 2016 wurden in Russland neue Parlamentarier gewählt. Ich las zufällig eine Meldung, dass ein 21-jähriger, Abgeordneter des russischen Staatsparlaments wurde. Er bekam sofort eine mediale Aufmerksamkeit und wurde als "der jüngste Abgeordnete in der Geschichte der Duma" tituliert. Die Netzwerke platzten vor Kommentaren: "Wessen Sohn ist er? Er hat bestimmt Beziehungen und Geld! Wie kann man ohne Studienabschluss Abgeordneter werden? Er hat noch nie im Leben gearbeitet, wie soll er uns vertreten?"


So erfuhr ich von Wassilij und bin sehr neugierig geworden. Leider kommt es in Russland oft vor, dass Abgeordnete ihre Kinder oder nahe Verwandte in die Duma reinschmuggeln. Nach einigen Artikeln über Wassilij im Internet, bekam ich ein ganz überraschendes Bild von ihm. Wlassow kann sich sehr gut ausdrücken, er weiß, was er will, und stammt aus einem durchschnittlichen Umfeld. Er wurde mir schnell sympathisch, wenn da nicht die Partei wäre, die er vertritt - die LDPR (Liberal-demokratische Partei Russlands), eine der umstrittensten nationalistischen Parteien, geführt von Rechtspopulist Wladimir Schirinowski. Ich habe Kontakt mit Wassilij aufgenommen, er war schnell interessiert, in meinem Dokumentarfilm mitzuwirken. Ich denke, er sah darin eine Chance, sich in der westlichen Welt bekannt zu machen. Mich hingegen interessierte, ob Wassilij die konservative rechtspopulistische Linie der LDPR in eine neue, frische, ja sogar liberale Richtung lenken könnte. Davon hatte er mich leider am Ende nicht überzeugen können.


Wie muss man die Ziele der LDPR, für die Wassilij sich einsetzt, übertragen auf das deutsche Parteienspektrum, einordnen?

Ich denke, die AfD ist die Partei, die ähnliche Ideologien vertritt. Auch dort gibt es eine Jugendorganisation "Die Junge Alternative", genauso rechtspopulistisch und konservativ wie die Mutter-Partei AfD und ihre russischen Kollegen von LDPR. Die Parolen und Forderungen sind erschreckend ähnlich: "Dein Land braucht Dich!" "Russland den Russen / Deutschland den Deutschen!" Beide Parteien verstecken ihren Rechtsextremismus hinter patriotischen Positionen.

Wie war die Zusammenarbeit mit Wassilij? Gab es Schwierigkeiten beim Dreh in Moskau in der Zeit des Wahlkampfs?

Die Zusammenarbeit war an sich ganz gut, wenn man bedenkt, dass Wassilij, als kleines Rädchen im Getriebe der großen Partei, nicht frei ist, mir zu erlauben, alles von seinen Parteialltag zu drehen. Oft hatten wir ausgemacht, bestimmte Ereignisse zu drehen, doch kurz vor Drehbeginn kam von "oben" das Verbot. Besonders bitter war für mich die Absage, den Propaganda-Zug der LDPR drehen zu dürfen. Ich wollte ihn unbedingt drehen, den blau-gelben LDPR-Propaganda-Zug, der kurz vor den Präsidentenwahlen durch die Weiten Russlands rollt. Mehrere Wochen dauert eine Fahrt. Auf einer Fahrt werden etwa 160 Halte gemacht, ein blaues Rednerpult wird aufgebaut, und Wassilij und seine Parteigenossen reden direkt zum Volk, bei Regen, Schnee oder Matschwetter. Meist ist viel los auf dem Bahnsteig. Mich hat aber interessiert, was passiert während der 20 anstrengenden Tage im Zug, in engster Gemeinschaft? Was reden sie abends bei einem Gläschen Tee, wenn die Erschöpfung ihre Fassaden brüchig gemacht hat, und Frustration, Ärger oder heimliche Sehnsüchte ausbrechen? Was bewegt diese junge Garde tatsächlich? Sind es nur politische Slogans oder ganz gewöhnliche Probleme einer jungen Generation, die man überall kennt? Kurz vor dem Drehbeginn wurde uns mitgeteilt, dass wir doch nicht drehen dürfen. Ich vermute, die obere Partei-Etage wollte vermeiden, dass mein Team die Jugendlichen im Zug beim abendlichen Betrinken erwischen würde, wobei sie die Kontrolle verlieren könnten und uns streng geheime Informationen preisgeben würden.

Dein Film beobachtet Wassilij nicht einfach, sondern kommentiert sein Verhalten in gewisser Weise durch formale Mittel, wie Schnittfolgen, den Einsatz von Musik, die Kameraarbeit. Wie kamst Du zu diesem Konzept?

Ich wusste von Anfang an, wenn ich einen Dokumentarfilm über das "politische Theater Russlands" machen würde, sollte er Satire beinhalten. Diese habe ich in Form von Musik und Archivmaterial im Film eingesetzt. Die Bildsequenzen von der mächtigen Staatsduma, einem sozialistisch-achsensymmetrischen Bau im Herzen Moskaus begleitet leichte komödienhafte jazzige Saxophonmusik. Wir sehen Schirinowski und seine LDPR-Clique von einer Sitzung zur anderen durch die Duma-Korridore laufen. Die lustige Musik hilft den Zuschauern diesen Menschen ihre Ernsthaftigkeit nicht zu sehr abzunehmen. Es scheint, als gingen die Politiker von einer Theatervorführung zur nächsten, die Kostüme und Masken sitzen perfekt!
Ich arbeite gerne mit Gegenüberstellungen, wo das Gesagte durch bestimmte Bilder widerlegt wird. So habe ich auch in "Der Patriot" dieses formale Mittel benutzt. Ich hatte im Internet Videos von Schirinowski gefunden, die teilweise schockierend auf mich wirkten. Dort erlebt man Schirinowski in seinem wahren Auftreten: aggressiv, frauenfeindlich, antisemitisch und herrschsüchtig! Diese Videos habe ich als Parallelmontage mit Wlassows politischen Äußerungen kombiniert. Im Vergleich zu Schirinowski, wirken Wlassows Aussagen relativ sanft. In Kombination jedoch mit Wutausbrüchen seines "politischen Ziehvaters" wirken sie schon erschreckend anders. Schirinowski ist ja Wlassows Vorbild. Dadurch wirkt der ohnehin ambivalente Wassilij gar heuchlerisch und verbogen.

Hat Wassilij den Film gesehen und wie nahm er ihn auf?

Wassilij hat den Film noch nicht gesehen, aber wird sicherlich bald von mir eine DVD bekommen. Ich wollte von Anfang an ehrlich zu ihm sein und sagte ihm, dass mein Film eine gewisse Satire haben würde. Z.B. würde ich das Lied "Wasja" von der berühmten russischen Rockband "Bravo" verwenden. Dort geht es um einen coolen Typen namens Wasja (Kurzform von Wassilij), den alle in Moskau kennen, lieben und begehren. Natürlich wusste Wassilij gleich, dass ich ihn mit diesem Lied auf den Arm nehmen würde, aber er hat nicht protestiert. Humor hat er anscheinend!

Interview: Udo Bremer, Filmredaktion 3sat/ZDF

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