Raoul Schrott

Geboren 1964 in Landeck (Tirol).
Raoul Schrott ist in Landeck, Zürich und Tunis aufgewachsen. Nach seinem Studium der Sprach- und Literaturwissenschaft in Norwich, Paris, Innsbruck und Berlin war er für kurze Zeit als Privatsekretär des berühmten Surrealisten Philippe Soupault tätig. 1988 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Arbeit über den Dadaismus. Von 1990 bis 1993 arbeitete Schrott als Universitätslektor für das Fach Germanistik am "Istituto Orientale" in Neapel. Danach habilitierte er sich am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Innsbruck. Schrott hat sich einen Namen als Herausgeber, Lyriker, Roman- und Hörspielautor, Übersetzer und Essayist gemacht. Erste literarische Arbeiten erschienen Ende der 1980er-Jahre. Zu seinen wichtigsten Werken gehören die Romane "Finis Terrae" (1995) und "Tristan da Cunha" (2003), die Novelle "Die Wüste Lop Nor" (2000), die Gedichtbände "Hotels" (1997) und "Tropen. Über das Erhabene" (1998) sowie die Nachdichtung des "Gilgamesh"-Epos (2001). Großes Aufsehen erregte der 1997 erschienene Band "Die Erfindung der Poesie", in dem er von ihm neu übersetzte Gedichte aus allen Kulturen der letzten 4.000 Jahre präsentiert - Schrott beherrscht zahlreiche seltene Sprachen, u.a. Provençalisch, Okzitanisch und Gälisch. Seine 2008 bei Hanser erschienene Neuübertragung von Homers „Ilias“ hat innerhalb der Altphilologie und der Assyriologie eine kontroverse Diskussion ausgelöst. Raoul Schrotts Bücher wurden vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Rauriser Literaturpreis des Landes Salzburg (1996), dem Peter-Huchel-Lyrikpreis (1999) und dem Joseph-Breitbach-Preis (2004).

Blick ins Werk

Da ist der Hügel des Klaratsbergs, dort die gekappte Flanke der Hohen Niederen und die Horizontlinie der Kanisfluh, aus der die Mittagsspitze hervorsticht. Da sind Höfe und Häuser, die Masten einer Stromleitung, ein Kirchturm, an der Unterseite graue Wolken, das dunkle Grün des Waldes vor dem helleren der Wiesen, das Blau des Himmels, die stechende Sonne im Augenwinkel, die vom Fenster reflektierte Hälfte meines Gesichts, Stühle, der Tisch und eine Liege, Holz, Mauern, Wege, ein Hund, Nachbarn, Sommerkleider, Augen, Haut, Fleisch und Knochen, ohne dass ich wirklich sehe, was: nur dass sie sind. Alles ist da, jetzt, vorhanden, voll und dennoch flächig, gleichsam überhängend.
Nachts auf der Terrasse fällt die Vorstellung leicht, dass die Erde sich aufwölbt und das Universum umschliesst, sich langsam um seinen dunklen Kern drehend, im primum mobile einer äussersten Sphäre, von der aus die Sterne und die Milchstrasse überschaubar wirken, während morgens die Hohlkugel der Erde über einen nunmehr glasig gewordenen Ball gleitet, an dem die Sonne haftet. Da ist kurz der Moment, an dem man vermeint, Kopf voran ins Innere zu stürzen, doch dann hält einen all das wechselseitig sich Bestimmende und ineinander Verlaufende, bei dem der Himmel in den Berg, der Wald in den Garten und die Worte in Sätze übergehen, um eine konvexe Krümmung zu bilden, die in allem rückbezüglich auf uns scheint.
Nichts an der eigenen Beobachtung liesse dies fraglich werden. Wenn die Lichtstrahlen nach einem Gewitter durch den Dunst brechen, steht die untergehende Sonne manchmal weiterhin am Himmel, reicht die Fernsicht viel zu weit, ragen Berge auf, die man auf der abwärts gekrümmten Erdoberfläche eigentlich nicht sehen dürfte; und an kalten, vom Wind freigewehten Tagen fahren weiter entfernte Schiffe über nähere Boote hinweg, der Horizont sichtbar darüber.

(Leseprobe aus dem Buch „Erste Erde. Epos“ (aus dem Vorwort) - © 2016 Carl Hanser Verlag, München)

Bücher


Makame
Gedichte, Innsbruck: Haymon Verlag 1989

Finis Terrae. Ein Nachlass
Roman, Innsbruck: Haymon Verlag 1995

Hotels
Gedichte, Innsbruck: Haymon Verlag 1995

Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren
Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 1997 (= Die Andere Bibliothek.)

Tropen. Über das Erhabene
Gedichte, München: Carl Hanser Verlag 1998

Die Wüste Lop Nor
Novelle, München: Carl Hanser Verlag 2000

Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde
Roman, München: Carl Hanser Verlag 2003

Handbuch der Wolkenputzerei
Gesammelte Essays, München: Carl Hanser Verlag 2005

 

Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe
München: Carl Hanser Verlag 2008

 

Ilias
Neu übertragen von Raoul Schrott
München: Carl Hanser Verlag 2008

Das schweigende Kind
Erzählung, München: Carl Hanser Verlag 2012

Die Kunst an nichts zu glauben
Gedichte, München: Carl Hanser Verlag 2015

Erste Erde. Epos
München: Carl Hanser Verlag 2016

Auszeichnungen

 

1994
Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb

1995
Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt

1996
Rauriser Literaturpreis des Landes Salzburg

1999
Peter-Huchel-Lyrikpreis

2004
Mainzer Stadtschreiber
Joseph-Breitbach-Preis

2009
Tiroler Landespreis für Kunst


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Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Raoul Schrott

    Geboren 1964 in Landeck (Tirol).
    Raoul Schrott ist in Landeck, Zürich und Tunis aufgewachsen. Nach seinem Studium der Sprach- und Literaturwissenschaft in Norwich, Paris, Innsbruck und Berlin war er für kurze Zeit als Privatsekretär des berühmten Surrealisten Philippe Soupault tätig. 1988 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Arbeit über den Dadaismus. Von 1990 bis 1993 arbeitete Schrott als Universitätslektor für das Fach Germanistik am "Istituto Orientale" in Neapel. Danach habilitierte er sich am Institut für Vergleichende Literaturwissenschaft der Universität Innsbruck. Schrott hat sich einen Namen als Herausgeber, Lyriker, Roman- und Hörspielautor, Übersetzer und Essayist gemacht. Erste literarische Arbeiten erschienen Ende der 1980er-Jahre. Zu seinen wichtigsten Werken gehören die Romane "Finis Terrae" (1995) und "Tristan da Cunha" (2003), die Novelle "Die Wüste Lop Nor" (2000), die Gedichtbände "Hotels" (1997) und "Tropen. Über das Erhabene" (1998) sowie die Nachdichtung des "Gilgamesh"-Epos (2001). Großes Aufsehen erregte der 1997 erschienene Band "Die Erfindung der Poesie", in dem er von ihm neu übersetzte Gedichte aus allen Kulturen der letzten 4.000 Jahre präsentiert - Schrott beherrscht zahlreiche seltene Sprachen, u.a. Provençalisch, Okzitanisch und Gälisch. Seine 2008 bei Hanser erschienene Neuübertragung von Homers „Ilias“ hat innerhalb der Altphilologie und der Assyriologie eine kontroverse Diskussion ausgelöst. Raoul Schrotts Bücher wurden vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem Rauriser Literaturpreis des Landes Salzburg (1996), dem Peter-Huchel-Lyrikpreis (1999) und dem Joseph-Breitbach-Preis (2004).

  • Blick ins Werk

    Da ist der Hügel des Klaratsbergs, dort die gekappte Flanke der Hohen Niederen und die Horizontlinie der Kanisfluh, aus der die Mittagsspitze hervorsticht. Da sind Höfe und Häuser, die Masten einer Stromleitung, ein Kirchturm, an der Unterseite graue Wolken, das dunkle Grün des Waldes vor dem helleren der Wiesen, das Blau des Himmels, die stechende Sonne im Augenwinkel, die vom Fenster reflektierte Hälfte meines Gesichts, Stühle, der Tisch und eine Liege, Holz, Mauern, Wege, ein Hund, Nachbarn, Sommerkleider, Augen, Haut, Fleisch und Knochen, ohne dass ich wirklich sehe, was: nur dass sie sind. Alles ist da, jetzt, vorhanden, voll und dennoch flächig, gleichsam überhängend.
    Nachts auf der Terrasse fällt die Vorstellung leicht, dass die Erde sich aufwölbt und das Universum umschliesst, sich langsam um seinen dunklen Kern drehend, im primum mobile einer äussersten Sphäre, von der aus die Sterne und die Milchstrasse überschaubar wirken, während morgens die Hohlkugel der Erde über einen nunmehr glasig gewordenen Ball gleitet, an dem die Sonne haftet. Da ist kurz der Moment, an dem man vermeint, Kopf voran ins Innere zu stürzen, doch dann hält einen all das wechselseitig sich Bestimmende und ineinander Verlaufende, bei dem der Himmel in den Berg, der Wald in den Garten und die Worte in Sätze übergehen, um eine konvexe Krümmung zu bilden, die in allem rückbezüglich auf uns scheint.
    Nichts an der eigenen Beobachtung liesse dies fraglich werden. Wenn die Lichtstrahlen nach einem Gewitter durch den Dunst brechen, steht die untergehende Sonne manchmal weiterhin am Himmel, reicht die Fernsicht viel zu weit, ragen Berge auf, die man auf der abwärts gekrümmten Erdoberfläche eigentlich nicht sehen dürfte; und an kalten, vom Wind freigewehten Tagen fahren weiter entfernte Schiffe über nähere Boote hinweg, der Horizont sichtbar darüber.

    (Leseprobe aus dem Buch „Erste Erde. Epos“ (aus dem Vorwort) - © 2016 Carl Hanser Verlag, München)

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  • Bücher

    Eine Auswahl


    Makame
    Gedichte, Innsbruck: Haymon Verlag 1989

    Finis Terrae. Ein Nachlass
    Roman, Innsbruck: Haymon Verlag 1995

    Hotels
    Gedichte, Innsbruck: Haymon Verlag 1995

    Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus den ersten viertausend Jahren
    Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 1997 (= Die Andere Bibliothek.)

    Tropen. Über das Erhabene
    Gedichte, München: Carl Hanser Verlag 1998

    Die Wüste Lop Nor
    Novelle, München: Carl Hanser Verlag 2000

    Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Erde
    Roman, München: Carl Hanser Verlag 2003

    Handbuch der Wolkenputzerei
    Gesammelte Essays, München: Carl Hanser Verlag 2005

     

    Homers Heimat. Der Kampf um Troia und seine realen Hintergründe
    München: Carl Hanser Verlag 2008

     

    Ilias
    Neu übertragen von Raoul Schrott
    München: Carl Hanser Verlag 2008

    Das schweigende Kind
    Erzählung, München: Carl Hanser Verlag 2012

    Die Kunst an nichts zu glauben
    Gedichte, München: Carl Hanser Verlag 2015

    Erste Erde. Epos
    München: Carl Hanser Verlag 2016

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

     

    1994
    Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb

    1995
    Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt

    1996
    Rauriser Literaturpreis des Landes Salzburg

    1999
    Peter-Huchel-Lyrikpreis

    2004
    Mainzer Stadtschreiber
    Joseph-Breitbach-Preis

    2009
    Tiroler Landespreis für Kunst