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Jeder Fortschritt hat seine Licht- und Schattenseite.
Im Laufe der Zeit
Wie sich der Fortschrittsbegriff entwickelt hat
Spätestens mit der Aufklärung gehört der Glaube an den Fortschritt zur modernen westlichen Zivilisation. Bereits für Aristoteles scheint sich Fortschritt immer mehr in eine Zukunft hinein zu vollziehen, die noch besser ist als die Gegenwart. In der Antike und im Mittelalter wird Fortschritt in Wissenschaft, Kultur und Ethik zusammen gedacht. Wer über Wissen verfügt, wird nach Sokrates auch ethisch richtig handeln.
Demnach ist mit dem wissenschaftlichen Fortschritt auch ein moralischer Fortschritt der Menschheit verbunden. Und auch noch zu Goethes Zeiten liegt Fortschritt eindeutig beim Individuellen und meint die geistige und sittliche Bildungsfähigkeit des Einzelnen sowie sein selbsttätiges Streben zur Mündigkeit und Selbstvervollkommnung.
Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit." - G.W.F. Hegel

Locke und das Recht auf Vermehrung des Besitzes
Seit dem Aufbruch der Moderne wird technischer Fortschritt als Hebel zur Befreiung und Emanzipation des Menschen verstanden. John Locke zum Beispiel leitet das Ziel der Freiheit aus der Gleichheit ab. Sie erst verbürgt die demokratische Freiheit, zu deren Grundlagen das Recht auf Besitz, vor allem auf Vermehrung des Besitzes gehört. Locke legt die Grundlage für das Streben nach "immer mehr haben wollen", nach einer besseren Zukunft.

Noch in den Gesellschaften der Nachkriegszeit ist man davon überzeugt, dass technologischer Fortschritt nicht nur zum ökonomischen Wachstum beiträgt. Der ökonomische Fortschritt würde zu mehr materieller Gleichheit führen und allen Menschen ein Leben in Wohlstand sichern. Das bedeutet, maximaler Wohlstand als materielle Grundlage des Glücks für alle. Das aber ist ein Trugschluss.
"Das größte Problem mit dem Fortschritt: Auch die Probleme entwickeln sich weiter" – Ernst Frestl

Fortschritt ist immer zweischneidig
Jeder Fortschritt ist zweischneidig. Bereits das traditionelle Fortschrittsdenken geht von einem fehlenden Naturverständnis aus. Die Natur wird nicht als Mitwelt gedacht, sondern als etwas, was beherrscht werden muss. René Descartes fordert, der Mensch solle zum "Herrn und Besitzer der Natur" werden und Francis Bacon geht sogar noch weiter. Er fordert, die Natur müsse auf die "Folterbank", um ihr ihre Geheimnisse und Gesetze zu entreißen.

Der Glaube an einen uneingeschränkten Fortschritt führt zu den ökologischen Krisen der Gegenwart. Jean Jacques Rousseau stellt fest, dass der Fortschritt in Sitte und Moral dem Fortschritt in Wissenschaft und Technik hinterherhinke. Fortschritt erhöht die Macht des Menschen über die Natur, wie über andere Menschen - zum Guten wie zum Bösen. Max Horkheimer und Theodor Adorno sehen in der Herrschaft des ökonomischen Fortschritts sogar den Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft und ihr Versinken in die Barbarei der Kriege.

Sitte und Moral hinken hinterher
Die Mehrung des Wissens ist nach Karl Popper nur eine Kette von Versuch und Irrtum und ähnelt hier der Evolution der Arten. Naturgesetze oder Theorien sind hypothetisch und werden immer nur vorläufig akzeptiert. Alle Erkenntnis bleibt unvollkommen. Ähnlich sieht es Paul Feyerabend. Der Philosoph ist davon überzeugt, dass der Übergang von der Welt des vorneuzeitlichen Naturdenkens zu der Welt der modernen Wissenschaft kein wirklicher Fortschritt ist. Wir denken nicht besser als frühere Epochen, wir denken nur anders.
"Jetzt ist es der Mensch, der scheitert, weil er mit dem Fortschritt seiner eigenen Zivilisation nicht Schritt halten kann." - José Ortega y Gasset
Das Rad technischer Innovationen und Entwicklungen dreht sich immer schneller. Heutzutage hat Fortschritt mehr mit Quantität als mit Qualität zu tun. Als gesellschaftspolitische Vision scheint er seine Bedeutung verloren zu haben.

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