Basisemotion Ekel - Von Übelkeit und Brechreiz bis hin zur Ohnmacht
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Ekel ist eine Basisemotion, die zu einer starken Abneigung führt, die sich in körperlichen Reaktionen wie Übelkeit, Brechreiz bis hin zur Ohnmacht, äußern kann. Der Literaturwissenschaftler Winfried Menninghaus hat die Wahrnehmung des Ekels umfassend analysiert.
Er sagt: "Ekel ist eine Abwehrreaktion, die sich gewissermaßen mit dem Ekelobjekt gemein macht und dadurch zeigt, nein, das möchte ich nicht. Man vernichtet das ekelhafte Objekt nicht, man vermeidet es, schiebt es zur Seite oder entwickelt affektive Gegenbesetzungen. Meistens gibt es eine klare Grenze zwischen Ekel, Hass und Angst. Das Besondere am Ekel ist die Nähe." Die Fähigkeit zum Ekel ist angeboren. Bereits Kleinstkinder zeigen eine typische Ekelmimik als orale Abwehrreaktion bei saurem oder bitterem Geschmack.
Eine Vermeidungsstrategie, die uns schützt
Charles Darwin sah im Ekel eine evolutionäre Weiterentwicklung des Brechreizes. Evolutionspsychologisch betrachtet ist Ekel eine Vermeidungsstrategie, die die Integrität des Körpers schützen soll. "Die sichersten Auslöserszenarien für Ekel sind immer Körperausscheidungen. Ein Körper der Exkremente produziert, sich entleert, verwundet ist oder verwest. Der verwesende Körper ist vielleicht das Paradigma des Ekelhaften, weil am verwesenden Körper ein Leben am falschen Ort stattfindet", so Winfried Menninghaus.
Bereits im 18. Jahrhundert gelangt der Ekel als notwendige Eingrenzung des Schönen und Reinen in die Philosophie. Der britische Philosoph Colin McGinn erhebt den Ekel gar zum philosophischen Gefühl, das die menschliche Haltung gegenüber der biologischen Welt widerspiegelt. Es ist der immer wiederkehrende Schrecken darüber, dass zum Leben auch der Tod gehört und dass wir als geistige Wesen unserer notwendigen organischen Natur nicht entfliehen können.
Ausgrenzungsmechanismus begann mit der Hygiene
Der moderne Körperekel begann mit der Hygiene. Die Erkenntnis, dass der Grund von Krankheiten unhygienische Zustände und Krankheitserreger waren, manifestierte sich in Ekelreaktionen gegenüber Schleim, Körpergerüchen, Fäulnis, Fäkalien und Parasiten. Das Ideal wurde der antiseptische Raum. Der Körper per se wurde zu einer Gefahr für sich selbst. Ein breites Spektrum von eigentlich harmlosen Dingen ruft heute ein starkes Ekelgefühl hervor. Eine kulturelle Gemeinschaft definiert sich auch über einen gemeinsamen Ekel.
"Die Ekelreaktion wird in allen Kulturen zu verschiedenen Zwecken benutzt. Sie hat eine große Flexibilität darin, etwas als nicht wünschenswert zu stigmatisieren. Letzen Endes steckt im Ekel auch immer eine moralische Norm", so Menninghaus. Im Dritten Reich wurde mit Ekel Propaganda betrieben. Menschen wurden zu Abschaum, Schmeißfliegen, Parasiten oder zu Unberührbaren erklärt. Ekel funktionierte als Ausgrenzungsmechanismus.
Die gefährliche Seite des Gefühls
"Deshalb gibt es am Ekelgefühl auch eine sehr gefährliche Seite. Er kann nämlich die Zusammengehörigkeit von einzelnen Gruppen verstärken, weil sie die gleichen Ekel- und Schönheitsregimes haben. Das kann die Ablehnung, die Abneigung oder Aggression gegen andere Gruppen verstärken. Für die deutsche Geschichte ist das verhängnisvollste Beispiel, dass die Nationalsozialisten die Juden als Ekelmaterien dargestellt haben", so Menninghaus.
Zum Ekel gehört auch der Horror, das Gefühl zwischen Terror und Abscheu, der lähmende Schrecken. Auch das Erstarren aus Angst hatte durchaus einen evolutionären Vorteil. Ekel vor Blut bis zur Ohnmacht und sich tot stellen, konnte in unserer Vergangenheit überleben heißen. Genauso wie die heute als Krankheiten eingestuften Phobien ihren Ursprung in entwicklungsgeschichtlich alten Schutzmechanismen haben. "Ekel und Schrecken gehen viele Verbindungen ein. In vielen Fällen wird Ekel benutzt, um andere Emotionen zu verstärken. Wenn man zum Beispiel eine Hungersnot ganz schrecklich darstellen möchte, kann man beschreiben, dass zum Beispiel die Protagonisten - in der griechischen Tragödie Philoktet - einen Eiterlappen essen", so Menninghaus.
April 2012
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Kirschey & Hauer / mm
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2013 / 3sat