Ändern wir uns! - Ein Versuch, dem Abfallwahnsinn zu entkommen
Sendedaten: "scobel" immer donnerstags um 21 Uhr in 3sat
In der Vorbereitung zur Sendung stellte ich mir immer wieder die Frage: Gibt es in der Natur überhaupt Abfall? Immerhin hat der Mensch ja über Jahrtausende fast überwiegend von erneuerbaren Energien wie der Wasserkraft Gebrauch gemacht. Erste naheliegende Antwort: "Denke an deinen Hund."
"Was macht der Hund?“ Richtig. Ist das Abfall? Zunächst einmal ja. Aber was geschieht damit im Laufe der Zeit? Aus dieser Perspektive gesehen macht die Natur keinen Abfall, sondern kompostiert.
Die Natur lebt von sich selbst - und wir?
Ein Beispiel: In der gesamten Chemie weltweit werden rund 200 Grund- und Zwischenstoffe gewonnen, aus denen rund 8000 kommerzielle Produkte entstehen. Damit meine ich alles, was die chemische Industrie so macht, von den Arztneimitteln über Lacke bis zum Dünger. Für 80 Prozent dieser Produkte, die wir täglich benutzen, ist Erdöl die Basis. Wir verbrennen Öl um zu produzieren und damit ist der Rohstoff unwiederbringlich vernichtet. Ein Lebewesen, dass so handelt, hat ein sehr absehbares Schicksal: Es stirbt aus. Die Natur, die weiter leben will, macht es anders.
Und noch ein Beispiel für den Abfallwahnsinn, den wir täglich veranstalten: Die Industrie kennzeichnet unsere Lebensmitteln mit einem Haltbarkeitsdatum. Diese Zeitangabe ist eine Empfehlung der Industrie, mehr nicht. Empfehlenswert für die Industrie sind natürlich möglichst geringe Haltbarkeitsdaten, damit Sie das Produkt schnell wieder neu kaufen. Anders verhält es sich mit dem Verbrauchsdatum, nach dem Sie sich richten sollten, vor allem bei Fleisch oder Fisch. Überschreitung des Verbrauchsdatums kann oft zu schweren Vergiftungen führen. Was verschimmelt ist, ist toxisch und krebserregend, und sollte auf keinen Fall gegessen werden.
Weg von der Wegwerfmentalität
Viele Verbraucher verwechseln jedoch Mindesthaltbarkeitsdatum und Verbrauchsdatum. Insgesamt 30 Prozent der verpackten Lebensmittel werden bei uns ungeöffnet weggeworfen. Aber auch die Produzenten vernichten: Eine durchschnittliche Bäckerei wirft jeden Tag 10 bis 20 Prozent ihrer Tagesproduktion weg. Jeder von uns schmeißt im Durchschnitt pro Jahr Lebenmittel im Wert von 300 Euro in den Müll. Besonders ausgeprägt ist die Wegwerfmentalität bei den jüngeren Altersgruppen bis 39 und bei Menschen mit höherer Bildung. Wurden in den 1960er Jahren noch rund 40 Prozent der Gehälter für Lebensmittel ausgegeben, sind es heute nur noch 11 Prozent.
Die Frage ist, was der Geiz auf der einen Seite mit der Wegwerfmentalität auf der anderen zu tun hat. Ist das Billige in unseren Augen nicht gut, obwohl wir es kaufen? Laut Befragungen sind 90 Prozent der Verbraucher bereit, ihr Verhalten zu ändern. Das finde ich ganz wunderbar. Dann tun wir es doch einfach. Ändern wir uns! Dabei geht es nicht um den üblichen Appell zum völligen Konsumverzicht, der in der Realität sowieso nicht funktioniert.
Die Tücken der Kosumgesellschaft
Ein letzter wichtiger Aspekt, den ich in der Kolumne erwähnen möchte, ist der mentale Aspekt des Abfalls. In Amerika lautete die Frage nach 9/11 und in den darauf folgenden Kriegen: "Was können wir Normalamerikaner tun?" Die Antwort der Regierung, die zugleich eine Bankenpolitik der billigen Kredite vertrat und damit den Grundstein für die weltweite Wirtschaftskrise legte, lautete ganz offiziell: "Kaufen! Unterstützt die amerikanische Wirtschaft." Wer nicht konsumiert ist unpatriotisch. Mehr noch: Wer nicht mehr konsumiert, ist menschlicher Abfall und wird verstoßen.
Unser Wert ist, wie auch der Soziologe Zygmunt Bauman zeigt, unser Konsumpotential. Längst schon sind wir von einer Produzentengesellschaft zu einer Konsumgesellschaft geworden, in der der Wert eines Menschen an der Neuheit seines Handys oder der Marke seiner Uhr ablesbar geworden ist. Selbst der Sozialstaat unterstüzt, solange es finanzierbar ist, diejenigen, die nicht mehr konsumieren können, immer in der Hoffnung, dass es am Ende wenigstens ein paar von ihnen schaffen, wieder ein wenig zu konsumieren.
Auf der Suche nach Lösungen
Wenn wir auch gewohnt sind, die reale Dimension von Abfall zu betrachten: Wie verhält es sich mit der mentalen Dimension? Politik und Industrie hoffen auf eine technologische Lösung des Problems. Die Optimisten galuben fest daran, dass diese sich schon finden wird. Pessimisten glauben eher, dass es dafür bereits zu spät ist. Die Frage aber ist, ob nicht die Grundprämisse beider Ansätze falsch ist: Kann es für Abfall überhaupt eine technologische Lösung geben? Vielleicht gehört Abfall zur Moderne, zur "Abfallmoderne", wie es mein Studiogast Anselm Wagner formuliert.
Falls Sie sich nun am Ende fragen: Was mache ich denn jetzt? Hier ein paar hilfreiche Tipps in Sachen Lebensmittel. Erstens: besser planen. Nur nach Einkaufszettel kaufen und wenig davon abweichen. Zweitens: Lebensmittel besser aufbewahren und lagern. Drittens: Sonderangebote nur sinnvoll einkaufen. Viertens: Insgesamt weniger kaufen, dann schmeißt man auch weniger weg. Fünftens: Insbesondere beim Ablauf des Mindeshaltbarkeitsdatums vor dem Wegschmeißen erst einmal genau anschauen, riechen und schmecken. Meist sind die Lebensmittel noch essbar.
Januar 2012
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G. Scobel / es
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