Terézia Mora

Geboren 1971 in Sopron (Ungarn).
Terézia Mora, die in Ungarn zweisprachig (deutsch und ungarisch) aufgewachsen ist, studierte ab 1990 Ungarische Philologie und Theaterwissenschaft in Berlin, wo sie heute noch lebt. Ihr literarisches Debüt, der Erzählungsband „Seltsame Materie“, erschien 1999 und wurde u.a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Für ihren Roman „Das Ungeheuer“ erhielt sie 2013 den Deutschen Buchpreis. Inzwischen gehört Terézia Mora zu den wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen und zugleich zu den renommiertesten Übersetzern aus dem Ungarischen - sie übertrug u.a. Werke von Péter Esterházy, László Darvasi und Lajos Parti Nagy ins Deutsche. 2013/14 hatte sie die Frankfurter Poetik-Dozentur inne. Terézia Mora, die auch Drehbücher für Spielfilme schreibt, ist Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt).

Blick ins Werk

Der junge Mann war vielleicht 18, der alte ist gar nicht alt, er ist erst 57, er sieht nur aus, wie manch anderer mit 75. Alt gewordenes herzförmiges Kindergesicht. Ehemals große Augen und ein spitzes Kinn, Nasolabialfalten und Krähenfüße, aber so welche, die seitlich am Gesicht hinunterfließen, als hätte ein stetes Rinnsal (wir wollen nicht sagen: aus Tränen) sein Bett in die Haut gegraben. Mit zarter Hand so lange darüber streichen, bis sie weggehen. Falten gehen niemals weg. Streicheln ist dennoch niemals unnütz, aber der Mann, der älter ist, als er aussieht, hat niemanden, der bzw. die ihn streichelt. Es gibt einige Menschen, denen er entfernt bekannt ist, diese nennen ihn Aug in Auge Hellmut, hinter seinem Rücken Marathonmann. Leute aus der Nachbarschaft, die man sporadisch trifft, zum Beispiel beim Mittagstisch in einer traditionellen Eckgaststätte (von denen es immer weniger gibt etc.). Dort wechselt man einige Worte, nichts Tieferes. Marathonmann antwortet ohnehin nur, wenn er gefragt wird, höflich und meist knapp. Ein Pensionist der Bahn, ein ehemaliger Schaffner, warum frühverrentet, keiner fragt. Er tut nichts Benennbares, dennoch ist klar, dass er ein Sonderling ist, und obwohl das kein offiziell anerkannter Grund für eine Frühverrentung ist, nehmen alle an, dass es etwas damit zu tun hatte.

(Leseprobe aus dem Erzählungsband „Die Liebe unter Aliens“ (hier aus der Erzählung „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“) - © Luchterhand Literaturverlag, München)

Bücher

 

Seltsame Materie
Erzählungen, Reinbek: Rowohlt Verlag 1999

Alle Tage
Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2004

Der einzige Mann auf dem Kontinent
Roman
München: Luchterhand Literaturverlag 2009

Das Ungeheuer
Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2013

Nicht sterben
Frankfurter Poetik-Vorlesungen
München: Luchterhand Literaturverlag 2014

Die Liebe unter Aliens
München: Luchterhand Literaturverlag 2016

Auszeichnungen

 

1999
Ingeborg-Bachmann-Preis

2000
Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis

2005
Preis der Leipziger Buchmesse

2006
Villa-Massimo-Stipendium (Rom)

2010
Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung

Erich-Fried-Preis (Wien)

2011
Übersetzerpreis der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen

2013
Deutscher Buchpreis

2017
Bremer Literaturpreis

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Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Terézia Mora

    Geboren 1971 in Sopron (Ungarn).
    Terézia Mora, die in Ungarn zweisprachig (deutsch und ungarisch) aufgewachsen ist, studierte ab 1990 Ungarische Philologie und Theaterwissenschaft in Berlin, wo sie heute noch lebt. Ihr literarisches Debüt, der Erzählungsband „Seltsame Materie“, erschien 1999 und wurde u.a. mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. Für ihren Roman „Das Ungeheuer“ erhielt sie 2013 den Deutschen Buchpreis. Inzwischen gehört Terézia Mora zu den wichtigsten deutschsprachigen Autorinnen und zugleich zu den renommiertesten Übersetzern aus dem Ungarischen - sie übertrug u.a. Werke von Péter Esterházy, László Darvasi und Lajos Parti Nagy ins Deutsche. 2013/14 hatte sie die Frankfurter Poetik-Dozentur inne. Terézia Mora, die auch Drehbücher für Spielfilme schreibt, ist Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt).

  • Blick ins Werk

    Der junge Mann war vielleicht 18, der alte ist gar nicht alt, er ist erst 57, er sieht nur aus, wie manch anderer mit 75. Alt gewordenes herzförmiges Kindergesicht. Ehemals große Augen und ein spitzes Kinn, Nasolabialfalten und Krähenfüße, aber so welche, die seitlich am Gesicht hinunterfließen, als hätte ein stetes Rinnsal (wir wollen nicht sagen: aus Tränen) sein Bett in die Haut gegraben. Mit zarter Hand so lange darüber streichen, bis sie weggehen. Falten gehen niemals weg. Streicheln ist dennoch niemals unnütz, aber der Mann, der älter ist, als er aussieht, hat niemanden, der bzw. die ihn streichelt. Es gibt einige Menschen, denen er entfernt bekannt ist, diese nennen ihn Aug in Auge Hellmut, hinter seinem Rücken Marathonmann. Leute aus der Nachbarschaft, die man sporadisch trifft, zum Beispiel beim Mittagstisch in einer traditionellen Eckgaststätte (von denen es immer weniger gibt etc.). Dort wechselt man einige Worte, nichts Tieferes. Marathonmann antwortet ohnehin nur, wenn er gefragt wird, höflich und meist knapp. Ein Pensionist der Bahn, ein ehemaliger Schaffner, warum frühverrentet, keiner fragt. Er tut nichts Benennbares, dennoch ist klar, dass er ein Sonderling ist, und obwohl das kein offiziell anerkannter Grund für eine Frühverrentung ist, nehmen alle an, dass es etwas damit zu tun hatte.

    (Leseprobe aus dem Erzählungsband „Die Liebe unter Aliens“ (hier aus der Erzählung „Fisch schwimmt, Vogel fliegt“) - © Luchterhand Literaturverlag, München)

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  • Bücher

    Eine Auswahl

     

    Seltsame Materie
    Erzählungen, Reinbek: Rowohlt Verlag 1999

    Alle Tage
    Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2004

    Der einzige Mann auf dem Kontinent
    Roman
    München: Luchterhand Literaturverlag 2009

    Das Ungeheuer
    Roman, München: Luchterhand Literaturverlag 2013

    Nicht sterben
    Frankfurter Poetik-Vorlesungen
    München: Luchterhand Literaturverlag 2014

    Die Liebe unter Aliens
    München: Luchterhand Literaturverlag 2016

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

     

    1999
    Ingeborg-Bachmann-Preis

    2000
    Adelbert-von-Chamisso-Förderpreis

    2005
    Preis der Leipziger Buchmesse

    2006
    Villa-Massimo-Stipendium (Rom)

    2010
    Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung

    Erich-Fried-Preis (Wien)

    2011
    Übersetzerpreis der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen

    2013
    Deutscher Buchpreis

    2017
    Bremer Literaturpreis

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