Marlene Streeruwitz

Geboren 1950 in Baden (Niederösterreich).
Marlene Streeruwitz studierte Slawistik und Kunstgeschichte in Wien. Erste literarische Veröffentlichungen entstanden ab 1986, seit Anfang der 1990er-Jahre machte sie sich einen Namen als Hörspielautorin und Dramatikerin - ihre Stücke werden an zahlreichen wichtigen Bühnen aufgeführt. Zu ihren bekanntesten Theaterarbeiten zählen „Waikiki Beach“ (1992) und „Ocean Drive“ (1994). Ihr erster Roman „Verführungen“ kam 1996 im Suhrkamp Verlag heraus. Es folgten zahlreiche weitere Bücher, die mit renommierten Literaturpreisen bedacht wurden, so etwa mit dem Mara-Cassens-Preis (1997), dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis (2002) und dem Bremer Literaturpreis (2012). 1996 hatte sie die Tübinger Poetik-Dozentur inne.  Marlene Streeruwitz bezieht in Interviews, Essays und Zeitungsartikeln aus dezidiert feministischer Sicht immer wieder kritisch Stellung zu aktuellen Fragen der Zeitgeschichte und Tagespolitik – sie gilt als eine der politisch engagiertesten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart.

Blick ins Werk

Lughetto. Lugo. Lova. Conche. Valli. Chioggia. Die Straße von Valli nach Chioggia führte mitten über das Meer. Yseut fuhr mit offenen Fenstern. Das Meer. Das Meer auch so etwas Verheißungsvolles. Immer eine Verheißung und nie ein Wunder. Aber sie freute sich. Das Meer. Der Geruch. Das Licht. Sie setzte sich gerader auf. Schaltete das Radio ein. Werbung. Sie hörte der italienischen Stimme zu. Eine Männerstimme. Tief. Voll. Melodiöser Verkündigungston. Sie war da. Sie war in Italien. Sie fuhr über eine kühlblaue Lagune. Fischerboote. An Stangen festgemacht. Mitten im Wasser. Schaukelten im Wind. Die Sonne stand schon tief. Immer wieder von Wolken verdeckt. Das Wasser spiegelte dann den Wolkenhimmel, bis die Sonne wieder hervorkam und die Wellen zum Glitzern brachte. Sie musste seufzen. Wie wunderbar, hier zu sein. Wie wunderbar, allein zu sein. Wie schön, hier entlangzuflitzen. Im Radio wurde das nächste Waschmittel angepriesen. Sie schaltete ab. Nur schauen. Sie wollte nur schauen. Sie fuhr die vorgeschriebenen Stundenkilometer. Ließ sich in der rechten Spur dahingleiten. Schaute auf das Wasser hinaus. Rollte dahin. Lagune. Das war doch noch Meer. Sie wurde angehupt. Ein Lastwagen hinter ihr. Yseut schaute in den Rückspiegel. Der Fahrer hatte sich vorgebeugt und gestikulierte ihr. Fuhr auf. Der Lastwagen schob sie fast. Scherte dann aus. Fuhr neben ihr. Knapp. Yseut ließ sich zurückfallen. Der Fahrer schwenkte nach rechts. Vor sie hin. Dann bremste er. Er bremste scharf ab. Yseut musste hart auf die Bremse steigen. Sie musste so scharf bremsen, dass sich die Alarmblinkanlage einschaltete. Der Fahrer des Lastwagens hatte sie zu einer Notbremsung gezwungen. Yseut stieg aufs Gas. Sie schaltete den Turbo zu. Zog mit noch blinkenden Lichtern am Lastwagen vorbei. Zog davon. Sie blieb auf der linken Spur. Schaltete die Alarmlichter aus. Fuhr schnell. Sehr schnell. Von glitzerndem Wasser umgeben, segelte sie davon.

(Leseprobe aus dem Roman „Yseut“ - © S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

Bücher


New York. New York. Elysian Park.
Zwei Stücke, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1993

Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre.
Roman, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1996

Nachwelt.
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1999

Partygirl.
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2002

Morire in Levitate.
Novelle, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2004

Jessica, 30.
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2004

Kreuzungen.
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2008

Das wird mir alles nicht passieren ... Wie bleibe ich FemistIn.
Essay/s, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2010

Die Schmerzmacherin.
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2011

Nachkommen.
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2014

Poetik.
Tübinger und Frankfurter Vorlesungen.
Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2014

Yseut.
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2016

Auszeichnungen

 

1997
Mara-Cassens-Preis des Hamburger Literaturhauses

2001
Hermann-Hesse-Preis
Literaturpreis der Stadt Wien

2002
Walter-Hasenclever-Literaturpreis

2008
Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark

2012
Bremer Literaturpreis

2015
Franz-Nabl-Preis der Stadt Graz

Ein „Kulturzeit“-Gespräch mit Marlene Streeruwitz vom 20. Dezember 2016
zur Zukunft der Demokratie

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Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Marlene Streeruwitz

    Geboren 1950 in Baden (Niederösterreich).
    Marlene Streeruwitz studierte Slawistik und Kunstgeschichte in Wien. Erste literarische Veröffentlichungen entstanden ab 1986, seit Anfang der 1990er-Jahre machte sie sich einen Namen als Hörspielautorin und Dramatikerin - ihre Stücke werden an zahlreichen wichtigen Bühnen aufgeführt. Zu ihren bekanntesten Theaterarbeiten zählen „Waikiki Beach“ (1992) und „Ocean Drive“ (1994). Ihr erster Roman „Verführungen“ kam 1996 im Suhrkamp Verlag heraus. Es folgten zahlreiche weitere Bücher, die mit renommierten Literaturpreisen bedacht wurden, so etwa mit dem Mara-Cassens-Preis (1997), dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis (2002) und dem Bremer Literaturpreis (2012). 1996 hatte sie die Tübinger Poetik-Dozentur inne.  Marlene Streeruwitz bezieht in Interviews, Essays und Zeitungsartikeln aus dezidiert feministischer Sicht immer wieder kritisch Stellung zu aktuellen Fragen der Zeitgeschichte und Tagespolitik – sie gilt als eine der politisch engagiertesten deutschsprachigen Autorinnen der Gegenwart.

  • Blick ins Werk

    Lughetto. Lugo. Lova. Conche. Valli. Chioggia. Die Straße von Valli nach Chioggia führte mitten über das Meer. Yseut fuhr mit offenen Fenstern. Das Meer. Das Meer auch so etwas Verheißungsvolles. Immer eine Verheißung und nie ein Wunder. Aber sie freute sich. Das Meer. Der Geruch. Das Licht. Sie setzte sich gerader auf. Schaltete das Radio ein. Werbung. Sie hörte der italienischen Stimme zu. Eine Männerstimme. Tief. Voll. Melodiöser Verkündigungston. Sie war da. Sie war in Italien. Sie fuhr über eine kühlblaue Lagune. Fischerboote. An Stangen festgemacht. Mitten im Wasser. Schaukelten im Wind. Die Sonne stand schon tief. Immer wieder von Wolken verdeckt. Das Wasser spiegelte dann den Wolkenhimmel, bis die Sonne wieder hervorkam und die Wellen zum Glitzern brachte. Sie musste seufzen. Wie wunderbar, hier zu sein. Wie wunderbar, allein zu sein. Wie schön, hier entlangzuflitzen. Im Radio wurde das nächste Waschmittel angepriesen. Sie schaltete ab. Nur schauen. Sie wollte nur schauen. Sie fuhr die vorgeschriebenen Stundenkilometer. Ließ sich in der rechten Spur dahingleiten. Schaute auf das Wasser hinaus. Rollte dahin. Lagune. Das war doch noch Meer. Sie wurde angehupt. Ein Lastwagen hinter ihr. Yseut schaute in den Rückspiegel. Der Fahrer hatte sich vorgebeugt und gestikulierte ihr. Fuhr auf. Der Lastwagen schob sie fast. Scherte dann aus. Fuhr neben ihr. Knapp. Yseut ließ sich zurückfallen. Der Fahrer schwenkte nach rechts. Vor sie hin. Dann bremste er. Er bremste scharf ab. Yseut musste hart auf die Bremse steigen. Sie musste so scharf bremsen, dass sich die Alarmblinkanlage einschaltete. Der Fahrer des Lastwagens hatte sie zu einer Notbremsung gezwungen. Yseut stieg aufs Gas. Sie schaltete den Turbo zu. Zog mit noch blinkenden Lichtern am Lastwagen vorbei. Zog davon. Sie blieb auf der linken Spur. Schaltete die Alarmlichter aus. Fuhr schnell. Sehr schnell. Von glitzerndem Wasser umgeben, segelte sie davon.

    (Leseprobe aus dem Roman „Yseut“ - © S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

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  • Bücher

    Eine Auswahl


    New York. New York. Elysian Park.
    Zwei Stücke, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1993

    Verführungen. 3. Folge. Frauenjahre.
    Roman, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 1996

    Nachwelt.
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1999

    Partygirl.
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2002

    Morire in Levitate.
    Novelle, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2004

    Jessica, 30.
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2004

    Kreuzungen.
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2008

    Das wird mir alles nicht passieren ... Wie bleibe ich FemistIn.
    Essay/s, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2010

    Die Schmerzmacherin.
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2011

    Nachkommen.
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2014

    Poetik.
    Tübinger und Frankfurter Vorlesungen.
    Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag 2014

    Yseut.
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2016

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

     

    1997
    Mara-Cassens-Preis des Hamburger Literaturhauses

    2001
    Hermann-Hesse-Preis
    Literaturpreis der Stadt Wien

    2002
    Walter-Hasenclever-Literaturpreis

    2008
    Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark

    2012
    Bremer Literaturpreis

    2015
    Franz-Nabl-Preis der Stadt Graz

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