Slavoj Žižek und Alain Badiou
Ein Streitgespräch
Alain Badiou und Slavoj Žižek über das, was Philosophie leisten kann und soll
Der Mensch will sich, seine Funktion in der Gemeinschaft und die Welt, in der er lebt verstehen. Ein sinnvolles, erfülltes Leben ist das Ziel. Dafür braucht es den so wichtigen Blick auf die Dinge von außen. Und schon immer ist es die Aufgabe der Philosophie gewesen, die Fragen aufzuwerfen, die das Funktionieren der Welt, die wir entworfen haben, im Innersten betreffen. In der Vergangenheit war die Philosophie deshalb hoch angesehen. Was kann und sollte die Philosophie heute leisten?

Die Philosophie muss den Menschen an die grundlegenden Wahlmöglichkeiten seines Denkens erinnern. Žižek und Badiou sind davon überzeugt, dass jede Zeit ihre Schlüsselereignisse hat, die uns Entscheidungen abfordern und neue Perspektiven eröffnen können. Aufgabe der Philosophie ist es, diese Ereignisse herauszufiltern.

Alain Badiou: "Ich denke, in Wirklichkeit ist die Philosophie immer eine Philosophie der Gegenwart. Das heißt, sie muss den heutigen Männern und Frauen in der gegenwärtigen Situation helfen. Und was ich "Das Feurige der Gegenwart“ nenne, ist diese besondere Intensität gewisser Dinge, die uns in der Welt, die wir miteinander teilen, zum Nachdenken und zum schöpferischen Handeln bringt. Ich glaube deshalb, dass die Philosophie nie enden wird, denn 'Das Feurige der Gegenwart' ist immer im Wandel, so dass es für die Philosophie immer von neuem etwas zu sagen gibt."

Slavoj Žižek: "Ein wahrer Philosoph beantwortet keine Fragen, sondern sieht die Welt bereits voller Antworten. Seine Aufgabe ist es, die Fragen zu erfinden, die uns die Welt als Antwort erkennen lassen. Die Welt ist nicht ein Rätsel, für das wir die Antwort noch finden müssen. Antworten gibt es mehr als genug. Fragen sind das wahre Rätsel!"

Ist die Welt also ein Ergebnis, das wir nicht unbedingt verstehen, weil wir die falschen Interpretationsmethoden anwenden? Weil wir standardisierte statt bohrende Fragen stellen, deren Konsequenzen uns wohlmöglich erschrecken könnten? Die Ermunterung der Philosophie an uns ist es, quer zu denken und dem ungewöhnlichen Gedanken eine Chance zu geben.

Slavoj Žižek wird konkreter: "Was den Philosophen ausmacht, ist die Erkenntnis, dass die Fragen, die wir heute stellen, selbst Teil des Problems sind, weil es die falschen Fragen sind. Folgen wir beispielsweise der politischen Theorie, ist eine der entscheidenden Fragen heute, wie wir den Fundamentalismus bekämpfen können. Demokratie gegen Fundamentalismus. Für mich aber wäre die wirkliche Frage, ob wir dies tatsächlich als die Grundlage der Debatte akzeptieren sollten. Ist es wahr, dass wir es einfach mit der Gegenüberstellung von guter Demokratie und bösem Fundamentalismus zu tun haben? Was, wenn wir es mit einem wesentlich komplexeren gesellschaftlichen Prozess zu tun haben, bei dem das gesellschaftliche System unseres globalen Kapitalismus selbst fundamentalistische Phänomene hervorruft?"

Žižek und Badiou hinterfragen gesellschaftliche Spielregeln, verweigern einfache Oppositionen und halten an einem Ideal fest, dass alle Menschen im Blick hat.

Alain Badiou: "Die Philosophie darf sich niemals mit dem geringsten Übel zufrieden geben, sondern muss immer auf der Suche nach dem Guten sein! Das ist schon eine alte Idee von Platon. Und das Gute ist selbstverständlich das maximal Beste für das Leben aller Menschen. Der liberale Kapitalismus aber kann das nicht versprechen. Die heutige Hölle ist nicht mehr eine Hölle der Bestrafung oder der Askese, sondern die Hölle des individuellen kleinen Genießens. Wir sind darin völlig gefangen. Unsere einzige Freiheit besteht doch darin, zwischen den unterschiedlichen Produkten, die dieses Genießen ermöglichen, auszuwählen. Ich glaube, es ist diese Art steuerbarer Mensch, die heutzutage ein Individuum definiert. Und ich finde, man kann das wirklich 'Die Leere des Genießens' nennen!"

Alain Badiou und Slavoj Žižek glauben an die unverwechselbare Rolle der Philosophie. Sie kann und will nicht ihre Meinung zu jedem beliebigen Thema äußern. Sie kann uns nicht in Sicherheit wiegen oder uns Rezepte geben, wie ein Arzt einem Kranken. Sie kann jedoch Fragen aufwerfen, gründlicher als alle anderen Disziplinen. Sie kann unser Denken wieder in einen lebendigen Prozess bringen, der uns selbst und die anderen zuweilen auf eine neue Art sehen lässt.

Slavoj Žižek: "Ich bin ein alter Cartesianer und sehe hier die Größe Descartes', der zu Beginn seiner "Abhandlung über die Methode“ so wunderbar beschrieben hat, wie sein Denken mit der Schockiertheit über die eigenartigen Bräuche anderer Menschen begann. Dann aber sagt er: 'Nein, philosophische Weisheit beginnt dort, wo Du anfängst, über Deine eigenen Gewohnheiten zu staunen. Wenn Du erkennst, wie für den Fremden Deine eigenen Sitten verrückt erscheinen können.' Dies bringt zum Ausdruck, wie wichtig es ist, die existierenden Probleme und Dilemmas immer wieder in einem neuen Licht zu sehen. Und genau das ist im Wesentlichen die Aufgabe der Philosophie."

Alain Badiou: "Wenn sich das Denken immer in einem Zustand der Erneuerung befindet, ist die Frage: Worin genau besteht die Arbeit des Denkens? Die Welt besteht ja nicht nur aus Intuitionen und Erkenntnissen. Es gibt die Arbeit des Denkens! Und diese Arbeit, glaube ich, ist immer die Treue gegenüber dem neu Entstehenden."

Sendedaten
"scobel"
immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
Sendung zum Thema
Mehr Wissen über: Nachrichten - aus philosophischer Sicht
Buchtipp
"Philosophie und Aktualität. Ein Streitgespräch"
Alain Badiou, Slavoj Zizek
Passagen Verlag, 2005
ISBN-13: 978-3851656732
Infos
Alain Badiou an der European Graduate School Slavoj Žižek an der European Graduate School
Dezember 2006/akt. 4/2009 / S. Chales de Beaulieu / es