Arnold Stadler

Geboren 1954 in Meßkirch.
Arnold Stadler wuchs auf einem Bauernhof in Rast (Oberschwaben) unweit seines Geburtsortes auf. Er studierte Katholische Theologie in München und Rom, danach Germanistik in Freiburg, Köln und Bonn. 1986 promovierte er mit einer Arbeit über die Psalmen im Werk Bertolt Brechts und Paul Celans zum Dr. phil. Im gleichen Jahr kam Stadlers Erstlingswerk, der Gedichtband „Kein Herz und keine Seele“, in einem kleinen Verlag in St. Gallen heraus; sein erster Roman „Ich war einmal“ erschien drei Jahre später im Salzburger Residenz Verlag. Seine zahlreichen weiteren Bücher wurden u.a. mit dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis (1998), dem Stefan-Andres-Preis (2004) und dem Kleist-Preis (2009) ausgezeichnet. Im Jahr 1999 erhielt er den Georg-Büchner-Preis. Arnold Stadler lebt in Rast und in Sallahn im Wendland.

Blick ins Werk

1. Mausi
Was ist Glück? Nachher weiß man es.
Mausi lag da und lebte. Sie lag in ihren weißen elegant-robusten Bruno-Paul-Korbmöbeln vom Sonnendeck des längst untergegangenen Norddeutschen Lloyddampfers Columbus.  Ja, sie lebte, leichtbekleidet und erwartungsvoll, und hatte gerade in Inges Geburtstagsgeschenk P. S. I love you zu lesen begonnen, im Original, denn sie war eine Übersetzerin, die von so etwas träumte. Es gab keinen schöneren Titel als P. S. I love you, dachte sie. Das Lied, das genauso hieß, kannte sie auch schon: “Yesterday we had some rain, but on the whole, I can’t Complain“ ... So wie es Rudy Vallée 1934 gesungen hatte. Was waren schon siebzig Jahre, wenn sie vorbei waren. The Hilltoppers aus den vierziger Jahren waren aber auch nicht schlecht.
Es war auf ihrer Dachterrassenlandschaft in der Haberlandstraße. Für den Abend stand die  Tosca mit Inge und Justus auf dem Programm. Der Gutschein für die zwei Tosca-Karten  stammte von jenen Freunden, denen Mausi zweihundert Euro wert war. Das Wort Gutschein war eigentlich schon gänsehauterregend. Für die Karte von Alain, also für den Platz neben  Mausi, hatte Justus, wie er sagte, einen idealen Ersatz gefunden.
„Lass dich überraschen!“ Nur so viel wollte er verraten: „Es ist ein blonder Däne.“ War das nicht eine Tautologie? Dachte sich Mausi, und das hätte schon wieder der Titel eines Liebesromans sein können: Der blonde Däne. Ein tautologischer Liebesroman, geschrieben von einem Menschen, der das Leben hinter sich hatte, und sich noch sehr wohl daran erinnern konnte, und auch noch daran, was die Liebe für ein seltsames Ding war. Eigentlich nur geglückt in einem Liebesroman und gelesen von ebensolchen Menschen wie Mausi, Frauen wie Mausi, als wären sie von der Natur für die Liebe wie das Lesen von Liebesgeschichten vorgesehen, Liebesgeschichten, die vom Leben als Glück gedacht, von der Schriftstellerin jedoch als Unglück beschrieben werden mussten, das sich im letzten Augenblick noch in ein Entsagungsglück wendete.

(Leseprobe aus dem Roman „Rauschzeit“ - © S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

Bücher


Kein Herz und keine Seele. Man muss es singen können
Gedichte, St. Gallen: Erker Verlag 1986

Ich war einmal
Roman, Salzburg: Residenz Verlag 1989

Mein Hund, meine Sau, mein Leben
Roman, Salzburg: Residenz Verlag 1994

Der Tod und ich, wir zwei
Roman, Salzburg: Residenz Verlag 1996

Ein hinreißender Schrotthändler
Roman, Köln: DuMont Verlag 1999

Erbarmen mit dem Seziermesser
Über Literatur, Menschen und Orte
Köln: DuMont Verlag 2000

Sehnsucht. Versuch über das erste Mal
Roman, Köln: DuMont Verlag 2000

Eines Tages, vielleicht auch nachts
Roman, Salzburg u. Wien: Verlag Jung und Jung 2003

Komm, gehen wir
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2007

Salvatore
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2008

Rauschzeit
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2016

Auszeichnungen

Eine Auswahl

 

1995
Nicolas-Born-Preis für Lyrik der Hubert-Burda-Stiftung

1996
Thaddäus-Troll-Preis

1998
Marie-Luise-Kaschnitz-Preis der Evangelischen Akademie Tutzing

1999
Georg-Büchner-Preis

2004
Stefan-Andres-Preis der Stadt Schweich

2009
Kleist-Preis

2010
Johann-Peter-Hebel-Preis

2014
Bodensee-Literaturpreis der Stadt Überlingen


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Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Arnold Stadler

    Geboren 1954 in Meßkirch.
    Arnold Stadler wuchs auf einem Bauernhof in Rast (Oberschwaben) unweit seines Geburtsortes auf. Er studierte Katholische Theologie in München und Rom, danach Germanistik in Freiburg, Köln und Bonn. 1986 promovierte er mit einer Arbeit über die Psalmen im Werk Bertolt Brechts und Paul Celans zum Dr. phil. Im gleichen Jahr kam Stadlers Erstlingswerk, der Gedichtband „Kein Herz und keine Seele“, in einem kleinen Verlag in St. Gallen heraus; sein erster Roman „Ich war einmal“ erschien drei Jahre später im Salzburger Residenz Verlag. Seine zahlreichen weiteren Bücher wurden u.a. mit dem Marie-Luise-Kaschnitz-Preis (1998), dem Stefan-Andres-Preis (2004) und dem Kleist-Preis (2009) ausgezeichnet. Im Jahr 1999 erhielt er den Georg-Büchner-Preis. Arnold Stadler lebt in Rast und in Sallahn im Wendland.

  • Blick ins Werk

    1. Mausi
    Was ist Glück? Nachher weiß man es.
    Mausi lag da und lebte. Sie lag in ihren weißen elegant-robusten Bruno-Paul-Korbmöbeln vom Sonnendeck des längst untergegangenen Norddeutschen Lloyddampfers Columbus.  Ja, sie lebte, leichtbekleidet und erwartungsvoll, und hatte gerade in Inges Geburtstagsgeschenk P. S. I love you zu lesen begonnen, im Original, denn sie war eine Übersetzerin, die von so etwas träumte. Es gab keinen schöneren Titel als P. S. I love you, dachte sie. Das Lied, das genauso hieß, kannte sie auch schon: “Yesterday we had some rain, but on the whole, I can’t Complain“ ... So wie es Rudy Vallée 1934 gesungen hatte. Was waren schon siebzig Jahre, wenn sie vorbei waren. The Hilltoppers aus den vierziger Jahren waren aber auch nicht schlecht.
    Es war auf ihrer Dachterrassenlandschaft in der Haberlandstraße. Für den Abend stand die  Tosca mit Inge und Justus auf dem Programm. Der Gutschein für die zwei Tosca-Karten  stammte von jenen Freunden, denen Mausi zweihundert Euro wert war. Das Wort Gutschein war eigentlich schon gänsehauterregend. Für die Karte von Alain, also für den Platz neben  Mausi, hatte Justus, wie er sagte, einen idealen Ersatz gefunden.
    „Lass dich überraschen!“ Nur so viel wollte er verraten: „Es ist ein blonder Däne.“ War das nicht eine Tautologie? Dachte sich Mausi, und das hätte schon wieder der Titel eines Liebesromans sein können: Der blonde Däne. Ein tautologischer Liebesroman, geschrieben von einem Menschen, der das Leben hinter sich hatte, und sich noch sehr wohl daran erinnern konnte, und auch noch daran, was die Liebe für ein seltsames Ding war. Eigentlich nur geglückt in einem Liebesroman und gelesen von ebensolchen Menschen wie Mausi, Frauen wie Mausi, als wären sie von der Natur für die Liebe wie das Lesen von Liebesgeschichten vorgesehen, Liebesgeschichten, die vom Leben als Glück gedacht, von der Schriftstellerin jedoch als Unglück beschrieben werden mussten, das sich im letzten Augenblick noch in ein Entsagungsglück wendete.

    (Leseprobe aus dem Roman „Rauschzeit“ - © S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main)

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    Eine Auswahl


    Kein Herz und keine Seele. Man muss es singen können
    Gedichte, St. Gallen: Erker Verlag 1986

    Ich war einmal
    Roman, Salzburg: Residenz Verlag 1989

    Mein Hund, meine Sau, mein Leben
    Roman, Salzburg: Residenz Verlag 1994

    Der Tod und ich, wir zwei
    Roman, Salzburg: Residenz Verlag 1996

    Ein hinreißender Schrotthändler
    Roman, Köln: DuMont Verlag 1999

    Erbarmen mit dem Seziermesser
    Über Literatur, Menschen und Orte
    Köln: DuMont Verlag 2000

    Sehnsucht. Versuch über das erste Mal
    Roman, Köln: DuMont Verlag 2000

    Eines Tages, vielleicht auch nachts
    Roman, Salzburg u. Wien: Verlag Jung und Jung 2003

    Komm, gehen wir
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2007

    Salvatore
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2008

    Rauschzeit
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2016

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

    Eine Auswahl

     

    1995
    Nicolas-Born-Preis für Lyrik der Hubert-Burda-Stiftung

    1996
    Thaddäus-Troll-Preis

    1998
    Marie-Luise-Kaschnitz-Preis der Evangelischen Akademie Tutzing

    1999
    Georg-Büchner-Preis

    2004
    Stefan-Andres-Preis der Stadt Schweich

    2009
    Kleist-Preis

    2010
    Johann-Peter-Hebel-Preis

    2014
    Bodensee-Literaturpreis der Stadt Überlingen