Mit sozialem Gespür - Thema zu "wissen aktuell: Intelligenzbestien"



Meerschweinchen organisieren sich nicht in Schwärmen, haben aber ein sehr ausgeprägtes Sozialverhalten. Die Nager gelten als gutmütig - und das wird oft mit einfältig verwechselt.

Was sie gar nicht gut vertragen ist Einsamkeit, deshalb sollten Meerschweinchen niemals einzeln gehalten werden, sondern mindestens einen Partner, am besten aber eine größere Bezugsgruppe haben.

Der Biologe Norbert Sachser glaubt, dass Mensch und Meerschweinchen vieles gemeinsam haben. Dreißig Jahre seines Lebens widmet der Forscher schon den kleinen Tieren. An der Uni Münster entstand eine Hochburg der Meerschweinchen-Forschung. Dank Sachser ist der Zusammenhang von Umfeld und Verhalten beim Meerschweinchen außerordentlich gut untersucht.

Kein Stress in gewohnter Umgebung
Norbert Sachser beobachtet den "Roten Emil" und andere Tiere. Hunderte Meerschweinchen leben im Auftrag der Forschung zu zweit, in Familien und in Großgruppen. Den Biologen interessieren die sozialen Kontakte der Nager untereinander. Rotschopf Emil lebt friedlich in der Großgruppe A. Sachser versucht zu verstehen, wie die Tiere miteinander kommunizieren. Denn für den Verhaltensforscher sind Meerschweine keineswegs einfältige Hausgenossen.

Der rote Emil lebt in einer Wohngemeinschaft mit drei Dutzend Artgenossen auf nur knapp zehn Quadratmetern. Normalerweise würden sich Männchen einer Art unter diesen Bedingungen attackieren. Aber hier gibt es keinen Stress. Schnuppern, grüßen, abwehren, alles geschieht friedlich. Wie sich ein Tier fühlt, das kann man messen.

Mithilfe eines radioaktiven Markers kann die Konzentration eines Stresshormons aus dem Körper der Tiere bestimmt werden. So blicken die Forscher indirekt, mit Hilfe der Biochemie, in die Seele der kleinen Kreaturen. Würde Emil gestresst leben, hätte er hohe Hormonwerte im Blut. Hormone steuern das soziale Verhalten.

Emils Werte sind normal. In seiner Gruppe A lebt er wohl ohne große Aufregung. In seinem Gehege verhält sich Emil sozial. Alle Tiere respektieren einander ohne Rangkämpfe. Wenn es zu voll wird im Gehege, dann arrangieren sie sich friedlich in kleinen Unter-Gruppen. So vermeiden sie Stress und Kämpfe, sie sparen Energie. Der Rote Emil ist ganz artüblich mit Geschwistern und Eltern aufgewachsen. Und zwar in der Großgruppe A. Die Großgruppe B kennt er allenfalls vom Geräuschpegel her.

Ist soziales Verhalten erlernt?
Norbert Sachser will überprüfen, ob Emil seine soziale Regeln gelernt oder ererbt hat. Emil soll Nachbardorf B kennenlernen. Wie wird er in der Fremde reagieren? Begrüßung hier und dort. Nichts Auffälliges. Emil ist mit vielen Artgenossen aufgewachsen, hat dominante Männchen und abweisende Weibchen kennen gelernt. Auch in der fremden Umgebung hat er keine Probleme, er integriert sich in das bestehende soziale Gefüge und wird akzeptiert. Von Emil haben Norbert Sachser und seine Mitarbeiterin Katja Siegeler nichts anderes erwartet. Denn Emil hat als Jugendlicher die sozialen Regeln im Umgang mit anderen erlernt.

Ist soziales Verhalten wirklich erlernt? Nun der Vergleich. Kalle wuchs mit nur einem Artgenossen auf. Er hat sich nie mit anderen Männchen streiten müssen. Kennt keine anderen Weibchen außer seinem eigenen. Wie wird er sich in unbekannter Umgebung verhalten? Kalle ist nervös, erzeugt Unruhe. Er sendet die falschen Signale aus, wirkt aggressiv auf die Einheimischen. Kalles schlechtes Benehmen hat Folgen: es kommt zum Kampf. Durch die Isolation hat Kalle nie die Regeln gelernt, sich in der Gemeinschaft zu benehmen, er hat das verpasst. Fazit: In der Jugendzeit machen die Meerschweine ihre wichtigsten sozialen Erfahrungen.

Soziales Umfeld formt Charaktere
Vieles muss erlernt werden. Doch einiges wird wohl auch vererbt. So fand Norbert Sachser heraus, dass die Töchter von gestressten Muttertieren besonders häufig aggressives Verhalten zeigen. Emil ist kein Kind einer gestressten Mutter. Der gut sozialisierte rote Emil hat in seiner Großgruppe ein bevorzugtes Weibchen. In ihrer Nähe hält er sich oft und gern auf. Sie ist ihm vertraut.

Was passiert, wenn man Emil isoliert und allein lässt? Die Forscher wollen wissen, wie wichtig Bindungspartner für ein Meerschweinchen sind. Emil ist allein. Sein Herz rast, der Stress steigt. Emil verliert schon nach kurzer Zeit deutlich an Gewicht. Nun organisieren die Forscher ein Rendezvous mit einem fremden Weibchen. Diese Dame kennt Emil, aber nur flüchtig aus der Nachbarschaft. Das Interesse bleibt gering. Kurzes Hallo, das war's. Emils Stresshormone nehmen zu, das zeigen begleitende Blutuntersuchungen.

Was passiert, wenn Emil eine völlig unbekannte Dame präsentiert wird? Auch hier geht der Kontakt über ein flüchtiges Beschnuppern nicht hinaus. Emil hat noch mehr Stress. Doch dann kommt Emils Partnerin an seine Seite. Sein Stresspegel sinkt recht schnell. Ein Happy-End im Versuchstieralltag von Emil. In der Verhaltensbiologie gelten die Meerschweinchen mittlerweile als Modellorganismen für die Analyse sozialer Strukturen.

Die Verhaltensforscher haben den wissenschaftlichen Nachweis erbracht, wie das soziale Umfeld die Charaktere einzelner Tiere innerhalb der gleichen Spezies formt. Und Kinder müssen lernen, dass diese schlauen Sensibelchen kein Spielzeug sind.

10.12.2010  /  hr


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