Das Geschäft der Philosophie
Statt uns die Welt verständlich zu machen, gerät sie selbst immer mehr in Erklärungsnöte
"Er bewegt sich in der Nacht, aber eine Fackel geht ihm voraus."

So beschreibt die Enzyklopädie der französischen Aufklärung das Tun des Philosophen. Vorübergehend sieht er die Schatten der Dinge im Licht der Reflexion. Er verschafft sich einen Überblick, um die Welt und uns selbst besser zu verstehen.

"Zu den Sachen selbst"
In der Philosophiegeschichte gibt es beide Ansätze. Die Phänomenologie mit ihrer Forderung "Zu den Sachen selbst" oder auch die analytische Philosophie stehen für die Philosophie als Beschreibung. Wittgenstein zufolge sollte die Philosophie gar "alles lassen, wie es ist“ und sich auf die Analyse von Sprachspielen beschränken. Um sich auszukennen in unserer komplexen Wirklichkeit, sind genaue Beschreibungen dringend nötig. Doch diese werden heute eher von den so genannten exakten Wissenschaften, oder im Hinblick auf die moderne Gesellschaft, auch von der Medientheorie erwartet.

Woher kann also die Philosophie von "den Sachen selbst" wissen? Und in welchem Bereich könnte sie noch etwas ganz Spezifisches beitragen? "Erst mal hat Philosophie mit unseren Gedanken zu tun", sagt Schnädelbach: "Und zwar nicht mit der Wirklichkeit, sondern mit unseren Gedanken über die Wirklichkeit - oder auch den Gedanken, die sich Wissenschaftler, Politiker oder Juristen über die Wirklichkeit machen."

Entmündigung durch die Neurophilosophen
Gedanken beschreiben, das heißt, die sprachlichen Realisierungen von Gedanken beschreiben. Dadurch würde sich die Philosophie auf eine reine Textwissenschaft reduzieren, in der Philosophen Texte interpretieren. "Die Sachen selbst" aber kennen sie primär aus Büchern und die Beschreibung der Wirklichkeit bleibt den Wissenschaften überlassen? "Nein, das kann man so gar nicht sehen", sagt Schnädelbach: "Nehmen wir den großen Streit um die Willensfreiheit. Viele Neurophilosophen meinen, dass sie die Philosophie gewissermaßen entmündigen und sich ihrer Themen bemächtigen können, auf Grund dessen, was sie in den Labors feststellen. So halten sie das Thema Freiheit jetzt für ein allein neurophysiologisches Problem.

Die Philosophen haben kaum eine Möglichkeit das Vorgehen im Labor als richtig oder falsch zu bewerten, aber sie können sich die Deutungen, die bestimmte Neurophysiologen mit ihren Versuchsergebnissen verbunden haben, kritisch vornehmen." Da bestimmten Entscheidungen bestimmte Gehirnströme vorhergehen, gibt es nach Ansicht einzelner Hirnforscher keine Freiheit. Hier sollte die Philosophie dringend eingreifen, vor allem wenn Verantwortungs- und Schuldfähigkeit gleich mitverabschiedet werden sollen. Solche Fragen dürfen nicht den Hirnforschern alleine überlassen werden.

Was für eine Welt wollen wir?
Das Weltgeschehen wird weitgehend von Politik und Wirtschaft bestimmt und die individuelle Lebensbewältigung eher von Esoterik oder Psychotherapie geleitet. Wie also kann die Philosophie zur Lösung aktueller Probleme, zu einer besseren Welt oder einem gelungenen Leben beitragen?

Herbert Schnädelbach sagt: "Als Fach hat die Philosophie die Aufgabe, Menschen zu ermuntern, sich prinzipielle Gedanken zu machen, gerade in Krisensituationen. Betrachten wir zum Beispiel die voranschreitende Globalisierung, an die sich direkt die Frage nach der Bedeutung sozialer Gerechtigkeit im Weltmaßstab anschließt. Was meinen wir eigentlich mit dem Begriff "soziale Gerechtigkeit", welche Konnotationen hat er noch und welche Nebendeutungen. Wir müssen die Frage stellen, was wir eigentlich für eine Welt wollen. Erst wenn wir diese Fragen beantwortet haben, können wir auch den Gerechtigkeitsbegriff entsprechend definieren. Egal ob Philosophieprofessor oder nicht, das ist es, was Philosophierende leisten können."

Bewegung erfordert Orientierung
Veränderung ist Bewegung, und Bewegung erfordert Orientierung: Wo bin ich, wo will ich hin und welche Wege bringen mich dorthin? Die Orientierung im Grundsätzlichen, das ist die Domäne der Philosophie. Sie kann mögliche Wege aufzeigen, aber keine Wegrouten vorgeben. Verläuft hier die Grenze zwischen Beschreibung und Veränderung? "Darin besteht kein Gegensatz", sagt Schnädelbach: "Wenn eine richtige Beschreibung dessen, was der Fall ist, in die Welt kommt, dann hat sich die Welt auch verändert." Eine "richtige" Beschreibung? Gibt es die denn überhaupt? Gibt es nicht nur mehr oder weniger plausible Beschreibungen? Je plausibler, desto größer das Veränderungspotential? Ein klarer Fall für die Philosophie. Und ein Plädoyer für mehr Reflektion in dieser Welt...

Sendedaten
"scobel"
immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
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Info
Herbert Schnädelbach war Professor für Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin und Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie
Dezember 2006/akt. 4/2009 / es