Silke Scheuermann

Geboren 1973 in Karlsruhe.
Silke Scheuermann studierte Theater- und Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main, Leipzig und Paris. Nach literarischen Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften erschien 2001 ihr erstes Buch, der Lyrikband „Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen“, bei Suhrkamp. Für ihre in der Folge erschienenen Erzählungen, Gedichte und Romane erhielt sie zahlreiche Stipendien und Preise, etwa den Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt im Jahr 2001, das Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo (2009) sowie den mit 20.000 Euro dotierten Hölty-Preis für Lyrik 2014. Zuletzt wurde sie mit dem Bertolt-Brecht-Literaturpreis der Stadt Augsburg und dem Robert-Gernhardt-Preis des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen (beide 2016) geehrt. Silke Scheuermann ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland und lebt in Offenbach am Main.

Blick ins Werk

„Glaubst du, das ist eine tote Nutte?“
Ich drehe mich um. Ein Stück über mir an der Böschung steht ein Junge, den ich hier noch nie gesehen habe.
Von seinem Geschrei sind die Blesshühner, Enten und Nilgänse aufgeschreckt worden, die sich am Ufer versteckt halten; sie flattern wild durcheinander. Es ist sehr früher Morgen, ich kann die Nacht noch in der Luft riechen; Nebelreste qualmen über dem Flusswasser.
„Nein, ganz bestimmt nicht!“, gebe ich ärgerlich zurück.
„Es könnte ja sein, Mann. Die liegt da so!“ Er zuckt mit den Achseln.
Seine blonden Haare glänzen in der Sonne, die direkt hinter ihm aufgegangen ist und ihn beleuchtet wie einen Filmhelden. Gerade habe ich beschlossen, ihn einfach nicht mehr zu beachten, da fängt er an, zu mir herunterzusteigen. Das Gras ist nass vom Tau und rutschig; vielleicht fällt er hin. Aber nein. Knackend zerbricht Gehölz unter seinen Schritten, und er steht neben mir.
Er ist etwa so groß wie ich und sehr kräftig. Obwohl es noch ziemlich kühl ist, trägt er nur ein T-Shirt zu den Jeans.
„Hast du sie angefasst? Atmet sie noch?“ Um warm zu bleiben, tritt er auf der Stelle. Ich sehe die Gänsehaut auf seinen Armen.
„Reg dich ab. Natürlich atmet sie noch. Wenn du mal die Klappe hältst, hörst du sogar, wie sie schnarcht. Das ist übrigens meine Mutter. Und sie schläft nur.“

 (Leseprobe aus dem Roman „Wovon wir lebten“ - © Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung, Frankfurt/Main)

Bücher


Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen

Gedichte, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2001 (= edition suhrkamp.)

Der zärtlichste Punkt im All

Gedichte, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2004 (= edition suhrkamp.)

Reiche Mädchen

Erzählungen, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2005

Die Stunde zwischen Hund und Wolf

Roman, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2007

Shanghai Performance

Roman, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2011

Die Häuser der anderen

Roman, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2012

Skizze vom Gras

Gedichte, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2014

Wovon wir lebten

Roman, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2016

Auszeichnungen

 

2001
Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt

2003
Stipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen

2005
Stadtschreiberin von Dresden

2006
Stipendium Künstlerdorf Schreyahn (Niedersachsen)

2009
Stipendium Villa Massimo (Rom)
Förderpreis zum Droste-Preis der Stadt Meersburg

2013
Kleist-Preis
Stipendium des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia (Bamberg)

2014
Hölty-Preis für Lyrik der Landeshauptstadt und der Sparkasse Hannover

2016
Bertolt-Brecht-Literaturpreis der Stadt Augsburg
Robert-Gernhardt-Preis


oben

Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Silke Scheuermann

    Geboren 1973 in Karlsruhe.
    Silke Scheuermann studierte Theater- und Literaturwissenschaft in Frankfurt am Main, Leipzig und Paris. Nach literarischen Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften erschien 2001 ihr erstes Buch, der Lyrikband „Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen“, bei Suhrkamp. Für ihre in der Folge erschienenen Erzählungen, Gedichte und Romane erhielt sie zahlreiche Stipendien und Preise, etwa den Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt im Jahr 2001, das Stipendium der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo (2009) sowie den mit 20.000 Euro dotierten Hölty-Preis für Lyrik 2014. Zuletzt wurde sie mit dem Bertolt-Brecht-Literaturpreis der Stadt Augsburg und dem Robert-Gernhardt-Preis des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst und der Wirtschafts- und Infrastrukturbank Hessen (beide 2016) geehrt. Silke Scheuermann ist Mitglied im PEN-Zentrum Deutschland und lebt in Offenbach am Main.

  • Blick ins Werk

    „Glaubst du, das ist eine tote Nutte?“
    Ich drehe mich um. Ein Stück über mir an der Böschung steht ein Junge, den ich hier noch nie gesehen habe.
    Von seinem Geschrei sind die Blesshühner, Enten und Nilgänse aufgeschreckt worden, die sich am Ufer versteckt halten; sie flattern wild durcheinander. Es ist sehr früher Morgen, ich kann die Nacht noch in der Luft riechen; Nebelreste qualmen über dem Flusswasser.
    „Nein, ganz bestimmt nicht!“, gebe ich ärgerlich zurück.
    „Es könnte ja sein, Mann. Die liegt da so!“ Er zuckt mit den Achseln.
    Seine blonden Haare glänzen in der Sonne, die direkt hinter ihm aufgegangen ist und ihn beleuchtet wie einen Filmhelden. Gerade habe ich beschlossen, ihn einfach nicht mehr zu beachten, da fängt er an, zu mir herunterzusteigen. Das Gras ist nass vom Tau und rutschig; vielleicht fällt er hin. Aber nein. Knackend zerbricht Gehölz unter seinen Schritten, und er steht neben mir.
    Er ist etwa so groß wie ich und sehr kräftig. Obwohl es noch ziemlich kühl ist, trägt er nur ein T-Shirt zu den Jeans.
    „Hast du sie angefasst? Atmet sie noch?“ Um warm zu bleiben, tritt er auf der Stelle. Ich sehe die Gänsehaut auf seinen Armen.
    „Reg dich ab. Natürlich atmet sie noch. Wenn du mal die Klappe hältst, hörst du sogar, wie sie schnarcht. Das ist übrigens meine Mutter. Und sie schläft nur.“

     (Leseprobe aus dem Roman „Wovon wir lebten“ - © Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung, Frankfurt/Main)

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    Eine Auswahl


    Der Tag, an dem die Möwen zweistimmig sangen

    Gedichte, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2001 (= edition suhrkamp.)

    Der zärtlichste Punkt im All

    Gedichte, Frankfurt/Main: Suhrkamp Verlag 2004 (= edition suhrkamp.)

    Reiche Mädchen

    Erzählungen, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2005

    Die Stunde zwischen Hund und Wolf

    Roman, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2007

    Shanghai Performance

    Roman, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2011

    Die Häuser der anderen

    Roman, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2012

    Skizze vom Gras

    Gedichte, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2014

    Wovon wir lebten

    Roman, Frankfurt/Main: Schöffling & Co. Verlag 2016

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

     

    2001
    Leonce-und-Lena-Preis der Stadt Darmstadt

    2003
    Stipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen

    2005
    Stadtschreiberin von Dresden

    2006
    Stipendium Künstlerdorf Schreyahn (Niedersachsen)

    2009
    Stipendium Villa Massimo (Rom)
    Förderpreis zum Droste-Preis der Stadt Meersburg

    2013
    Kleist-Preis
    Stipendium des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia (Bamberg)

    2014
    Hölty-Preis für Lyrik der Landeshauptstadt und der Sparkasse Hannover

    2016
    Bertolt-Brecht-Literaturpreis der Stadt Augsburg
    Robert-Gernhardt-Preis