Kulturgeprägtes Verhalten - Unser Background bestimmt, was uns ekelt

Sendedaten: scobel donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat

Die Fähigkeit Ekel zu empfinden, ist beim Menschen vermutlich schon genetisch angelegt. In den ersten beiden Lebensjahren ist sie aber noch nicht ausgeprägt. Im Gehirn wird die Empfindung von Ekel vor allem da lokalisiert, wo auch andere Emotionen verarbeitet werden.

Manche Forscher sehen ihr Zentrum in der Insula, einem Stück der Hirnrinde, andere orten den Ekel in einem komplexen neuronalen Netzwerk. Frauen ekeln sich stärker als Männer. Wovor sich aber Männer und Frauen ekeln, ist das Resultat der Sozialisation. Um in einer bestimmten Epoche und Kultur zu überleben, muss der Mensch deren Ekelvorstellungen verinnerlichen. In den Großstädten des 18. Jahrhunderts gab es keine Kanalisation. Die Toleranz gegenüber menschlichen Ausscheidungen und Gestank war ungleich größer als heute.

Hygiene machte den sozialen Unterschied
Das änderte sich erst, als die Theorie aufkam, Gerüche könnten Krankheiten übertragen. Hygiene wurde zu einem sozialen Unterscheidungsmerkmal. Wer es sich leisten konnte, erleichterte sich nicht mehr auf offener Straße, und gegen Körpergeruch kamen reichlich Duftstoffe und Puder zum Einsatz. Zwar gab es in den barocken Schlossanlagen gewaltige Brunnen und Fontänen. Aber bis man Wasser zur Körperreinigung einsetzte, sollte es noch eine Weile dauern.

Auch heute ist unser Ekelempfinden an den Standard der Hygiene gebunden. Man könnte vermuten, je keimfreier eine Umgebung, desto vielfältiger der Ekel. Mangels sanitärer Einrichtungen, ist es für den Inder ganz normal, sein Geschäft in aller Öffentlichkeit zu verrichten. Die Reinigung der Latrinen ist den Frauen der untersten Kaste vorbehalten, deshalb heißen sie die Unberührbaren. Überwunden wird der Ekel, wenn man seine Ursache heiligt. Das Baden im Ganges ist eigentlich gesundheitsschädlich. Doch der dreckigste Fluss Indiens ist zugleich der heiligste Fluss der Hindus.

Warnung vor Krankheiten
Ekel erzeugt alles, was potentiell Krankheiten übertragen könnte. Die meisten Ekelgefühle sind deshalb mit Nahrungsmitteln verbunden. Doch das Nahrungsangebot ist in jedem Lebensraum anders und es verändert sich im Austausch der Kulturen. Fast 80 Prozent der Weltbevölkerung ernährt sich über Insekten, darunter vor allem Asiaten. Essgewohnheiten sind der deutlichste Beleg dafür, dass Ekel kulturell geprägt ist. In Papua-Neuguinea züchten die Ureinwohner die Larven des Rüsselkäfers. Im Mark der Sagopalme wachsen sie heran. Die Sagolarven werden roh verspeist oder am Spieß geröstet.

In der Regenzeit finden Jugendliche in Kambodscha einen lukrativen Nebenverdienst, indem sie auf Rattenjagd gehen. Die Tiere leben dann auf den Bäumen und gelten deshalb als sauber. Ihre Beute verkaufen die Jugendlichen an Restaurants. Dort wird das Rattenfleisch mariniert und drei bis fünf Minuten gegrillt. Für die Einheimischen ist das ein ganz normales Gericht. In China stehen Hunde ganz oben auf dem Speiseplan und gelten als Sonntagsessen für die Familie. Damit das Fleisch eine weiche und zarte Konsistenz erhält, werden die Tiere noch vor der Schlachtung auf grausamste Art malträtiert. Die lebendig zu verzehrende Vogelspinne ist eine Spezialität in Thailand. Vor dem Genuss müssen jedoch die Giftzähne beseitigt werden. Dann kann man die Beine essen. Schließlich presst man das Hinterteil aus und belegt damit ein Reisbällchen.

Darf der Mensch einer Kreatur so etwas antun?
Warum sollte eine Wurst appetitlicher sein als eine Vogelspinne? Als Vegetarier entwickelt man schnell Ekelgefühle gegenüber Fleisch. Aber selbst der überzeugte Fleischesser möchte nicht so genau wissen, wie sein Nahrungsmittel hergestellt wird. Zu den größten Ekelpotentialen unserer Kultur zählt die Massentierhaltung. Die Fleischproduzenten setzen deshalb alles daran, ihre Fabriken wie militärische Basen von der Öffentlichkeit abzuschirmen. Dabei wird der physische Ekel vor dem Tierischen an sich und vor der massenhaften Verarbeitung von Körpern und Flüssigkeiten noch verstärkt durch moralische Aspekte.

Wovor wir uns fürchten, ist abhängig von der Sozialisation. Die Bewältigung von Horror und Ekel ist eine Mutprobe für jeden Einzelnen. Kinder und Jugendliche absolvieren sie oft spielerisch in der Geisterbahn oder im Viedeospiel. Für Erwachsene kommt der Ekel zur besten Sendezeit mit dem "Dschungelcamp" ins Wohnzimmer. Was will uns der weltweite Erfolg dieses Formats lehren? Niemand wollte in die Slums der Dritten Welt gehen und dort unter ähnlichen Bedingungen Urlaub machen. Aber in unserem sauberen, politisch korrekten Alltag wird der Griff in die Scheiße scheinbar zum Befreiungsakt. Vielleicht entschädigt uns die tägliche Erniedrigung anderer für die Schikanen im eigenen Berufsleben.

April 2012  /  Kirschey & Hauer / mm


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2013 / 3sat