Anna Kim

Geboren 1977 in Daejeon (Süd-Korea).

Anna Kim kam 1979 mit ihren Eltern nach Deutschland, anschließend nach Wien, wo sie seit 1984 lebt. Von 1995 bis 2000 studierte sie in Wien Theaterwissenschaft und Philosophie. In dieser Zeit erschienen erste belletristische Texte in verschiedenen Literaturzeitschriften, etwa in „manuskripte“ und in „Volltext“. Ihr erster Prosaband „Die Bilderspur“ kam 2004 im Literaturverlag Droschl heraus, 2008 folgte der erste Roman „Die gefrorene Zeit“. Für ihr Werk erhielt Anna Kim eine Reihe von Auszeichnungen, u.a. das Robert-Musil-Stipendium 2010 und den Literaturpreis der Europäischen Union 2012. Im Jahr 2005 wurde sie zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen.

 

Blick ins Werk

„Das Licht des späten Nachmittags, noch immer durstig, ließ die Kiefern grüner, saftiger erscheinen und zog ein Schattenspiel zwischen den Mauern auf. Es war dieses Licht, an das ich mich erinnerte, ich hatte es vor vielen Jahren das erste Mal gesehen, als es die düsteren Fassaden der Altstadt zum Schimmern gebracht hatte; später hatte der Monsunregen alle Farben überdeckt und die Stadt in ein dampfendes Becken verwandelt, der Himmel war eine bleigraue Fläche, die vielen Gerüche aber, gekocht von der Hitze des Sommers und von der Nässe, waren intensiver gewesen, als ich es bisher von einem Ort gewohnt war. Doch heute und hier, im ehemaligen Viertel der amerikanischen Missionare, vor dem einzigen ebenerdigen Haus der Straße, das wie alle anderen Häuser auch von einer Mauer umgeben war, die den Blick zensierte und Teil eines Labyrinths war, das nur in Bruchstücken im alten Seoul erhalten ist, roch es modrig, weder nach Gewürzen noch nach Früchten, auf dem Gehsteig vor der braunen Hausmauer stand ein verrostetes Trockengestell mit schrumpeliger Wäsche und aus dem Hausinneren tröpfelte Musik, die maunzende Trompete, das trippelnde Klavier, der tapsende Bass und schließlich, lauter als die Begleitung, die Stimme Billie Holidays.“

(Leseprobe aus dem Roman „Die große Heimkehr“ (S. 13) - © Suhrkamp Verlag, Berlin 2017)

Bücher

Eine Auswahl

 

Die Bilderspur

Erzählung, Graz: Literaturverlag Droschl 2004

 

Die gefrorene Zeit

Roman, Graz: Literaturverlag Droschl 2008

 

Invasion des Privaten

Essays, Graz: Literaturverlag Droschl 2011

 

Anatomie einer Nacht

Roman, Berlin: Suhrkamp Verlag 2012

 

Der sichtbare Feind. Die Gewalt des Öffentlichen und das Recht auf Privatheit

Salzburg: Residenz Verlag 2015

 

Die große Heimkehr

Roman, Berlin: Suhrkamp Verlag 2017

 

 

Auszeichnungen

Eine Auswahl

 

2009

Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien

Heinrich-Treichl-Humanitätspreis

HALMA-Stipendium (Berlin)

 

2010

Robert-Musil-Stipendium

 

2012

Literaturpreis der Europäischen Union

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Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Anna Kim

    Geboren 1977 in Daejeon (Süd-Korea).

    Anna Kim kam 1979 mit ihren Eltern nach Deutschland, anschließend nach Wien, wo sie seit 1984 lebt. Von 1995 bis 2000 studierte sie in Wien Theaterwissenschaft und Philosophie. In dieser Zeit erschienen erste belletristische Texte in verschiedenen Literaturzeitschriften, etwa in „manuskripte“ und in „Volltext“. Ihr erster Prosaband „Die Bilderspur“ kam 2004 im Literaturverlag Droschl heraus, 2008 folgte der erste Roman „Die gefrorene Zeit“. Für ihr Werk erhielt Anna Kim eine Reihe von Auszeichnungen, u.a. das Robert-Musil-Stipendium 2010 und den Literaturpreis der Europäischen Union 2012. Im Jahr 2005 wurde sie zum Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen.

     

  • Blick ins Werk

    „Das Licht des späten Nachmittags, noch immer durstig, ließ die Kiefern grüner, saftiger erscheinen und zog ein Schattenspiel zwischen den Mauern auf. Es war dieses Licht, an das ich mich erinnerte, ich hatte es vor vielen Jahren das erste Mal gesehen, als es die düsteren Fassaden der Altstadt zum Schimmern gebracht hatte; später hatte der Monsunregen alle Farben überdeckt und die Stadt in ein dampfendes Becken verwandelt, der Himmel war eine bleigraue Fläche, die vielen Gerüche aber, gekocht von der Hitze des Sommers und von der Nässe, waren intensiver gewesen, als ich es bisher von einem Ort gewohnt war. Doch heute und hier, im ehemaligen Viertel der amerikanischen Missionare, vor dem einzigen ebenerdigen Haus der Straße, das wie alle anderen Häuser auch von einer Mauer umgeben war, die den Blick zensierte und Teil eines Labyrinths war, das nur in Bruchstücken im alten Seoul erhalten ist, roch es modrig, weder nach Gewürzen noch nach Früchten, auf dem Gehsteig vor der braunen Hausmauer stand ein verrostetes Trockengestell mit schrumpeliger Wäsche und aus dem Hausinneren tröpfelte Musik, die maunzende Trompete, das trippelnde Klavier, der tapsende Bass und schließlich, lauter als die Begleitung, die Stimme Billie Holidays.“

    (Leseprobe aus dem Roman „Die große Heimkehr“ (S. 13) - © Suhrkamp Verlag, Berlin 2017)

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  • Bücher

    Eine Auswahl

     

    Die Bilderspur

    Erzählung, Graz: Literaturverlag Droschl 2004

     

    Die gefrorene Zeit

    Roman, Graz: Literaturverlag Droschl 2008

     

    Invasion des Privaten

    Essays, Graz: Literaturverlag Droschl 2011

     

    Anatomie einer Nacht

    Roman, Berlin: Suhrkamp Verlag 2012

     

    Der sichtbare Feind. Die Gewalt des Öffentlichen und das Recht auf Privatheit

    Salzburg: Residenz Verlag 2015

     

    Die große Heimkehr

    Roman, Berlin: Suhrkamp Verlag 2017

     

     

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

     

    2009

    Elias-Canetti-Stipendium der Stadt Wien

    Heinrich-Treichl-Humanitätspreis

    HALMA-Stipendium (Berlin)

     

    2010

    Robert-Musil-Stipendium

     

    2012

    Literaturpreis der Europäischen Union

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