Wie Empathie entsteht - Von der Gefühlsansteckung zur "echten" Emotion
Sendedaten: scobel donnerstags, um 21 Uhr, in 3sat
Die Fähigkeit zur Empathie gehört zur genetischen Grundausstattung des Menschen. Sehr frühe Bindungserfahrungen unterstützen diese Entwicklung. Schließlich kommt noch die Sozialisation durch Schule und Gleichaltrige hinzu. Entscheidend ist jedoch die frühe Kindheit.
Zwischen dem zehnten und zwölften Lebensmonat weinen Kinder, wenn sie andere Kinder weinen hören. Allerdings ist dies kein Ausdruck von Mitgefühl, sondern eine Gefühlsansteckung. Um Empathie zu empfinden, muss sich erst ein eigenes Ich entwickeln. Zwischen 18 Monaten und vier Jahren entwickelt sich die Empathie. In einem Versuch der Entwicklungspsychologin Doris Bischof-Köhler täuscht eine Spielpartnerin Trauer vor, weil ihr ein Teddy kaputt ging. Das Kind spiegelt die plötzliche Emotion und blickt zuerst verunsichert zur Mutter, die sich aber unbeteiligt gibt. Dann folgt ein durch Empathie ausgelöstes prosoziales Verhalten. Das Kind will helfen und bietet als Trost ein anderes Stofftier an. Zu solchem Handeln sind nur Kinder fähig, die sich bereits im Spiegel erkennen.
Der Entwicklung der Empathie folgt die Ausbildung der Identität. Ohne die Spiegelung der Bedürfnisse des anderen im eigenen Ich gibt es keine Empathie und kein soziales Handeln. "Im vierten Lebensjahr kommt eine neue Fähigkeit dazu, die man Theory of Mind nennt. Das bedeutet, dass das Kind ab jetzt über Bewusstseinsvorgänge nachdenken kann. Es ist nun in der Lage, Überlegungen darüber anzustellen, was in anderen vorgeht", so Bischof-Köhler.
Vertrauen und verstehen sind enorm wichtig
Ab dem siebten Lebensjahr entsteht die kontextuelle Empathie. Dabei werden die eigenen Gefühle und die der anderen in einen biografischen Kontext gestellt. Hinzu kommt das Wissen, dass man Gefühle auch verbergen kann. Empathie kann nur dann entstehen, wenn man sich Gefühle auch erlauben kann. Man weiß, dass Stress und Misshandlung in der Kindheit die Entwicklung von Empathie beeinträchtigen. Ob das aber zwangsläufig zu späterer Gewaltbereitschaft führt, ist allerdings nach wie vor umstritten.
Empathisches Verhalten lässt sich auch bei Tieren beobachten. Es hat sich in der Evolution als Bindemittel zwischen Mutter und Kind herausgebildet und ist ein Überlebensmechanismus für den Einzelnen. Zur besonderen Kulturleistung des Menschen gehört es, im Mitleiden auch die eigenen aggressiven Impulse zu bewältigen. Das heißt, Vertrauen zu entwickeln und aktiv zu kooperieren. Der Psychologe und Holocaust-Überlebende Arno Grün interpretiert es so: "Wichtig ist es, unseren eigenen Schmerz und den Schmerz des anderen zu erkennen."
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April 2012
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H. Zander / mm
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