Nur ein laues Lüftchen von hoher See - Deutschlands Offshore-Pläne verzögern sich
Der Anschluss der Windparks auf hoher See an das Stromnetz durch die Netzgesellschaften verzögert sich und damit auch der Bau der Parks.
Das Ausbauziel bis 2020 sei "auf keinen Fall" mehr erreichbar, sagte im Februar 2012 Hans Bünting, der künftige Chef der Erneuerbare-Energien-Sparte "RWE Innogy". So verzögert sich der Anschluss des Windparks Nordsee Ost vor Helgoland um ein Jahr, weil der Netzanschluss später gelegt wird. Den Schaden schätzt RWE auf 100 Millionen Euro und prüft Schadenersatzforderungen.
Versorger beklagen fehlende Rechtssicherheit
Um weitere Bauentscheidungen treffen zu können, müsse es erst Rechtssicherheit über die Anbindung geben, sagt Bünting. Das gilt vornehmlich für das nächste, dreimal so große Projekt von RWE, einen Windpark nördlich von Juist. Auch beim Versorger Eon ist man sauer. "Die Situation ist katastrophal", sagte der Chef der Sparte Climate & Renewables, Mike Winkel, der "Berliner Zeitung". Eons erster großer deutscher Offshore-Windpark Amrumbank West soll mit 15 Monaten Verspätung angeschlossen werden. Angesichts des unsicheren Netzanschlusses will Eon erst einmal keine neuen Investitionsentscheidungen treffen. Die Netzbetreiber hätten "sich selbst über- und die Probleme unterschätzt", sagt Winkel.
Das weist der Netzbetreiber Tennet, der den Auftrag für den Anschluss der Windparks an der deutschen Küste hat, weit von sich. "Wir haben uns weder überschätzt noch waren wir zu optimistisch", sagt eine Sprecherin. "Die Situation hat sich in den vergangenen eineinhalb Jahren stark verändert. Das konnte niemand voraussehen." Die Zahl der genehmigten Windparks habe sich auf mittlerweile 25 verdreifacht, zudem stünden schon wieder 55 neue Parks zur Genehmigung an. "Das ist eine rasante Beschleunigung, gleichzeitig haben sich aber die Rahmenbedingungen nicht mitentwickelt." Es müssten künftig immer mehr Parks parallel angebunden werden, während Fachkräfte, Material und Geräte sowie die Zeit knapper würden.
Tennet räumt ein, dass es bei zwei von insgesamt neun Anschlussprojekten Verzögerungen gibt, wegen technischer Probleme der Generalunternehmer. Davon sei der Eon-Windpark Amrumbank West aber nicht betroffen. Aus Sorge vor der zukünftigen Entwicklung hat der Netzbetreiber schon an höchster Stelle Alarm geschlagen. Die Sprecherin verweist auf einen Brief an die Bundesregierung vom November, in dem Tennet auf zu befürchtende Engpässe hinwies.
Tennet begrüßt, dass die Bundesregierung eine Arbeitsgruppe "Beschleunigung der Netzanbindung" einberufen hat. Zu konkreten Lösungsvorschlägen hält Tennet sich bedeckt. Gut wäre ein langfristiger Offshore-Ausbauplan, heißt es lediglich. RWE dagegen wünscht sich Klarheit darüber, wer bei Verzögerungen haften soll. Bis Ostern, so die Hoffnung der Beteiligten, sollen erste Vorschläge auf den Tisch kommen.
Offshore-Strategie der Bundesregierung scheitert
Die Pläne der Bundesregierung zum Ausbau der Offshore-Windkraft stehen vor dem Scheitern. "Die Ziele sind unter den derzeitigen Voraussetzungen nicht erreichbar", sagte der Geschäftsführer des Beratungsunternehmens "Trendresearch", Dirk Briese, der neuen Ausgabe des "Handelsblatts". Das unabhängige Beratungsunternehmen, zu dessen Schwerpunkten energiewirtschaftliche Themen zählen, erfasst laufend den Status sämtlicher Offshore-Windkraftprojekte in Nord- und Ostsee und erstellt daraus Prognosen für den Fortgang des Ausbaus. Briese sagte der Zeitung, demnach erwiesen sich "alle bisherigen Prognosen der Branche als zu optimistisch". Im ungünstigsten Fall würden bis 2020 statt der geplanten 10.000 nur 4000 Megawatt installiert.
Ohne eine stark wachsende Stromproduktion in Nord- und Ostsee sind die Ziele der Energiewende nicht erreichbar. Die von der Bundesregierung bis 2020 angestrebten Offshore-Windkraftanlagen mit 10.000 Megawatt stellen nur den ersten Schritt dar. Bis 2030 sollen vor den deutschen Küsten bereits Windräder mit einer Leistung von 25.000 Megawatt installiert sein. Das entspricht der installierten Leistung von 25 großen Kohlekraftwerken.
Dem Bericht zufolge wird der Ausbau der Offshore-Anlagen vor allem durch die hohen Umweltauflagen gebremst. Aus Gründen des Umweltschutzes müssen die Windparks in Deutschland bis zu 100 Kilometer von den Küsten entfernt gebaut werden, dort ist das Meer bis zu 40 Meter tief. Die Gründungsarbeiten seien daher besonders aufwendig, die Kabelverbindungen zum Festland sehr teuer.
Zwei Drittel des Stroms können vom Meer wehen
60 Prozent des Stroms, den die Deutschen verbrauchen, könne man auf hoher See gewinnen, meint der Lübecker Energiewirtschaftler Prof. Olav Hohmeyer. "Wir haben dann immer noch das Doppelte an Fläche zur Verfügung, um weiteren Strom offshore zu gewinnen." Derzeit baut "RWE Innogy" bereits den Windpark Nordsee Ost 30 Kilometer nördlich von Helgoland. Wegen Verzögerungen beim Netzanschluss soll der 295-MW-Park voraussichtlich erst 2013 ans Netz gehen. Geplant war 2012.
Der Energiekonzern RWE hat "grünes Licht" für die erste Baustufe von Deutschlands größtem Offshore-Windpark vor der Insel Juist erhalten. Die Genehmigung vom Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) umfasse den Bau des ersten von drei Teilen des Windparks Innogy Nordsee 1 bis 3, teilte RWE im April 2012 mit. Das erste Baufeld liegt 40 Kilometer vor Juist und ist 34 Quadratkilometer groß. 54 Windanlagen mit je 6 Megawatt Leistung sollen 330 Megawatt Strom erzeugen. Der Gesamtpark soll eine Leistung von fast 1000 Megawatt erreichen und drei Milliarden Euro kosten.
Norddeutsche Länder wollen Windenergie ausbauen
Norddeutschland soll weltweit führender Standort der Windenergieerzeugung und -technologie werden. Darauf verständigten sich die Regierungschefs der fünf norddeutschen Länder Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Bremen in einer gemeinsamen Erklärung. Gegenüber dem Bund seien nachdrücklich Forderungen im Blick auf die Umsetzung der Energiewende und des Netzausbaus formuliert worden, sagte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) als Vorsitzender der Konferenz Norddeutschland.
Der niedersächsische Ministerpräsident David McAllister (CDU) erklärte, Ziel sei "eine sichere, umweltfreundliche, wettbewerbsfähige und preisgünstige Energieversorgung zu gewährleisten". Vor allem die Offshore-Windenergie könne für den Norden "eine Jahrhundertchance" werden, sagte er. Gemeinsam mit dem Bund soll ein "Masterplan Offshore Windenergie" aufgestellt werden. Dabei gehe es um die Netzanbindung ebenso wie um die Weiterentwicklung entsprechender Ausbildungs- und Studiengänge.
Einig sind sich die norddeutschen Länder auch, dass die Bürger frühzeitig beteiligt werden müssen, vor allem bei der Festlegung der Stromtrassen. "Die Energiewende ist eine große Chance für den Norden", sagte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD). Sie werde aber nur mit einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Bund, Ländern und Bürgern gelingen.
Im Blick auf die industriepolitische Komponente der Windenergiebranche vereinbarten die Länder eine frühzeitige Abstimmung ihrer Hafen-, Wirtschafts-, Werften- und Ansiedlungspolitik. Die Genehmigungsbehörden müssten länderübergreifend eng zusammenarbeiten. Hierbei gehe es auch um die gemeinsame Einwerbung von EU-Fördermitteln.
23.05.2012
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dpa, epd / mp
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[3] http://www.3sat.de/nano/technik/153952/index.html (Stromproduktion auf hoher See)
[4] http://www.3sat.de/nano/umwelt/152950/index.html (Stromnetz - Windenergie [...]cht noch Höchstspannung)
[5] http://www.3sat.de/nano/technik/143989/index.html (Offshore-Windpark - Strom aus Windkraft)
[6] http://www.3sat.de/nano/bstuecke/10324/index.html (Ein Mix von Standorten für Windenergieparks)
[7] http://www.3sat.de/nano/technik/141355/index.html (Die Kraft des Windes fließt unter dem Meer)
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