Jenny Erpenbeck

Geboren 1967 in Berlin (Ost).

Jenny Erpenbeck studierte nach dem Abitur und einer Buchbinder-Lehre Theaterwissenschaft und Musiktheater-Regie an der Humboldt-Universität und an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin. Anschließend arbeitete sie als Regieassistentin in Graz und als freie Regisseurin an verschiedenen deutschen und österreichischen Opernhäusern. Zugleich verfasste sie erste literarische Arbeiten - 1999 debütierte sie mit dem Prosaband "Geschichte vom alten Kind". Es folgten weitere Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Ihr 2012 erschienener Roman "Aller Tage Abend" wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Evangelischen Buchpreis. 2013 erhielt sie den Joseph-Breitbach-Preis für ihr Gesamtwerk. Ihr Roman „Gehen, ging, gegangen“ stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2015. Jenny Erpenbeck, deren Werke in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, lebt in Berlin.

Blick ins Werk

„Vielleicht liegen noch viele Jahre vor ihm, vielleicht nur noch ein paar. Es ist jedenfalls so, dass Richard von jetzt an nicht  mehr pünktlich aufstehen muss, um morgens im Institut zu erscheinen. Er hat jetzt einfach nur Zeit. Zeit, um zu reisen, sagt man. Zeit, um Bücher zu lesen. Proust. Dostojewski. Zeit, um Musik zu hören. Er weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis er sich daran gewöhnt hat, Zeit zu haben. Sein Kopf jedenfalls arbeitet noch, so wie immer. Was fängt er jetzt mit dem Kopf an? Mit den Gedanken, die immer weiter denken in seinem Kopf? Erfolg hat er gehabt. Und nun? Das, was Erfolg genannt wird. Seine Bücher wurden gedruckt, zu Konferenzen wurde er eingeladen, seine Vorlesungen waren bis zuletzt gut besucht, Studenten haben seine Bücher gelesen, sich Stellen darin angestrichen und zur Prüfung auswendig gewusst. Wo sind die Studenten jetzt? Manche haben Assistenzstellen an Universitäten, zwei oder drei sind inzwischen selbst Professoren. Von anderen hat er lange nichts mehr gehört. Einer hält freundschaftlichen Kontakt zu ihm, ein paar melden sich von Zeit zu Zeit.

So.

Von seinem Schreibtisch aus sieht er den See.

Richard kocht sich einen Kaffee.

Er geht mit der Tasse in der Hand in den Garten und sieht nach, ob die Maulwürfe neue Hügel aufgeworfen haben.

Der See liegt still da, wie immer in diesem Sommer.

Richard wartet, aber er weiß nicht, worauf. Die Zeit ist jetzt eine ganz andere Art von Zeit. Auf einmal. Denkt er. Und dann denkt er, dass er, natürlich, nicht aufhören kann mit dem Denken. Das Denken ist ja er selbst, und ist gleichzeitig die Maschine, der er unterworfen ist. Auch wenn er ganz allein ist mit seinem Kopf, kann er, natürlich, nicht aufhören mit dem Denken. Auch, wenn wirklich kein Hahn danach kräht, denkt er.“

(Leseprobe aus dem Roman „Gehen, ging, gegangen“ -
© Knaus Verlag, München)

Bücher

 

Geschichte vom alten Kind

Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 1999

 

Tand

Erzählungen, Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 2001

 

Heimsuchung

Roman, Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 2008

 

Aller Tage Abend

Roman , München: Knaus Verlag 2012

 

Gehen, ging, gegangen

Roman, München: Knaus Verlag 2015

Auszeichnungen

 

2001

Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb Klagenfurt

 

2008

Solothurner Literaturpreis

 

2009

Preis der LiteraTour Nord

 

2013

Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen

Evangelischer Buchpreis

Joseph-Breitbach-Preis der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz

Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt

 

2014

Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster

 

2015

Shortlist-Nominierung zum Deutschen Buchpreis

 

oben

Fotograf: Uwe Frauendorf (Leipzig)

  • Jenny Erpenbeck

    Geboren 1967 in Berlin (Ost).

    Jenny Erpenbeck studierte nach dem Abitur und einer Buchbinder-Lehre Theaterwissenschaft und Musiktheater-Regie an der Humboldt-Universität und an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin. Anschließend arbeitete sie als Regieassistentin in Graz und als freie Regisseurin an verschiedenen deutschen und österreichischen Opernhäusern. Zugleich verfasste sie erste literarische Arbeiten - 1999 debütierte sie mit dem Prosaband "Geschichte vom alten Kind". Es folgten weitere Romane, Erzählungen und Theaterstücke. Ihr 2012 erschienener Roman "Aller Tage Abend" wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Evangelischen Buchpreis. 2013 erhielt sie den Joseph-Breitbach-Preis für ihr Gesamtwerk. Ihr Roman „Gehen, ging, gegangen“ stand auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis 2015. Jenny Erpenbeck, deren Werke in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, lebt in Berlin.

  • Blick ins Werk

    „Vielleicht liegen noch viele Jahre vor ihm, vielleicht nur noch ein paar. Es ist jedenfalls so, dass Richard von jetzt an nicht  mehr pünktlich aufstehen muss, um morgens im Institut zu erscheinen. Er hat jetzt einfach nur Zeit. Zeit, um zu reisen, sagt man. Zeit, um Bücher zu lesen. Proust. Dostojewski. Zeit, um Musik zu hören. Er weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis er sich daran gewöhnt hat, Zeit zu haben. Sein Kopf jedenfalls arbeitet noch, so wie immer. Was fängt er jetzt mit dem Kopf an? Mit den Gedanken, die immer weiter denken in seinem Kopf? Erfolg hat er gehabt. Und nun? Das, was Erfolg genannt wird. Seine Bücher wurden gedruckt, zu Konferenzen wurde er eingeladen, seine Vorlesungen waren bis zuletzt gut besucht, Studenten haben seine Bücher gelesen, sich Stellen darin angestrichen und zur Prüfung auswendig gewusst. Wo sind die Studenten jetzt? Manche haben Assistenzstellen an Universitäten, zwei oder drei sind inzwischen selbst Professoren. Von anderen hat er lange nichts mehr gehört. Einer hält freundschaftlichen Kontakt zu ihm, ein paar melden sich von Zeit zu Zeit.

    So.

    Von seinem Schreibtisch aus sieht er den See.

    Richard kocht sich einen Kaffee.

    Er geht mit der Tasse in der Hand in den Garten und sieht nach, ob die Maulwürfe neue Hügel aufgeworfen haben.

    Der See liegt still da, wie immer in diesem Sommer.

    Richard wartet, aber er weiß nicht, worauf. Die Zeit ist jetzt eine ganz andere Art von Zeit. Auf einmal. Denkt er. Und dann denkt er, dass er, natürlich, nicht aufhören kann mit dem Denken. Das Denken ist ja er selbst, und ist gleichzeitig die Maschine, der er unterworfen ist. Auch wenn er ganz allein ist mit seinem Kopf, kann er, natürlich, nicht aufhören mit dem Denken. Auch, wenn wirklich kein Hahn danach kräht, denkt er.“

    (Leseprobe aus dem Roman „Gehen, ging, gegangen“ -
    © Knaus Verlag, München)

  • Mediathek

  • Bücher

    Eine Auswahl

     

    Geschichte vom alten Kind

    Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 1999

     

    Tand

    Erzählungen, Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 2001

     

    Heimsuchung

    Roman, Frankfurt/Main: Eichborn Verlag 2008

     

    Aller Tage Abend

    Roman , München: Knaus Verlag 2012

     

    Gehen, ging, gegangen

    Roman, München: Knaus Verlag 2015

  • Auszeichnungen

    Eine Auswahl

     

    2001

    Preis der Jury beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb Klagenfurt

     

    2008

    Solothurner Literaturpreis

     

    2009

    Preis der LiteraTour Nord

     

    2013

    Schubart-Literaturpreis der Stadt Aalen

    Evangelischer Buchpreis

    Joseph-Breitbach-Preis der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz

    Thomas-Valentin-Literaturpreis der Stadt Lippstadt

     

    2014

    Hans-Fallada-Preis der Stadt Neumünster

     

    2015

    Shortlist-Nominierung zum Deutschen Buchpreis