Wissenschaft versus Alltag
Nicht-Wissenschaftler tun sich schwer mit komplexen Erklärungsmodellen
Für Nicht-Wissenschaftler ist der Abstand zwischen wissenschaftlichen Theorien und Alltags-Erfahrungen so groß, dass sie behauptete Tatsachen und Hypothesen, die sie nicht sehen können, auch nicht verstehen können. Die Begrifflichkeit der Wissenschaftler stellt für normale Menschen oft ein Problem dar. Das trifft besonders bei komplexen Erklärungsmodellen zu Materie und zur Entstehung der Welt zu.
Nicht selten nehmen wir dann vor dem Hintergrund unserer kulturellen Erfahrung die theoretischen Konstrukte der Forscher auf und ersetzen sie durch andere. Häufig muss die Religion dafür herhalten. Auch wenn Konstrukte wie Gott ebenfalls nicht richtig greifbar sind, haben sie dennoch den Vorteil, dass sie Ängste mindern und die Menschen beruhigen können. Diese "Übersetzung" spröder wissenschaftlicher Sachverhalte liegt nahe, weil die Geschichten der Wissenschaftler - etwa über die Entstehung der Welt - auf einer sehr komplizierten mathematischen Sprache basieren. Deshalb benutzen wir Begriffe der Wissenschaft und bauen sie in andere Deutungszusammenhänge wie etwa die der Religion ein.

Kunst und Religion greifen das Unbekannte auf
Ist man sich dieser Zusammenhänge und Vereinfachungen erst einmal bewusst, muss die zentrale Frage lauten: Wie weit kann man das, was am CERN erforscht wird, tatsächlich aus dem speziellen Zusammenhang der Wissenschaft herauslösen und in anderen Zusammenhängen - wie etwa der Religion - einbauen? Das menschliche Vorstellungsvermögen wird besonders strapaziert, wenn es um theoretische Konstrukte, wie zum Beispiel Schwarze Löcher, geht. Obwohl bislang noch niemand ein Schwarzes Loch gesehen hat, schaffen Theorien Tatsachen.

Das nutzen häufig auch Künstler, indem sie mit der Angst vor dem Unbekannten spielen. So nimmt der Schriftsteller Dan Brown in einem seiner Romane Tatsachen, die eigentlich theoretische Annahmen sind, und baut sie in eine fiktive Thriller-Geschichte ein, die mit den Ängsten der Menschen spielt. Nicht-Wissenschaftler brauchen den Hintergrund einer Sprache, einer Theorie, um "sehen“ zu können. Theorien sind, wie der Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend gesagt hat, "theoriengetränkt“. Ein theoretisches Gerüst scheint also notwendig zu sein, um nicht auf Bauernfängerei hereinzufallen. Wissenschaftliche Theorien allerdings sind nicht dazu geeignet, dieses Gerüst zu bilden.

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Juni 2008 / Müller