Verarbeitung von Gefühlen
Erkenntnisse aus den Neurowissenschaften unterstützen die Psychoanalyse
Ab der Geburt muss ein Kind seine Fähigkeiten entwickeln. Vor- und besonders frühkindliche Erfahrungen sind die prägendsten Abschnitte in seinem Leben, da am Anfang Reize und Signale der Umwelt noch ohne vorausgehende Erfahrung verarbeitet werden müssen. Mit der sinnlichen Eroberung der Welt reift auch das Gehirn. Dabei sind es vor allem die emotionalen Prozesse, die tiefgreifende Spuren im Seelenleben hinterlassen und späteres Fühlen, Denken und Handeln maßgeblich beeinflussen.

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Fehlen die Strategien dafür, entsteht bedrohlicher Stress und verdrängte Ängste kehren immer wieder zurück, was im Extremfall zu Persönlichkeitsstörungen führen kann. "Angstzustände beruhen darauf, dass unbewusste Anteile in unserem Gehirn, insbesondere die Amygdala, zu aktiv sind, und die bewusste Kontrollinstanz zu schwach, zum Beispiel durch eine traumatische Schädigung", sagt Gerhard Roth vom Institut für Hirnforschung der Universität Bremen: "Therapien können dahingehend wirken, dass sie die zügelnde Instanz im Stirnhirn etwas stärken und damit die Aktivität der Amygdala bremsen."

Mit Ängsten umgehen lernen
Kinder, die den Umgang mit Ängsten und Stresssituationen gelernt haben, sind häufig neugierig und selbstbewusst. Sie verfügen über ein ausgeprägtes Selbstvertrauen, weil sie schon früh Geborgenheit und Sicherheit erfahren haben. Das Belohnungssystem ihres Gehirns sendet befriedigende Glückshormone aus. Aus diesen gefühlten Erfahrungen entwickelt sich unser Bewusstsein. "Die Welt der Emotionen ist bei Säuglingen und Kleinkindern noch undifferenziert. Es ist die große Aufgabe und Leistung der primären Bezugsperson, also der Mutter, in der Interaktion mit dem Säugling, diese Welt zu differenzieren.


Regulierung der Affekte sorgt für ein stabiles Selbst
Und diese steuern die individuelle Wahrnehmung, die ihrerseits das Verhalten prägt. Das bestätigt der Neurowissenschaftler Antonio Damasio: "Die Rolle, die unsere Emotionen und Gefühle bei der Entstehung unseres Selbstsinns spielen, ist sehr wichtig. Der Grund: Ein Gefühl ist die Reaktion auf ein besonderes Ereignis, es ist ein natürlicher Weg, den Zustand unseres Organismus in Beziehung auf das, was immer wir auch wahrnehmen, zu bestimmen. Und wenn das stattfindet, haben wir die Chance, unseren Selbstsinn zu bauen." Das anpassungsfähige und stabile Selbst, erklären Neuro-Psychoanalytiker, entwickelt sich vor allem aus der Regulierung der Affekte. Bei diesem Vorgang wird mit Hilfe von Abwehrmechanismen die innere Struktur ausbalanciert.

"Was die Psychotherapeuten und die Wissenschaftler haben, ist eine naturwissenschaftliche Fundierung dessen, was sie tun. Das war im Mittelalter und zur Neuzeit nicht anders in Bezug auf die Physik. Das war im 18., 19. und 20. Jahrhundert nicht anders mit der Biologie. Und jetzt verstehen wir, auf welchen naturwissenschaftlichen Grundlagen das Psychische beruht." Wenn die Affekt-Theorien Freuds und seine frühkindlichen Studien der Zeit angepasst werden, und die Psychoanalyse offen ist für neuesten Erkenntnisse der Gehirnforschung, dann kann ein neuer Forschungszweig entstehen, der immer mehr die Rätsel des Unbewussten, Vorbewussten und Bewussten entschlüsselt.

Sendedaten
scobel - immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
Die Themen der Sendung
"Das Gehirn auf der Couch"
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Institut für Hirnforschung Universität Bremen Antonio Damasio an der University of Southern California
April 2008 / es