Hanns-Josef Ortheil

Geboren 1951 in Köln.
Hanns-Josef Ortheil wuchs u.a. im Westerwald und in Mainz auf. Nach dem Abitur studierte er Kunstgeschichte in Rom, danach Musikwissenschaft, Philosophie, Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik in Mainz, Göttingen, Paris und Rom. Seine Promotion aus dem Jahr 1976 trägt den Titel „Der poetische Widerstand im Roman. Geschichte und Auslegung des Romans im 17. und 18. Jahrhundert“. Von 1976 bis 1988 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, später als Hochschulassistent am Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Für seinen ersten Roman „Fermer“, der 1979 in der „Collection S. Fischer“ erschien, erhielt er im gleichen Jahr den erstmals verliehenen „aspekte“-Literaturpreis des ZDF. In den Folgejahren erschienen zahlreiche weitere Essaybände, Sachbücher, Biografien und Romane, in denen er sich immer wieder mit der bundesrepublikanischen Wirklichkeit und der Nachkriegsgeschichte auseinandersetzt. 2003 übernahm er an der Universität Hildesheim die erste Professur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Deutschland. 2009 wurde er erster Direktor des neu gegründeten „Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft“ der Hildesheimer Universität. Hanns-Josef Ortheil gehört zu den bekanntesten deutschen Gegenwartsautoren. Seine Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und inzwischen in über zwanzig Sprachen übersetzt. Er lebt in Stuttgart.

Blick ins Werk

Autofahren 1

Ich fahre nicht gern mit dem Auto. Obwohl ich seit Jahrzehnten eines besitze, gehe ich vor jeder Fahrt mit leichtem Widerwillen darauf zu, während das Fahrzeug mit sturer Geduld auf mich wartet. Eigentlich will ich nicht einsteigen, nein, ich will mich nicht in einen unbequemen Autositz pressen und stundenlang in peinlicher Bewegungsstarre festhalten lassen.
Sitze ich dann doch, mache ich oft etwas verkehrt und tue so, als hätte ich vergessen, wie man überhaupt Auto fährt. Ich bin nicht der routinierte Autofahrer, der sich längst an alles gewöhnt hat, sondern der ewige Anfänger, der noch darüber nachdenken muss, wie er für die richtige Innentemperatur sorgt und die Lüftung perfekt einstellt. Dabei weiß ich doch genau, dass ich die Lüftung nie richtig werde einstellen können, denn alles, was mein Wagen an Technik und Komfort zu bieten hat, erschließt sich nur über Gebrauchsanweisungen der Hersteller. Diese dicken Bücher mit all ihrem penetranten Technikerempfehlungsdeutsch lese ich aber nicht. Die Technik sollte sich leicht erschließen. Sie will jedoch beachtet, bedient und laufend neu eingestellt werden. So etwas ist nicht nur lästig, sondern auch unverschämt. Schließlich sollte die Technik auf mich und meine Wünsche eingehen und sich daraufhin von selbst einstellen, anstatt von mir immer wieder neu mit hilflos herumtastenden Fingern bedient zu werden.
Fahre ich dann endlich los, erscheinen mir die nächsten Stunden, die ich wie ein Gefängnisinsasse in meinem Wagen verbringe, als reinste Zeitverschwendung.

(Leseprobe aus dem Buch „Was ich liebe – und was nicht“ (aus dem Kapitel „Reisen“) - © Luchterhand Literaturverlag, München)

Bücher


Fermer
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1979. (= Collection S. Fischer.)

Köder, Beute und Schatten. Suchbewegungen
Essays, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1985. (= Collection S. Fischer.)

Schwerenöter
Roman, München: Piper Verlag 1987

Agenten
Roman, München: Piper Verlag 1989

Abschied von den Kriegsteilnehmern
Roman, München: Piper Verlag 1992

Faustinas Küsse
Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 1998

Die Nacht des Don Juan
Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2000

Lo und Lu
Roman eines Vaters, München: Luchterhand Literaturverlag 2001

Die große Liebe
Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2003

Die Erfindung des Lebens
Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2009

Das Kind, das nicht fragte
Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2012

Was ich liebe - und was nicht
München: Luchterhand Literaturverlag 2016

Auszeichnungen

 

1979
aspekte-Literaturpreis des ZDF

1989
Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart

1991
Villa-Massimo-Stipendium (Rom)

2002
Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck

2007
Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen

2009
Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis der Stadt Alzey

2013
Stefan-Andres-Preis der Stadt Schweich

2016
Hannelore-Greve-Literaturpreis der Hamburger Autorenvereinigung

oben

Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Hanns-Josef Ortheil

    Geboren 1951 in Köln.
    Hanns-Josef Ortheil wuchs u.a. im Westerwald und in Mainz auf. Nach dem Abitur studierte er Kunstgeschichte in Rom, danach Musikwissenschaft, Philosophie, Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik in Mainz, Göttingen, Paris und Rom. Seine Promotion aus dem Jahr 1976 trägt den Titel „Der poetische Widerstand im Roman. Geschichte und Auslegung des Romans im 17. und 18. Jahrhundert“. Von 1976 bis 1988 arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter, später als Hochschulassistent am Deutschen Institut der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Für seinen ersten Roman „Fermer“, der 1979 in der „Collection S. Fischer“ erschien, erhielt er im gleichen Jahr den erstmals verliehenen „aspekte“-Literaturpreis des ZDF. In den Folgejahren erschienen zahlreiche weitere Essaybände, Sachbücher, Biografien und Romane, in denen er sich immer wieder mit der bundesrepublikanischen Wirklichkeit und der Nachkriegsgeschichte auseinandersetzt. 2003 übernahm er an der Universität Hildesheim die erste Professur für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Deutschland. 2009 wurde er erster Direktor des neu gegründeten „Instituts für Literarisches Schreiben und Literaturwissenschaft“ der Hildesheimer Universität. Hanns-Josef Ortheil gehört zu den bekanntesten deutschen Gegenwartsautoren. Seine Bücher wurden vielfach ausgezeichnet und inzwischen in über zwanzig Sprachen übersetzt. Er lebt in Stuttgart.

  • Blick ins Werk

    Autofahren 1

    Ich fahre nicht gern mit dem Auto. Obwohl ich seit Jahrzehnten eines besitze, gehe ich vor jeder Fahrt mit leichtem Widerwillen darauf zu, während das Fahrzeug mit sturer Geduld auf mich wartet. Eigentlich will ich nicht einsteigen, nein, ich will mich nicht in einen unbequemen Autositz pressen und stundenlang in peinlicher Bewegungsstarre festhalten lassen.
    Sitze ich dann doch, mache ich oft etwas verkehrt und tue so, als hätte ich vergessen, wie man überhaupt Auto fährt. Ich bin nicht der routinierte Autofahrer, der sich längst an alles gewöhnt hat, sondern der ewige Anfänger, der noch darüber nachdenken muss, wie er für die richtige Innentemperatur sorgt und die Lüftung perfekt einstellt. Dabei weiß ich doch genau, dass ich die Lüftung nie richtig werde einstellen können, denn alles, was mein Wagen an Technik und Komfort zu bieten hat, erschließt sich nur über Gebrauchsanweisungen der Hersteller. Diese dicken Bücher mit all ihrem penetranten Technikerempfehlungsdeutsch lese ich aber nicht. Die Technik sollte sich leicht erschließen. Sie will jedoch beachtet, bedient und laufend neu eingestellt werden. So etwas ist nicht nur lästig, sondern auch unverschämt. Schließlich sollte die Technik auf mich und meine Wünsche eingehen und sich daraufhin von selbst einstellen, anstatt von mir immer wieder neu mit hilflos herumtastenden Fingern bedient zu werden.
    Fahre ich dann endlich los, erscheinen mir die nächsten Stunden, die ich wie ein Gefängnisinsasse in meinem Wagen verbringe, als reinste Zeitverschwendung.

    (Leseprobe aus dem Buch „Was ich liebe – und was nicht“ (aus dem Kapitel „Reisen“) - © Luchterhand Literaturverlag, München)

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  • Bücher

    Eine Auswahl


    Fermer
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1979. (= Collection S. Fischer.)

    Köder, Beute und Schatten. Suchbewegungen
    Essays, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1985. (= Collection S. Fischer.)

    Schwerenöter
    Roman, München: Piper Verlag 1987

    Agenten
    Roman, München: Piper Verlag 1989

    Abschied von den Kriegsteilnehmern
    Roman, München: Piper Verlag 1992

    Faustinas Küsse
    Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 1998

    Die Nacht des Don Juan
    Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2000

    Lo und Lu
    Roman eines Vaters, München: Luchterhand Literaturverlag 2001

    Die große Liebe
    Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2003

    Die Erfindung des Lebens
    Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2009

    Das Kind, das nicht fragte
    Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2012

    Was ich liebe - und was nicht
    München: Luchterhand Literaturverlag 2016

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

     

    1979
    aspekte-Literaturpreis des ZDF

    1989
    Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart

    1991
    Villa-Massimo-Stipendium (Rom)

    2002
    Thomas-Mann-Preis der Stadt Lübeck

    2007
    Nicolas-Born-Preis des Landes Niedersachsen

    2009
    Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis der Stadt Alzey

    2013
    Stefan-Andres-Preis der Stadt Schweich

    2016
    Hannelore-Greve-Literaturpreis der Hamburger Autorenvereinigung