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"Ab 18! – Hinter unserem Horizont": Ein junger Mann mit kurzen Haaren sitzt mit ernstem Gesicht, eine nach unten gerichtete Filmkamera in den Händen, auf einem Platz im Gespräch zwei älteren Männern gegenüber. Dahinter vor Bäumen ein großer, enger Kreis von Dorfbewohnern, die zuhören.

Film

Ab 18! - Hinter unserem Horizont

Dennis und Patrick sind Journalisten und als junge Krisenreporter bekannt geworden. Ein gefährlicher Zwischenfall lässt die Brüder plötzlich über ihren gewählten Lebensweg nachdenken.

Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2020
Datum:
Sendetermin
26.10.2020
23:45 - 00:20 Uhr

Nach Berichten aus Ländern wie Burkina Faso, dem Kongo oder Afghanistan merken Dennis und Patrick auf einer ihrer letzten Missionen im Herzen Afrikas, dass sie hinterfragen sollten, was genau sie eigentlich antreibt, lebensgefährliche Risiken einzugehen.

Dennis und Patrick begeben sich auf eine Reise in ihre Vergangenheit und wählen dafür ihr intuitivstes Werkzeug: die Kamera. Ihre Spurensuche beginnt in ihrem Elternhaus in der ostwestfälischen Provinz - dort, wo sie als Kinder ihre ersten Amateurfilme drehten. Sie kehren aus ihrer Wahlheimat Vietnam nach Deutschland zurück und beginnen, die Kamera auf sich selbst zu richten und sich zu Protagonisten ihres Films zu machen.

Ihre Reise führt Dennis und Patrick auch in die Tiefen ihres Archivmaterials. Sie beschäftigen sich neu mit ihren Erfahrungen an der Taliban-Front, in den Rohingya-Flüchtlingscamps oder im Bürgerkrieg Zentralafrikas. Sie wollen herausfinden, was hinter den Szenen dieses Materials liegt und was es über ihre eigene Entwicklung aussagt.

Dadurch müssen Dennis und Patrick auch ultimativ infrage stellen, ob das Selbstbild, das sie von sich zeichnen, überhaupt Bestand hat - oder ob es sie nur weiter ins Risiko treibt. Tief in den Bergen Nordvietnams überdenken die Brüder ihre Vorstellung von Identität und versuchen, ihre Arbeit aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten.

Dennis und Patrick Weinert sind freie Dokumentarfotografen und Filmemacher, die sich in ihrer Arbeit mit Menschenrechten, sozialen Missständen und Konflikten beschäftigen. Geboren und aufgewachsen im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück, leben sie seit einigen Jahren in Vietnam, in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem einstigen Saigon. Ihre Arbeiten sind in verschiedenen Fernseh- und Online-Formaten von ARD, ZDF, ARTE sowie der Deutschen Welle zu sehen. 2018 zählte das "medium magazin" Dennis und Patrick Weinert zu Deutschlands Top-30-Journalisten und -Journalistinnen unter 30 Jahren. Für ihre Arbeit in Krisen- und Konfliktgebieten wurden sie 2020 für den Peter Scholl-Latour Preis nominiert.

‎"Ab 18! – Hinter unserem Horizont": Zwei junge Männer, von denen einer eine Kamera hält, stehen in ‎Jeans und dunklen Hemden auf einem Hügel und blicken in die Kamera. Im Hintergrund eine große ‎Ansammlung von Hütten.‎

Sozialdokumentarisch arbeiten

Interview mit Dennis und Patrick Weinert ("Hinter unserem Horizont")

Ihr seid TV- und Netz-Journalisten und berichtet meist aus Krisengebieten. Welche Bezeichnung ist euch eigentlich am liebsten: Kriegsreporter, Auslandsreporter oder einfach Reisejournalist?

Patrick:  Das ist gar nicht mal so einfach zu beantworten. Ich denke, wir bezeichnen zumindest unsere Arbeit allgemein meistens als sozialdokumentarisch. Das beschreibt dann eigentlich alles, mit dem wir uns beruflich befassen. In Krisengebieten kommen viele soziale Themen in sehr extremen Ausführungen zusammen. Da lernt man viele menschliche Facetten und Emotionen in kurzer Zeit kennen. Ich würde ungern so weit gehen und uns als Kriegsreporter bezeichnen, da es uns in erster Linie nicht um den Fakt geht, dass in einer Region Krieg herrscht. Ich denke, Auslandsreporter trifft es wohl ganz gut, da es bei uns zumindest auch immer um das Fremde geht, das am Ausland so interessant ist. Fremde Kulturen, fremde politische Zustände, fremde Denkmuster.

Dennis: Das sehe ich auch so. Tatsächliche Kriege decken wir als Reporter natürlich auch ab, aber eigentlich sehe ich unsere Aufgabe eher darin, dahin zu schauen, wo gerade wichtige Entwicklungen stattfinden, die in Deutschland und im Westen allgemein kaum beachtet oder zumindest nur viel zu knapp dargestellt werden. Deshalb berichten wir auch häufig aus Ländern, in denen man aktuell allgemein nicht von Krieg sprechen kann, wie z.B. Indien, Nepal, Kambodscha oder Indonesien.

Ihr seid keine ausgebildeten Filmemacher und auch nicht Absolventen einer Journalistenschule. Wie seid Ihr dahin gekommen, wo Ihr beruflich jetzt steht? Erzählt doch etwas über die Stationen eurer Karriere.

Patrick: Wie im Film kurz angedeutet, fanden unsere ersten Schritte schon sehr früh in unserer Kindheit statt. Damals hatten wir noch keinen Zugang zu YouTube oder anderen Internet-Seiten, um uns Tutorials zum Filmemachen anzuschauen. Wir hatten aber auch noch nie Lust, an institutionalisierten Kursen teilzunehmen. Es ging ja hauptsächlich um den Spaß an der Sache und ums Ausprobieren. Deshalb sind wir einfach der Devise "Learning by Doing" gefolgt, und das hat uns wahrscheinlich auch später noch insofern beeinflusst, dass wir uns recht sicher waren, dass wir es schon irgendwie hinbekommen, die Dinge selbst auf die Beine zu stellen.

"Ab 18! – Hinter unserem Horizont": Halbnahe Aufnahme eines jungem Mannes, der unter einem Regenponcho seine Kamera schützt und in die Kamera blickt.

Mit 17 oder 18 war für mich dann irgendwann klar, dass die Schule kaum noch Relevanz hatte für die Dinge, mit denen ich mich gerne beschäftige. Also haben wir einen Plan geschmiedet, wie wir beide etwas machen können, das uns sinnvoller erscheint. Wir wollten unser altes Hobby, das Filmemachen, zum Beruf werden lassen. Angefangen hat es mit kleinen Foto-und Videojobs, um uns dann weiteres günstiges Equipment kaufen zu können. Wir haben die meiste Zeit noch bei unseren Eltern gewohnt, deshalb hatten wir kaum Lebenshaltungskosten. Irgendwann haben wir uns dazu entschieden unser Erspartes für einen Trip nach Manila auf den Philippinen auszugeben.

Dennis: Dort wollten wir üben, dokumentarisch zu arbeiten. Wir hatten keine Vorerfahrung auf dem Feld, aber wir waren immer noch vom "Learning by Doing"-Konzept überzeugt. Nach knapp drei Wochen in den Slums dort, und mit ein paar Fotos und Kurz-Dokumentationen, die natürlich noch sehr amateurhaft waren, stand für uns fest, dass wir uns weiter mit dokumentarischer Arbeit beschäftigen wollen. Damals noch gar nicht mit dem Hintergedanken, das auch professionell zu tun, sondern schlicht aus dem Interesse an der Thematik.

Die nächsten drei Jahre haben wir dann jeden Cent, den wir durch kleine Werbejobs oder Mini-Dokus bekommen konnten, gespart. Sobald gerade genug Geld auf dem Konto war, um irgendwie eine Reise zu finanzieren, ging es los. Gereist sind wir dann immer unter sehr spartanischen Bedingungen. Aber das hat uns ermöglicht, Auslandserfahrung zu sammeln und uns mit den Themen, die wir interessant fanden, zu beschäftigen.

Zuerst haben wir einen Bildband mit einigen Erfahrungsberichten und Fotografien veröffentlicht. Dadurch haben wir etwas Medienaufmerksamkeit bekommen. Danach kam der WDR auf uns zu, um einen Film über eine unserer Reisen nach Indien und Nepal zu machen. Wir selbst waren also nicht die Filmemacher, sondern nur die Protagonisten und Kameraleute für dieses Projekt. Wir hatten immer einige nette Unterstützer, die uns auf verschiedene Arten, teils auch finanziell, geholfen haben. Wahrscheinlich nicht zuletzt, da wir unsere Amateurprojekte auch immer mit Spendenaktionen für Hilfsprojekte in den Ländern verbunden haben.

Patrick: Über mehrere Ecken wurde uns dann der Kontakt mit dem FUNK-Format "Y-Kollektiv" vermittelt, und wir konnten eine unserer Reportagen dort unterbringen. Von dort an konnten wir Erfahrung in einem professionellen journalistischen Umfeld sammeln. Das war auch das erste Mal, dass wir wirklich genug Geld mit unseren Reportagen verdient haben, um davon leben zu können.

Über den Verlauf dieser Zeit haben wir uns auch immer mehr zugetraut, in Krisengebiete zu reisen. Aber erst, nachdem wir genügend Erfahrung im Ausland sammeln konnten, damit uns die fremden Kulturen, die extreme Armut und die unkomfortablen Lebensumstände in wirtschaftlich schwächeren Ländern nicht mehr allzu viel abverlangt haben. So konnten wir uns in den Krisengebieten dann tatsächlich auf die Sicherheitsfragen konzentrieren, ohne dass der emotionale Druck durch die anderen Punkte noch oben drauf kam.

Dennis: Man kann also sagen, dass es für uns ganze drei Jahre gedauert hat. Jahre, in denen wir geübt haben und uns finanziell mit kleinen Werbeaufträgen und 450€-Jobs über Wasser halten mussten, um an dokumentarischen Projekten arbeiten zu können, bis wir schließlich den Zugang zum professionellen Journalismus eröffnet bekommen haben. Und selbst danach mussten wir noch viel lernen, um uns schließlich auch glaubhaft bei anderen Sendern und Formaten vorstellen zu können.

Wie ist eigentlich die Arbeitssituation mit den Kollegen in den Krisengebieten? Gibt es immer oder meist die bekannte harte Konkurrenz auf der Jagd nach der exklusiven Geschichte, dem wichtigsten oder prominentesten Gesprächspartner, den ersten oder wenigstens besten Bildern?

Dennis: Ich glaube, dass dieses Konkurrenzdenken zum Glück so langsam ausstirbt. Wirklich exklusive Bilder und Geschichten gibt es kaum noch, dafür ist die Anzahl an Journalisten weltweit und der einfachere Zugang zur notwendigen Ausrüstung viel zu groß geworden. In der jüngeren Generation herrscht eher das Verständnis, dass man sich gegenseitig unterstützt, Themen eventuell gemeinsam angeht; dafür vielleicht aus verschiedenen Blickwinkeln oder eben für das jeweilige Publikum speziell aufbereitet.

Patrick: Das Geschäft ist schon schwierig genug. Journalismus ist heutzutage deutlich schlechter bezahlt als zum Beispiel noch in den 90ern, aus denen wohl auch noch das klassische Image des mental verstümmelten Kriegsreporters stammt, der sich abends in der Kneipe das Trauma weg trinkt. Mittlerweile erkennen viele aber, dass man sich lieber Freunde im Geschäft macht, Kontakte weitergibt, weil wir alle wissen, dass wir selbst genauso gut auf solche Gefallen angewiesen sein werden. Natürlich muss man aber schon noch absprechen, dass man nicht eventuell die gleiche Geschichte demselben Kunden anbietet. Irgendwo, bleibt natürlich auch manchmal der Wunsch, die besten Bilder oder die exklusivste Geschichte zu bekommen. Das ist dann aber eher eine Frage des eigenen Antriebs und Stolzes. Und die Balance zwischen gesundem Antrieb und gefährlichem Stolz zu finden, stellt dabei nicht selten eine echte Herausforderung dar.

Dennis: Meistens treffen wir auch gar nicht auf besonders viele Kollegen, weil wir uns von Anfang an ja eher auf unterrepräsentierte Themen und dann auch noch auf dokumentarische Formen fokussiert haben. Hätten wir uns hingegen in das tagesaktuelle News-Geschäft gestürzt, sähe die Sache sicher etwas anders aus.

Gerade als junger Freiberufler ohne Kontakte und finanziellen Rückhalt einer Redaktion wäre es schwer, in einem aktuellen Brennpunkt mit den Etablierten mitzuhalten. Und ich fände diese Art des Journalismus für mich persönlich auch unbefriedigend, weil mir das oft zu kurzlebig und oberflächlich bleibt.

Im Film sprecht Ihr über das Dilemma, ehrlich berichten zu wollen, aber dabei in die Intimsphäre der Leute eindringen zu müssen, die Ihr filmt und fotografiert. Wie geht Ihr konkret damit um? Besprecht Ihr immer vor den Drehs, wie weit Ihr gehen wollt, oder handelt Ihr in den unterschiedlichen Situationen intuitiv?

Patrick: Das sind eher intuitive Entscheidungen. Manchmal können wir uns vorher Gedanken darüber machen, ob wir zum Beispiel Gesichter zeigen oder verschleiern. Oft merkt man aber in der Situation selbst, wie weit man gehen kann. Man muss lesen, wie die Menschen reagieren. Manchmal wollen sie ihre Situation offen zeigen, oder sogar zur Schau stellen. Manchmal spürt man eine gewisse Zurückhaltung, bei der wir dann auch nicht allzu aufdringlich sein können. Mal gibt es komplette Ablehnung. Meistens liegen Situationen irgendwo dazwischen, und man kann manche Dinge abbilden, aber merkt, dass es ab einem bestimmten Zeitpunkt auch reicht.

"Ab 18! -  Hinter unserem Horizont": Szenenfoto geflüchtete Rohingya in Bangladesch

Dennis: Trauernde Menschen zu filmen oder zu fotografieren ist oft heikel. Wenn wir das Gefühl bekommen, dass wir akzeptiert sind, habe ich moralisch weniger Bedenken, aber es fühlt sich trotzdem unangenehm an. Es ist ein Abwägen. Selbst wenn wir akzeptiert wurden, würde ich es nicht für richtig halten, einer weinenden Frau meine Kamera mit Serienauslösung direkt vor das Gesicht zu halten. Ich glaube aber, dass wenn man in erster Linie als Mitmensch vor Ort ist, und nur in zweiter Instanz als Journalist, man die Situationen schon halbwegs einschätzen kann.

Natürlich macht man auch mal Fehler oder geht zu weit. In diesem Fall können wir uns aber zum Glück immer noch dazu entscheiden, die Bilder nicht zu veröffentlichen.

Warum habt Ihr euch für die "Ab 18!"-Reihe beworben? Könnt Ihr euch erinnern, was genau der Auslöser für das Projekt "Hinter unserem Horizont" war?

Dennis: Wir hatten schon länger vor, das Videomaterial, das während unseres letzten Fotoprojekts entstanden ist, in einem nicht-journalistischen Film zu verwerten. Denn wir wussten, dass unsere persönliche Entwicklung den Wert haben könnte, eine Geschichte über die Probleme der Identitätsfindung zu erzählen. Eigentlich unabhängig davon hat uns ein Kollege dann von der früheren "Fremde Kinder"-Reihe erzählt. Dadurch sind wir auf die aktuelle "Ab 18!"-Reihe gestoßen.

Da hat es dann geklickt: dass wir selbst nicht nur als Regisseure für das Format arbeiten wollten, sondern auch als Protagonisten dort hineinpassen. So ist die Idee dazu entstanden, aus unserem Videomaterial und unserer Identitätsfindungsgeschichte einen Film für 3sat zu machen und dabei selbst Regie zu führen und zu produzieren.

Wie habt Ihr euch dabei gefühlt, auf einmal euch selbst zu filmen und mit euch als Protagonisten einen Film zu montieren?

Patrick: Wir waren noch nie die Typen, die gerne vor der Kamera stehen. Trotzdem ist das schon selbst bei einer Vielzahl unserer Reportagen der Fall. Wir haben uns aber immer als eine Brücke zu den eigentlichen Themen betrachtet. Als ein Werkzeug für den Zuschauer, um ihn für die tatsächliche Thematik zu interessieren. Diesmal waren aber wir selbst das Thema des Films. Und das hat neue Herausforderungen mit sich gebracht. Vor allem die Angst, selbstgefällig zu wirken, war sehr groß.

Dennis: Zuerst muss man sich ja die Frage stellen: Warum machen die beiden jetzt einen Film über sich selbst? Das allein kann ja schon sehr selbstverliebt wirken. Von daher war es uns wichtig, unsere Motivation sehr klar zu machen. Es ist kein Film, mit dem wir uns darstellen möchten, oder uns präsentieren wollen. In erster Linie ist es Film für uns selbst, um uns selbst besser zu verstehen. Die letztendlichen Erkenntnisse in unserem Film haben wir tatsächlich erst während des Dreh- und Schnittprozesses gemacht.

Diesmal waren nicht wir ein Werkzeug für den Film, sondern der Film ein Werkzeug für uns. Und da wir daraus etwas gelernt haben, in dem sich bestimmt auch andere Menschen wiederfinden können, finde ich es legitim und sogar wichtig, diesen Film und unsere Erkenntnisse auch anderen zugänglich zu machen.

Ihr habt, wie der Film zeigt, ein Vertrauensverhältnis zu euren Eltern. Welche Rolle haben sie für euch früher gespielt und welche spielen sie heute?

Patrick:  Unsere Eltern spielen vielleicht nicht die offensichtlichste Rolle in unserer Entwicklung als Filmemacher und Journalisten. Sie selbst haben mit diesen Berufen nie zu tun gehabt. Aber trotzdem haben sie natürlich eine essentielle Rolle gespielt, für die ich vor allem rückblickend sehr dankbar bin. Unsere Eltern haben immer den Standpunkt vertreten, dass sie uns Dinge haben ausprobieren lassen.

Schon als Jugendliche wollten wir auf Abenteuertrips durch die spanische Tabernas-Wüste, oder sind mit Militärklamotten durch den Schlamm im Wald gekrochen. Auch unsere frühen Horrorfilme haben sie uns drehen lassen und haben sogar in so manchem Film selbst mitgespielt.

Wir wurden nie in eine Richtung gezwungen und konnten verschiedene Dinge ausprobieren. Gleichzeitig waren sie aber auch oft skeptisch und haben wahrscheinlich mehrmals gehofft, dass wir schon selber merken, wie naiv oder sogar bescheuert unsere Ideen sind. Das hat wohl nicht so gut geklappt.

Dennis: Ich glaube, es war vor allem wichtig, dass sie uns in der Hinsicht nicht bevormundet haben. Ich sehe viele Jugendliche, die kaum Interessen und Hobbys haben, nicht wissen, was sie interessiert, und deshalb auch nicht wissen, was sie machen sollen. Anstatt die Dinge zu tun, die man von sich aus machen möchte, folgt man dann blind den Erwartungen anderer und wird in Zukunft unter Umständen ziemlich unglücklich.

Ich erwarte von unseren Eltern nicht, dass sie alles, was wir tun, mit Freudensprüngen begrüßen. Dafür wirken viele der Dinge, die wir tun, wahrscheinlich zu riskant oder einfach zu anders. Aber ich bin sehr froh darüber, dass wir so erzogen wurden, dass wir keine Angst davor haben, neue Dinge auszuprobieren und dass wir uns sicher sein können, dass wir letztendlich immer die Unterstützung unserer Eltern haben werden.

Patrick:  Heute sind sie außerdem der verlängerte Arm dessen, was Dennis und ich meistens schon automatisch zu zweit tun: über unsere Erlebnisse sprechen, sich mit uns auszutauschen. Im Film sieht man ja, dass wir oft über die Dinge mit ihnen reden, die uns belasten.

Ihr habt euch als Wohnort und berufliche Basis Vietnam ausgesucht. Weil Ihr fast ausschließlich in Asien arbeitet? Aber warum dann Vietnam? Das Land wird ja autokratisch regiert. Warum also nicht ein demokratisches Land wie Indien oder Indonesien?

Dennis: Wir arbeiten hauptsächlich in Asien und Afrika, wobei unsere Afrikareisen meist nur einmal im Jahr stattfinden. Innerhalb Asiens sind wir deutlich häufiger unterwegs. Insgesamt halten wir es für wichtig, dass man als Auslandsreporter versucht, ein möglichst tiefes Verständnis für die Regionen zu bekommen, aus denen man berichtet. Da gehört es natürlich dazu, dass man auch mal länger im Ausland lebt und einige der Schwierigkeiten dadurch in Ansätzen auch mal am eigenen Leib zu spüren bekommt.

Patrick:  Aber auch persönlich sind wir eher die Typen, die sich in asiatischen Gesellschaften langfristig wohler fühlen. Wir haben irgendwann den Entschluss gefasst, dass wir jedoch nicht direkt in dem Land arbeiten wollen, in dem wir leben. Vietnam ist eine gute Basis in Asien, sowohl geografisch als auch, was die Lebensumstände betrifft.

Wir haben vorher auch einige Zeit in anderen Ländern wie Thailand, Indien oder Nepal verbracht, doch es hat sich dann irgendwann herausgestellt, dass uns das Lebensgefühl hier in Vietnam besser gefällt als in den meisten anderen Ländern in der Region. Politisch ist die Situation definitiv schwierig. Aber nur weil ich in einem bestimmten Land lebe, heißt das ja nicht, dass ich alles, was die Politik dort treibt, gutheiße. Ob ich mich gerne in einem Land aufhalte, hängt eher von der Gesellschaft und den Menschen dort ab. Vietnam ist da ein gutes Beispiel, dass ein Schwarz-Weiß-Denken nicht funktionieren kann.

Der Film lässt offen, wie es bei euch beruflich weitergeht. Deshalb die Frage, die gerne von Vorgesetzten gestellt wird: Wo seht Ihr euch in zehn oder 15 Jahren? Habt Ihr konkrete oder allgemeine Wünsche und Ziele?

Patrick:  Auch wenn wir im Film nicht ganz klar damit sind, wie es weitergehen soll, geben wir einen kleinen Anhaltspunkt. Im Grunde wollen wir weiterhin an sozialdokumentarischen Projekten arbeiten, unter anderem auch in Krisengebieten. Aber da wir uns über den persönlichen Zweck nun klarer sind, wird sich die Art, in der wir das tun, wahrscheinlich ändern.

Das äußert sich eher subtil in meiner Denkweise, wie ich an bestimmte Themen herangehen möchte. Das Ziel in Zukunft ist definitiv, an längeren Filmen zu arbeiten; sich die Zeit nehmen zu können, über die bloßen technischen Fakten hinauszukommen und Geschichten zu erzählen, die etwas Größeres über das Leben und uns Menschen offenbaren.

Dennis: Die wichtigsten Dinge, die wir während unserer Arbeit lernen, sind oft andere als die sehr spezifischen Themen einer Reportage. Es wäre schön, wenn wir in Zukunft also eher diese Erfahrungen, die uns immer wieder in die verschiedenen Ecken der Welt ziehen, mit Leuten teilen könnten. Dabei sehe ich auch unseren Film "Hinter unserem Horizont" als Startpunkt, uns mehr in diese Richtung entwickeln zu können.

(Interview: Achim Forst)

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