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Film

Ab 18! - Motorcycle Woman

Mit dem Motorrad durch ihr Land zu fahren, ist für Zenith Irfan (24) eine Selbstverständlichkeit. Doch ist auch die Gesellschaft Pakistans bereit, Frauen diese Freiheiten zuzugestehen?

Produktionsland und -jahr:
Deutschland , Pakistan 2019
Datum:
Verfügbar in
D / CH / A
Verfügbar bis:
bis 04.11.2020

Im Juni 2019 begibt sich Zenith Irfan auf einen Roadtrip und reist von ihrer Heimatstadt Lahore aus in die unwegsamen Regionen des Himalaja. Dabei gilt ihr besonderes Interesse den Begegnungen mit Frauen.

Zenith hat ihre Leidenschaft für das Motorradfahren von ihrem früh verstorbenen Vater übernommen. Ihre Mutter und auch ihr älterer Bruder haben sie dabei stets unterstützt und ihr Freiräume zur Selbstverwirklichung zugestanden. Dennoch wollen sie, dass auch Zenith spätestens mit 30 Jahren verheiratet ist und sich in die Rolle fügt, die ihr die konservativ und patriarchal geprägte Gesellschaft zuschreibt: Hausfrau und Mutter. Im urbanen Umfeld ihrer Heimatstadt Lahore wird Zenith in ihrem Freiheitsdrang zwar respektiert, sie genießt sogar eine gewisse Popularität: 2018 kam ein Spielfilm in die pakistanischen Kinos, der auf Zeniths Lebensgeschichte basiert. Doch über die sozialen Medien erreichen sie auch immer wieder Kommentare, die ihren Umgang mit den herkömmlichen Geschlechterrollen stark kritisieren.

Als Zenith nun zu einer Reise in die unwegsamen und von strengen Traditionen geprägten Bergregionen des Himalaja aufbricht, ist es ihr ein besonderes Anliegen, mehr über das Leben der Frauen dort herauszufinden. Doch obgleich man ihr auf ihrer Reise durchgehend mit Respekt, Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft begegnet, gelingt es ihr nicht, wirklich Kontakt zu den Frauen in den Bergen herzustellen. Ohne Anwesenheit und Zustimmung der Männer ist es den Frauen nicht erlaubt, mit Zenith vor der Kamera zu reden. Einmal mehr wird Zenith ihr privilegierter Sonderstatus klar. Was sie jedoch nicht davon abhält, weiterhin an ihrer Überzeugung festzuhalten: Lebe deinen Traum!

Sabiha Sumar, geboren 1966 in Karachi, gehört mit Sharmeen Obaid-Chinoy und Samar Minallah zu den drei einzigen unabhängigen pakistanischen Filmemacherinnen, deren Arbeiten internationale Verbreitung und Anerkennung erfahren haben. Sie ist vor allem für ihre Spiel- und Dokumentarfilme bekannt, die sich mit der Rolle der Frau, patriarchalen Strukturen und Fundamentalismus in ihrem Land beschäftigen, darunter "Kamosh Pani - Silent Waters" (2003), "Dinner with the President: A Nation's Journey" (2007), "Good Morning Karachi" (2013) und "Azmaish: A Journey through the Subcontinent" (2017).

Stab

  • Regie - Sabiha Sumar

Keine Gerechtigkeit für Frauen

Sechs Fragen an die Filmemacherin Sabiha Sumar zu ihrem Dokumentarfilm "Ab 18! – Motorcycle Woman"

Seit über 20 Jahren arbeitest du als freie Filmemacherin in Pakistan. In fast all deinen Filmen beschäftigst du dich mit der Rolle und Situation der Frauen in der pakistanischen Gesellschaft. Welche Veränderungen und Entwicklungen hinsichtlich Selbstbewusstsein und Stellung der Frauen hast du in den letzten Jahren beobachtet?

Sabiha Sumar: Als ich angefangen habe, Filme zu machen, wollte ich die Auswirkungen des Islamisierungsprozesses auf meine Gesellschaft im Allgemeinen und auf die Frauen im Besonderen beobachten. Im Jahr 1979 wurden neue Gesetze verabschiedet, die darauf abzielten, Frauen in einer untergeordneten Position zu halten. Benachteiligung von Frauen gibt es in vielen Gesellschaften, aber in Pakistan wurde diese Benachteiligung im privaten, persönlichen Bereich nun auch von der Gesetzgebung untermauert und legitimiert. So wurden Frauen kriminalisiert, die selbst entscheiden wollen, wen sie heiraten oder mit wem sie eine sexuelle Beziehung haben wollen oder wer das Sorgerecht für ihre Kinder im Falle einer Scheidung haben soll. Auch das Recht, ohne Einwilligung des Ehemannes überhaupt auf die Straße zu gehen, wurde ihnen entzogen.

Ab18!-"Motorcycle Woman"-Regisseurin Sabiha-Sumar
Regisseurin Sabiha-Sumar

Mit einem Schlag wurde Frauen ihr Recht auf Selbstbestimmung genommen. Die Gesetzeslage sieht vor, dass alles von Männern allein entschieden wird. Ich habe diese Entwicklung miterlebt und gesehen, wie sich unsere Gesellschaft von einer toleranten, liberalen in eine verwandelt hat, in der Frauen, qua Gesetz für minderwertig erklärt wurden. Es gab zwar einige Proteste von Frauengruppen, aber wir waren weder einflussreich noch stark genug, gegen den islamisierten Staat anzugehen. Während meiner Jahre als aktive Filmemacherin habe ich gesehen, wie sich die Situation der Frauen immer weiter verschlechtert hat. Aber wie so oft im Leben, ist das kein linearer Prozess. Es gibt viele parallele Entwicklungen, welche die vorgeschriebene, untergeordnete Rolle der Frauen konterkarieren. Zum Beispiel sind die Massenmedien in den letzten 15 Jahren enorm gewachsen, über 90 Kanäle sprossen in Pakistan wie Pilze aus dem Boden. Dieses Wachstum bedeutete für die Frauen, dass sie als Nachrichtensprecherinnen, Autorinnen, Schauspielerinnen, Produzentinnen etc. gebraucht wurden. Neue Arbeitsfelder entstanden und Frauen, die zuvor keine Chance hatten, einen Job zu finden – es sei denn, als Lehrerin oder Rezeptionistin – sahen sich plötzlich in "glamourösen" Jobs. Das bedeutete für die Frauen ökonomische Freiheit, sie konnten aus ihren Elternhäusern ausziehen und sich eine eigene Wohnung leisten. Aber das betrifft bis heute nur eine Minderheit in den großen Städten. Die Mehrheit der Bevölkerung lebt auf dem Land, wo der Wert einer Frau an die Ehre des Mannes gebunden ist.

In deinem Film sehen wir, wie sich deine Protagonistin Zenith Irfan in zwei gegensätzlichen Welten bewegt: einerseits in der mehr oder weniger offenen urbanen Gesellschaft, aus der sie kommt, und andererseits in den traditionell geprägten ländlichen Regionen Pakistans. Wie überraschend war es für Zenith, diese krassen Widersprüchlichkeiten zu erfahren, und wie schätzt du dieses Zusammenspiel der Kräfte in eurem Land ein?

Wir alle wissen, wie es ist, dennoch ist es immer noch ein Schock, wenn man der harten Lebensrealität der Frauen auf dem Land unmittelbar gegenüber steht. Zenith war entsetzt, wie arm die Frauen sind und wie gnadenlos ihnen selbst das grundlegende Recht auf Bildung verweigert wird. 60% der Bevölkerung Pakistans lebt auf dem Land, wo Großgrundbesitzer riesige Besitztümer kontrollieren und die Armen ohne Landbesitz wie Sklaven leben. Und während arme Männer wie Sklaven sind, sind Frauen noch viel weniger als Sklaven. Es gibt keine Möglichkeit für Gerechtigkeit für Frauen, wo Männer die Regeln machen, die alleine ihnen selbst nützen. Jede Entscheidung wird von den Männern der Familie getroffen, und wenn eine Angelegenheit kompliziert wird, wenn sich zum Beispiel eine Frau ihren Mann selbst aussuchen will, wird der Fall vor ein lokales Tribunal gebracht – der jirga -, das natürlich aus den männlichen Dorfältesten besteht. Das Überleben der Frauen hängt von der Gnade der Männer ab, die entweder großzügig sind, oder nicht.

Interessant für mich während der Dreharbeiten war, zu sehen, wie Zenith mit der Machtlosigkeit der Landfrauen und deren Bedürfnis nach Selbstbestimmung umgeht, und das dann im Film Zeniths eigener Reise und Entschlossenheit gegenüberzustellen. Ihre Freiheit wird umso deutlicher, wenn wir die Realität der Mehrheit der Frauen ihres Landes sehen.

Inwieweit kann man Zenith Irfan als typisch für eine neue Generation von "Millenial"-Frauen sehen? Siehst du in ihr ein Rollenmodel für die jungen Frauen Pakistans?

Es ist großartig, dass es in Pakistan junge Frauen wie Zenith gibt, die den Regeln unserer Gesellschaft trotzen. Diese Generation will Gleichberechtigung, und sie werden sie bekommen. Zenith akzeptiert kein "Nein!" als Antwort, denn ihr Leben hängt davon ab. Sie weiß, dass ihre Möglichkeiten zu wachsen limitiert bleiben, wenn nicht alle Frauen ihres Landes gemeinsam wachsen können.

Wie kam es zu deiner Entscheidung, einen Film mit und über Zenith und ihre Motorrad-Abenteuer zu machen?

Zenith hat mich mit ihrem Draufgängertum beeindruckt. Ich konnte mich in ihren Drang hineinversetzen, vorwärts zu gehen und dabei jeden Zentimeter des Weges wahrzunehmen und zu lernen. Als ich in ihrem Alter war, war ich nur eine von sehr wenigen Frauen, die sich gegen die patriarchalen Regeln der pakistanischen Gesellschaft aufgelehnt haben, und ich habe mich in meinem Kampf immer sehr einsam gefühlt. Es ist ermutigend zu sehen, dass es heute immer mehr junge Frauen gibt, die nicht bereit sind, eine untergeordnete Rolle als gegeben zu akzeptieren, und die Strategien finden, sich aus dieser Zwangslage zu befreien – auch wenn das Land nach wie vor konservativ und religiös geprägt ist. Das Internet mit seinen weltweiten Beispielen, wie Frauen leben können, hat vieles leichter gemacht. Das geht nicht verloren und hat Einfluss auf die Millenials. Sie saugen diesen Input auf und wenden ihn kreativ auf ihre eigene Lebenssituation an.

Hat Zenith schon mal die Landesgrenzen Pakistans überschritten? Für wie realistisch hältst du ihren Plan, die ganze Welt mit dem Motorrad zu bereisen? Wo sind die Grenzen, die auch Zenith akzeptieren muss?

Bislang noch nicht. Das hängt vor allem davon ab, ob sie ihre Mutter überzeugen kann, eine so lange Reise machen zu dürfen – ich habe aber das Gefühl, dass Zenith das schaffen wird. Und dann ist es auch eine Frage der Finanzierung. Für eine solche Reise bräuchte sie ein besseres Motorrad. An Entschlossenheit, Ausdauer und Mumm fehlt es ihr jedenfalls nicht - ich bin sicher, dass sie ihren Traum verwirklichen wird. Ich hoffe, dass ich sie dabei mit der Kamera begleiten kann.

Zenith hat bereits die Erfahrung gemacht, als Vorlage für eine Figur eines Spielfilms zu dienen. Wie hat sie auf deinen Dokumentarfilm reagiert?

Zenith mag es, ihre Geschichte zu erzählen. Sie ist sehr erfolgreich in den sozialen Medien und kann ihre Popularität gut für sich nutzen. Für sie war der Film eine weitere Möglichkeit, ihre Fragen und Neugier mit der Welt zu teilen und neue Erfahrungen zu machen.

(Interview: Katya Mader)

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