"Fahles Feuer" von Vladimir Nabokov
Ein Rezension von Kerstin Arnold
80 Karteikarten. In "bemerkenswert leserlicher Handschrift" beschrieben, bis auf die letzten vier, die nur eine korrigierte Rohfassung enthalten. Ein Gedicht von 999 Zeilen ist die Hinterlassenschaft John Shades, die seinem Nachbarn in die Hände fällt. Dieser schwingt sich auf zum Kommentator, besten Freund und einzigen Seelenverwandten des Toten und schießt dabei weit übers Ziel hinaus. Nabokovs vierzehnter Roman gibt sich als kommentierte Werkausgabe, bei der Dichtung und Wahrheit einander vielschichtig überlagern.

Todesgesänge
"Es gab in meiner irren Jugend eine Zeit,
da glaubte ich aus irgendeinem Grunde,abr die Wahrheit übers Weiterleben nach dem Tode
Sei allgemein bekannt: Nur ich allein
Sei unwissend, und mir enthielte ein umfassendes Komplott
Von Büchern und Personen diese Wahrheit vor."

In dem autobiographischen Gedicht "Fahles Feuer", dessen Titel er einem Zitat aus Shakespeares "Timon von Athen" entlehnt, gibt der Poet und Universitätsprofessor John Francis Shade nicht nur in groben Zügen seine Lebensgeschichte wieder. Er verdeutlicht vielmehr seine lebenslange Suche nach Antwort auf die Fragen: Gibt es ein Leben nach dem Tod? Und wenn ja, wie sieht es aus, wie fühlt es sich an?


Gefahr des Kinbotisierens
Den Grund für Shades Tod sieht Charles Kinbote, Nachbar, Kollege und einziger Zeuge des Mordes an dem großen Lyriker, in seiner eigenen Person und der tragischen Unfähigkeit des gedungenen Attentäters. Denn in Wahrheit ist Kinbote der ins Exil geflüchtete König Carl der Vielgeliebte von Zembla. Den Täter, dessen Kugel statt seiner den unbedarften Shade trifft und tötet, haben die Revolutionäre seines Heimatlandes auf seine Spur gesetzt. Vielleicht fühlt Kinbote sich auch deshalb gewissermaßen verpflichtet, das Werk Shades zu vollenden, in dem er sein letztes Gedicht herausgibt.



Einladung zu Entdeckungen
Die Gefahr, den Kommentar über den zu kommentierenden Text zu stellen und letzteren dabei nach und nach aus den Augen zu verlieren, war Nabokov beim Verfassen seines Romans "Fahles Feuer" vermutlich noch allgegenwärtig. Erst kurz zuvor hatte er seine zehnjährige Arbeit an einer kommentierten Ausgabe von Alexander Puschkins "Eugen Onegin" abgeschlossen. Vor diesem Hintergrund erscheint "Fahles Feuer" mit seinem fiktiven Editionsgerüst aus Vorwort, Anmerkungen und Register im Zusammenspiel mit darin getroffenen, vollkommen selbstgefälligen wie selbstbezogenen Aussagen des Kommentators als Karikatur der Editionswissenschaft schlechthin.


Sendedaten
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Info
Vladimir Nabokov
Fahles Feuer
Rowohlt 2007
EUR 28,00
ISBN 3-498-04648-9
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Links
Leben und Werk von Vladimir Nabokov (engl.)
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Mai 2008 / müller