Dagmar Leupold

Geboren 1955 in Niederlahnstein.
Dagmar Leupold studierte Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaft und Klassische Philologie in Marburg und Tübingen. 1980 legte sie ihr Staatsexamen in Germanistik und Philosophie ab. Von 1980 bis 1985 arbeitete sie als Deutschlehrerin an Privatschulen in Florenz, danach als Redakteurin am dortigen Deutschen Kunsthistorischen Institut. Nach mehreren Lehraufträgen für Komparatistik an den Universitäten Bamberg und München promovierte sie 1993 in Vergleichender Literaturwissenschaft an der City University in New York. Mitte der 1980er-Jahre wurden erste Gedichte in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht, ihr erster Lyrikband „Wie Treibholz“ erschien 1988 in der Pfaffenweiler Presse. Leupolds Romandebüt „Edmond: Geschichte einer Sehnsucht“ wurde 1992 mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Auch für ihre folgenden Bücher erhielt Dagmar Leupold mehrere Preise, u.a. den Georg-K.-Glaser Preis (2007) sowie Nominierungen für den Deutschen Buchpreis 2013 und 2016. Dagmar Leupold ist Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und lebt in Kirchseeon bei München.

Blick ins Werk

Steinbronn ruht, innig umschlossen, zwischen zwei Moselarmen, die sich um den Ort herum zur Schleife runden. Die Weinberge stürzen hier ab wie eine stürmische Zusage. Das Wort „lieblich“ liegt dennoch prompt auf den Zungen all derer zum Ausruf bereit, die sich Steinbronn erholungsentschlossen nähern. Der Himmel wirft das lebenssatte Grün des Weinlaubs zurück – keine andere Gegend kann das bieten: einen Himmel, der grünt. In einem solchen buchstäblich von allen Seiten umfassten Ort einsam zu sein, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit – und doch gelang es vier Frauen, nicht mehr jung, aber längst nicht alt. Nur ratlos. Und irgendwie übrig.
Eine echte Witwe war nicht einmal Penny, aber sie war immerhin die einzige Verheiratete unter den vieren und damit rechtmäßige Anwärterin auf zukünftige Witwenschaft. Ihr Mann war von einer Dienstreise nach Fernost nicht zurückgekehrt. Mittlerweile – nach acht Jahren – waren die Fragen, warum sie nichts unternehme, ihn zu finden, spärlicher geworden. Penny hatte sich geweigert, ihn für tot erklären zu lassen. „Er lebt“, sagte sie und richtete ihren Blick auf einen Punkt in der Ferne, als empfange sie von dort den sicheren Hinweis. Seinen Namen nannte sie nie. Sie hatte in den vergangenen acht Jahren die Wäsche im Doppelbett einmal im Monat gewechselt, auf beiden Seiten. Sie lag auf der linken, weit entfernt vom Brandfleck im Holzrahmen, den eine ausglühende Zigarette hinterlassen hatte, kreisrund wie ein Fingerabdruck. Die Zeit, die ihr durch die Abwesenheit ihres Mannes zuwuchs, nutzte sie halbherzig für einige Kurse an der Volkshochschule: Polnisch, Webtechniken, Stepptanz (eine einzige Havarie) und, wegen der günstigen Kurstage, Kohlenhydratarm Kochen und trotzdem satt werden. Die anderen drei Frauen, Dodo, Beatrice und Laura, fühlten sich nur wie Witwen. Nicht Männer waren ihnen abhandengekommen, sondern die Zuversicht oder die Verwegenheit oder die Fantasie.

(Leseprobe aus dem Roman „Die Witwen“ - © Jung und Jung Verlag, Salzburg)

Bücher

 

Wie Treibholz
Gedichte, Pfaffenweiler: Pfaffenweiler Presse 1988

Edmond: Geschichte einer Sehnsucht
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1992 (= Collection S. Fischer.)

Die Lust der Frauen auf Seite 13
Gedichte, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1994 (= Collection S. Fischer.)

Ende der Saison
Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1999

Byrons Feldbett
Gedichte, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2001

Nach den Kriegen
Roman eines Lebens, München: C.H.Beck Verlag 2004

Alphabet zu Fuß
Essays zur Literatur, München: C.H.Beck Verlag 2005

Grüner Engel, blaues Land
Roman, München: C.H.Beck Verlag 2007

Die Helligkeit der Nacht
Roman, München: C.H.Beck Verlag 2009

Unter der Hand
Roman, Salzburg: Jung und Jung Verlag 2013

Die Witwen
Ein Abenteuerroman, Salzburg: Jung und Jung Verlag 2016

Auszeichnungen

 

1994
Bayerischer Kunstförderpreis für Literatur

1995
Martha-Saalfeld-Förderpreis des Landes Rheinland-Pfalz

2002
Liliencron-Poetik-Dozentur an der Universität Kiel

2007
Georg-K.-Glaser-Preis

2013
Longlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis
Tukan-Preis der Landeshauptstadt München

2016

Longlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis

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Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Dagmar Leupold

    Geboren 1955 in Niederlahnstein.
    Dagmar Leupold studierte Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaft und Klassische Philologie in Marburg und Tübingen. 1980 legte sie ihr Staatsexamen in Germanistik und Philosophie ab. Von 1980 bis 1985 arbeitete sie als Deutschlehrerin an Privatschulen in Florenz, danach als Redakteurin am dortigen Deutschen Kunsthistorischen Institut. Nach mehreren Lehraufträgen für Komparatistik an den Universitäten Bamberg und München promovierte sie 1993 in Vergleichender Literaturwissenschaft an der City University in New York. Mitte der 1980er-Jahre wurden erste Gedichte in Literaturzeitschriften und Anthologien veröffentlicht, ihr erster Lyrikband „Wie Treibholz“ erschien 1988 in der Pfaffenweiler Presse. Leupolds Romandebüt „Edmond: Geschichte einer Sehnsucht“ wurde 1992 mit dem aspekte-Literaturpreis ausgezeichnet. Auch für ihre folgenden Bücher erhielt Dagmar Leupold mehrere Preise, u.a. den Georg-K.-Glaser Preis (2007) sowie Nominierungen für den Deutschen Buchpreis 2013 und 2016. Dagmar Leupold ist Mitglied des deutschen PEN-Zentrums und lebt in Kirchseeon bei München.

  • Blick ins Werk

    Steinbronn ruht, innig umschlossen, zwischen zwei Moselarmen, die sich um den Ort herum zur Schleife runden. Die Weinberge stürzen hier ab wie eine stürmische Zusage. Das Wort „lieblich“ liegt dennoch prompt auf den Zungen all derer zum Ausruf bereit, die sich Steinbronn erholungsentschlossen nähern. Der Himmel wirft das lebenssatte Grün des Weinlaubs zurück – keine andere Gegend kann das bieten: einen Himmel, der grünt. In einem solchen buchstäblich von allen Seiten umfassten Ort einsam zu sein, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit – und doch gelang es vier Frauen, nicht mehr jung, aber längst nicht alt. Nur ratlos. Und irgendwie übrig.
    Eine echte Witwe war nicht einmal Penny, aber sie war immerhin die einzige Verheiratete unter den vieren und damit rechtmäßige Anwärterin auf zukünftige Witwenschaft. Ihr Mann war von einer Dienstreise nach Fernost nicht zurückgekehrt. Mittlerweile – nach acht Jahren – waren die Fragen, warum sie nichts unternehme, ihn zu finden, spärlicher geworden. Penny hatte sich geweigert, ihn für tot erklären zu lassen. „Er lebt“, sagte sie und richtete ihren Blick auf einen Punkt in der Ferne, als empfange sie von dort den sicheren Hinweis. Seinen Namen nannte sie nie. Sie hatte in den vergangenen acht Jahren die Wäsche im Doppelbett einmal im Monat gewechselt, auf beiden Seiten. Sie lag auf der linken, weit entfernt vom Brandfleck im Holzrahmen, den eine ausglühende Zigarette hinterlassen hatte, kreisrund wie ein Fingerabdruck. Die Zeit, die ihr durch die Abwesenheit ihres Mannes zuwuchs, nutzte sie halbherzig für einige Kurse an der Volkshochschule: Polnisch, Webtechniken, Stepptanz (eine einzige Havarie) und, wegen der günstigen Kurstage, Kohlenhydratarm Kochen und trotzdem satt werden. Die anderen drei Frauen, Dodo, Beatrice und Laura, fühlten sich nur wie Witwen. Nicht Männer waren ihnen abhandengekommen, sondern die Zuversicht oder die Verwegenheit oder die Fantasie.

    (Leseprobe aus dem Roman „Die Witwen“ - © Jung und Jung Verlag, Salzburg)

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  • Bücher

    Eine Auswahl

     

    Wie Treibholz
    Gedichte, Pfaffenweiler: Pfaffenweiler Presse 1988

    Edmond: Geschichte einer Sehnsucht
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1992 (= Collection S. Fischer.)

    Die Lust der Frauen auf Seite 13
    Gedichte, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1994 (= Collection S. Fischer.)

    Ende der Saison
    Roman, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 1999

    Byrons Feldbett
    Gedichte, Frankfurt/Main: S. Fischer Verlag 2001

    Nach den Kriegen
    Roman eines Lebens, München: C.H.Beck Verlag 2004

    Alphabet zu Fuß
    Essays zur Literatur, München: C.H.Beck Verlag 2005

    Grüner Engel, blaues Land
    Roman, München: C.H.Beck Verlag 2007

    Die Helligkeit der Nacht
    Roman, München: C.H.Beck Verlag 2009

    Unter der Hand
    Roman, Salzburg: Jung und Jung Verlag 2013

    Die Witwen
    Ein Abenteuerroman, Salzburg: Jung und Jung Verlag 2016

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

     

    1994
    Bayerischer Kunstförderpreis für Literatur

    1995
    Martha-Saalfeld-Förderpreis des Landes Rheinland-Pfalz

    2002
    Liliencron-Poetik-Dozentur an der Universität Kiel

    2007
    Georg-K.-Glaser-Preis

    2013
    Longlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis
    Tukan-Preis der Landeshauptstadt München

    2016

    Longlist-Nominierung für den Deutschen Buchpreis