Versuch einer Begriffserklärung
Fortschritt ist nicht immer ein positiver Prozess
Zur 3sat-Fortschrittswoche gehört unbedingt die Frage, was denn Fortschritt selbst eigentlich ist und wie sich der Begriff entwickelt hat. Um diese Frage geht es in unserer Sendung.
Ich will Ihnen nur drei Beispiele nennen: Zum Ersten wären da die rund drei Millionen Jahre Altsteinzeit. Die ersten menschenähnlichen Wesen traten in dieser Zeit auf. Bis sie in der Lage waren, Eisen abzubauen und zu bearbeiten dauerte es bis etwa vor 12.000 Jahren. Wie Ronald Wright in seinem klugen, überaus informativen und in der Tat knapp gefassten Buch "Eine kurze Geschichte des Fortschritts" bemerkt: 99,5 Prozent der Menschheitsgeschichte hindurch veränderte sich das Alte nur sehr allmählich. Das kann man gut daran ablesen, dass es Hunderttausende von Jahren dauern konnte, bis es eine Veränderung in der Technik oder dem Stil von Steinwerkzeugen gab. Und dann, in den letzten nur 12.000 Jahren, setzte die Entwicklung vom Eisenschwert zur Wasserstoffbombe ein.

Es gibt einige Schattenseiten
Zum Zweiten gibt es die katastrophalen, Menschen gemachten Umweltdesaster, die beispielsweise die Sumerer anrichteten, indem sie das erste künstliche Bewässerungssysteme einführten. Das Problem bestand hier darin, dass ihr Reich auf eine einzige Klimazone und ein einziges Ökosystem begrenzt war. Durch die Bewässerung wurde Salz aus dem Gestein herausgewaschen, was zu einer bis heute andauernden Versalzung und damit Verwüstung der Region führte. Die Sintflut, von der das Gilgamesch-Epos und parallel die Bibel erzählt, könnten ferne Erinnerungen an die selbst gemachten Überschwemmungen sein, die als Folge des eigenen Handelns dann eintraten.

Als drittes Beispiel möchte ich die Erfindung des Schieß- und Schwarzpulvers durch die Chinesen im 9. Jahrhundert nennen. Die Entwicklung der Kunst, Feuerwerke herzustellen, ist vermutlich das Beste, was sich darüber sagen lässt, denn in den nächsten Jahrhunderten entwickelte sich aus dem Schießpulver das Maschinengewehr und die Bombe. Der amerikanische Präsident John F. Kennedys bemerkte einmal, dass die Menschheit dem Krieg ein Ende setzen muss, sonst setzt der Krieg der Menschheit ein Ende.

Was also ist Fortschritt?
Ist das Schwarzpulver oder die künstliche Bewässerung ein Fortschritt? Wenn ja - unter welchen Bedingungen? Und wie will man angesichts der massiven Nebenwirkungen eines jeden Fortschritts den Fortschritt eigentlich beurteilen oder messen? Hängt die Antwort nicht wesentlich davon ab, wen man fragt? Oder ist Fortschritt am Ende nur das, was wir dafür halten? Vielleicht ist Fortschritt eine Illusion, die wir brauchen.

Sendedaten
scobel
donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Sendung zum Thema
© photocaseFortschritt! Immer gut?
Buch
© rowohltLupeEine kurze Geschichte des Fortschritts
Ronald Wright
Rowohlt 2006
ISBN-13: 978-3498073565