Viele Ärzte setzen auf Scheinmedikamente - Bei kleineren Beschwerden sind Placebos erlaubt
80 bis 90 Prozent der Ärzte in Deutschland setzen regelmäßig Placebos ein, hat Dr. Karin Meissner herausgefunden.
Zum Einsatz kommen die Scheinmedikamente vor allem bei Kopfschmerzen, Übelkeit oder Schlafstörungen. "Ärzte sind häufig damit konfrontiert, dass sie keine spezifische Therapie haben", weiß die Medizinerin. "Dann greift man gerne zu einem Mittel, das nicht 100-prozentig wissenschaftlich nachgewiesen wirkt - er will ja häufig eine Therapie haben." So griffen Ärzte auch wider besseren Wissens bei Virusinfektionen zu Antibiotika, die nur gegen Bakterien wirken.
Nach den Richtlinien der deutschen Bundesärztekammer darf man Placebos verabreichen, "wenn es keine wirksame pharmakologische Behandlung gibt, wenn es um kleine Beschwerden geht und die Patienten ausdrücklich eine Behandlung wünschen." Gebe er jedoch ein Placebo aus "schierem Placebo-Denken" heraus, sei das ein Behandlungsfehler, meint Medizinjuristin Beate Steldinger. "Er macht sich haftbar."
Vertrauen in den Arzt schafft den Placebo-Effekt
"Es wäre besser, die Kranken nicht nur zu therapieren, sondern sich um sie zu kümmern", sagt der Turiner Neurobiologe Fabrizio Benedetti. Dann könnten sie auch störende Nachrichten aus den Medien kompensieren, die das Vertrauen in den Arzt erschüttern: "Vor allem sollten die Ärzte ihre Zuwendung zum Patienten verstärken, mehr Verständigung mit den Patienten suchen und viel mehr zuhören, als das heute üblich ist."
So tragen aus psychologischer Sicht vor allem die Erwartungshaltung eines Patienten als auch der Wunsch nach Besserung zur Wirkung von Therapien bei, schildert der Schmerzforscher Damien Finniss von der Universität Sydney. Den komplexen neurologischen Hintergrund veranschaulichen Studien aus der Schmerzforschung: Erfährt ein Schmerzpatient anfangs Linderung durch ein Opiat und wird das Medikament dann durch ein Placebo ersetzt, so entfaltet dieses seine Wirkung durch körpereigene Opioide. Bekommt der Patient dagegen anfangs ein Schmerzmittel mit anderen Wirkstoffen, so wirkt ein später gegebenes Scheinpräparat über andere Bahnen.
Das zeige, dass der Placebo-Effekt nicht nur in Verbindung mit Scheintherapien auftritt, sondern ständig in der Medizin präsent ist. Dies bestätigt eine Studie an Patienten, die ein - echtes - Medikament entweder computergesteuert über eine Pumpe bekamen oder aber das Mittel in gleicher Dosis von einem Arzt erhielten. Darin half das von dem Mediziner verabreichte Mittel besser. "Man braucht kein Placebo für den Placebo-Effekt", betont Finniss.
"Placebo-Effekte sind Teil der täglichen medizinischen Routine und werden möglicherweise jedes Mal aktiv, wenn sich ein Patient in eine therapeutische Situation begibt." Die dazu beitragenden Faktoren könne man gezielt einsetzen, um den Effekt einer Behandlung zu verstärken, so Finniss. Dagegen warnt er eindringlich davor, Menschen mit Placebo-Pillen zu behandeln. Dies gefährde das Vertrauen des Patienten zum Arzt und bedrohe damit einen zentralen Punkt der Therapie.
Aktualisiert am 03.03.2011
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mp / mj mit Material von dapd und dpa
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Links in diesem Artikel:
[1] http://www.3sat.de/webtv/?110303_placebo_nano.rm (Zum Thema "Placebo-Effek[...]sitätsklinik Tübingen.)
[2] http://www.3sat.de/nano/bstuecke/65381/index.html (Tiefenwirkung im GehirnP[...]rzneien, sagt Paul Enck.)
[3] http://www.3sat.de/nano/glossar/placebo.html (PlaceboAls Placebo bezeich[...]auch nicht wirken sollten.)
[4] http://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736%2809%2961706-2/abstract (Finniss DG[...] 686 - 695)
[5] http://www.3sat.de/nano/news/82561/index.html (Biochemische Wirkung des Placebo-Effekts gefunden)
[6] http://www.3sat.de/nano/news/80410/index.html (Placebo-Medikamente beeinf[...]ssen auch Gefühle positiv)
[7] http://www.3sat.de/nano/news/119615/index.html (Teure Medikamente helfen [...]er als billige Präparate)
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