Die komplizierte Frage nach dem Leben - Eine Grenze zwischen Natur und Technik ist wichtig

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Bei der Frage, was überhaupt Leben ist, hat man sich auf die drei Kriterien Selbstorganisation, Stoffwechsel und Fortpflanzung einigen können. Tatsächlich aber erfüllen viele materielle Einheiten in der Natur nur Teile dieser Kriterien.

2002 hatte der Virologe Eckard Wimmer ein Polio-Virus im Labor künstlich zusammengebaut. Für viele Forscher aber fallen Viren nicht unter die klassischen Definitionen von Leben, sie erscheinen vielmehr als marodierendes Erbmaterial oder als eine Chemikalie in einem Lebenszyklus. So kann es durchaus sein, dass wir versuchen, eine objektive Grenzziehung zwischen Leben und Nichtleben zu definieren, die es in der Natur überhaupt gar nicht gibt.

Wie aber lässt sich künstliches Leben erkennen, wenn wir nicht genau sagen können, was Leben ist? Vielleicht wird die synthetische Biologie unseren Blickwinkel auf Leben verändern. Sie reduziert Leben auf ein mechanistisches Modell. "Wir haben herausgefunden, dass wir ganz eindeutig durch DNA-Software betriebene Informationsmaschinen sind“, sagt Craig Venter. Vielleicht wird die einst von Aristoteles gezogene Grenze zwischen Natur und Technik endgültig aufgehoben.

Pfuschen wir Gott ins Handwerk?
Die Vorstellung, dass wir Menschen selbst nur Chemie mit einem Lebenszyklus sind, erzeugt Unbehagen. Der Freiburger Philosoph und Medizinethiker Giovanni Maio sagt: "Wir brauchen diese Grenze zwischen Artefaktum und Leben, zwischen Sache und Leben, zwischen Leben und Nichtleben, zwischen Leben und Objekt. Wir müssen genau überlegen, wie wir diese Grenze ziehen. Ich finde die Vorstellung fatal, zu suggerieren, ein Lebewesen sei nichts anderes, als eine Software gesteuerte komplexe Maschine. Das bedeutet eine Entwertung des Lebens."

Dabei haben wir das Leben längst versachlicht, indem wir zur Lebensmittelherstellung Tiere züchten - beziehungsweise produzieren. Auch das Labor ist ein Ort neuer Schöpfung. Deshalb muss sich die synthetische Biologie die Kommentare gefallen lassen, sie würde an der Evolution herumbasteln oder Gott ins Handwerk pfuschen.

Dürfen wir alles tun, was wir tun können?
In der Kulturgeschichte zurück bis zur Antike galt die Vorstellung, aus toter Materie Leben zu erschaffen, nicht als skandalös. Vom alchemistischen Homunkulus in Goethes Faust geht keine Bedrohung aus und bis ins 18. Jahrhundert spekulieren Lehrbücher sogar über die Möglichkeit, aus Rinderkadavern Bienen herzustellen. Erst mit dem Anbruch der Moderne kommen die Dämonen aus dem Labor. Eine Unzahl von Horrorgeschichten fließen in Literatur und später den Film ein. Am Beginn steht Mary Shelleys Roman "Frankenstein“, der die Erschaffung von Leben als Hybris der Wissenschaft mit unkontrollierbaren Folgen zeigt.

"Ich denke, dass die synthetische Biologie in einen reinen Verwertungszusammenhang hineingeraten ist und im Grunde nicht mehr pure Naturwissenschaft ist, sondern eine Wissenschaft, die nur dazu dient, Produkte herzustellen“, sagt Maio. Als weitere Problematik kommt hinzu, dass Craig Venter seine Forschung auf eine philosophische Ebene gehoben hat. Letztendlich werden derartige ethische Diskussionen nur deshalb entfacht, um hochspezialisierte Forschung zu popularisieren, deren wahre Bedeutung allein Spezialisten erahnen können.

November 2011  /  Kirschey & Hauer / mm


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