Das Gehirn trainieren ist Schwerstarbeit - Gedächtnistrainings wirken nur in einem Gebiet
"Gehirnmarathon statt Jogging lautet die Methode", sagt Prof. Ulman Lindenberger vom Max-Planck-Institut (MPI) für Bildungsforschung.
"Sie müssen hart an der Leistungsgrenze jeden Tag mindestens eine halbe Stunde richtig ihr Gehirn fordern." Es sei "klar", dass man bei einer Aufgabe, mit der man sich viel befasst, besser werde, sagt der Wissenschaftler zu Gehirntraining.
Das Gehirn trainiert man für bestimmte Aufgaben
"Wir stärken nicht einen Muskel, der dann für alle möglichen Dinge besser eingesetzt werden kann", sagt Florian Schmiedek vom MPI. "Die Verbesserungen und Veränderungen im Gehirn sind sehr viel spezifischer." Junge Menschen lösen Probleme am Computer zwar etwas schneller. Doch auch Probanden im Alter von mehr als 60 Jahren kommen mit dem Procedere schnell zurecht, haben die Forscher des MPI herausgefunden.
In Wissbegierde und Motivation stehen die älteren Teilnehmer des Versuchs den jüngeren in nichts nach, so Lindenberg: "Technische Hilfs- und Lernmittel spielen gerade im Alter eine besonders günstige Rolle." Er glaubt: "In den nächsten Jahren und Jahrzehnten wird die Technik immer mehr Freund des Alters werden." In einer Langzeitstudie wollen die Wissenschaftler die Lernfähigkeit von alten und jungen Menschen vergleichen. An 100 Tagen sollen 200 Probanden verteilt über ein Jahr zahlreiche Denkaufgaben lösen.
"Jede Erfahrung ist ein Workout für das Gehirn"
Die entscheidende Rolle beim Denken spielten die Verbindungen zwischen den Nervenzellen. Diese Synapsen sorgen für den Informationstransport zwischen den Zellen . Je mehr Nachrichten hin und her rasten, umso leistungsfähiger werde das System, das auch vom Alter nicht außer Kraft gesetzt werde. Gewohntes auf den Kopf stellen sei ein besonders effektives Training für das Gehirn. "Das macht das Denken flexibler, jede neue Erfahrung ist ein Workout für das Gehirn", erklärt Heuser. Die Wahrscheinlichkeit, Demenz zu entwickeln, sei sonst im Alter verdreifacht bis verfünffacht.
Einfache, schnelle Rechen- oder Gedächtnisaufgaben sind ein besseres Training für das Gehirn als intensives Nachdenken oder das Lösen komplexer Probleme, sagt Heuser. Nur Langeweile mag das Gehirn nach ihren Worten nicht. Das sollten sich besonders auch ältere Menschen stets bewusst machen, die fürchteten, der Alterungsprozess setze ihrem Hirn Grenzen. Gehirnzellen sterben der Professorin zufolge tatsächlich von Geburt an ab, daran lässt sich nichts ändern: "Die einzelne Zelle ist aber nicht so wichtig", sagt Heuser.
70-Jährige können ihr Gedächtnis noch verbessern
Seniorinnen können, wenn sie sich neuen Reizen aussetzen, ihre intellektuelle Leistungsfähigkeit verbessern, haben Wissenschaftler der Berliner Charité in ihrer Studie "Berlin bleibt fit" an 260 Frauen zwischen 70 und 92 Jahren über ein halbes Jahr herausgefunden. "Wir können nur dadurch, dass wir geistig und sportlich aktiv sind, die Demenz nicht verhindern, aber doch hinauszögern", sagt Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Berliner Universitätsklinik. "Es ist gerade eine neue Erfahrung, die Anregungspotenzial bietet, die auf das Gehirn stimulierend wirkt und damit die geistige Leistungsfähigkeit fördert", sagt Psychologin Verena Klusmann.
"Aus Tierexperienten, Studien und aus dem Bereich der Neurowissenschaften weiß man, dass unter Stimulation Nervenzellverschaltungen verstärkt werden und mehr Verzweigungen zwischen Nervenzellen entstehen." So könnten Nervenzellen besser kommunizieren, was Denkprozesse beschleunigt."
Belege für Wirkung von Gedächtnistainings fehlen
Wie hilfreich Gedächtnistainings-Programme wie "Gehirnjogging" tatsächlich sind, ist wissenschaftlich umstritten. "Die Hinweise darauf, dass Sudoku-Spielen ganz allgemein das Arbeitsgedächtnis oder die Wahrnehmungsgeschwindigkeit verbessert, sind bislang noch nicht vorhanden", sagt Ulman Lindenberger, Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung. "Das Sudokuspielen führt nur dazu, dass man im Sudokuspielen besser wird." Die Wissenschaft habe festgestellt, dass sich das Gehirn genauso trainieren lasse wie der Körper, erläutert der Washingtoner Altersforscher Andrew Carle. So könnten neue Nervenzellen sprießen und neue Verschaltungen entstehen - sogar verloren Funktionen könnten wiedererlangt werden. Auch der US-amerikanische Neuro-Forscher Shawn Green von der Uni Rochester schreibt den Programmen eine gewisse positive Wirkung zu. So hätten seine Studien ergeben, dass Videospieler ein besseres räumliches Vorstellungsvermögen hätten - was ihnen womöglich Vorteile etwa beim Autofahren verschaffe.
Green ist sich jedoch im Gegensatz zu den Herstellern nicht sicher, ob Video- und Computerspiele geistigen Verfall oder Sehprobleme im Alter tatsächlich verhindern können. Michael Scanlon glaubt das schon. Der frühere Neurowissenschaftler der Uni Stanford ist Mitgründer von "Lumosity", einer Internetseite, auf der Nutzer ihr Gehirn trainieren können.
Die Aufgaben für die meist älteren Nutzer sind breit gestreut, reichen vom klassischen Gedächtnistraining bis hin zu Mathematik, Lesen und Musik. Dem Unternehmen zufolge wird vor allem jener Teil des Gehirns stimuliert, mit dessen Hilfe gespeichertes Wissen im Alltag abgerufen wird. Nintendo-Sprecher Andrew Carle sieht in einer alternden Gesellschaft großes Potenzial für solche Angebote. Viele Senioren wollten "ihr Gedächtnis trainieren und intellektuell aktiv bleiben", sagt er.
Anbietern wie Nintendo und "Lumosity" geht es vor allem darum, die kognitiven Fähigkeiten zu verbessern, etwa die Geschwindigkeit von Denkprozessen und das Erinnerungsvermögen. So wird zum Beispiel schnelles Kopfrechnen gefordert, oder die Nutzer müssen bei einem Videospiel bestimmte Hindernisse im Gedächtnis behalten. In Scanlons Augen bieten solche Spiele eine perfekte Ergänzung zu anderen Aktivitäten wie Kreuzworträtseln, die wiederum einen positiven Einfluss auf das Sprachvermögen hätten.
Auf das Hörvermögen konzentriert sich dagegen der US-amerikanische Neurowissenschaftler Prof. Michael Merzenich: "Die vom Ohr wahrgenommenen Informationen werden in einem älteren Gehirn viel unklarer und langsamer verarbeitet! Und entsprechend unsauber und unpräzise werden sie auch dem Gedächtnis übermittelt." 400 Dollar kostet sein Programm mit sechs Übungen. Für die Wirksamkeit legt er ein bisher unveröffentlichte Studie vor. Mehr als 500 Probanden hätten die Alltagstauglichkeit belegt.
"Da stellt sich die Frage, inwieweit diese Aufgaben auch alltagsrelevant sind", meint Schmiedek vom Berliner MPI. Bei Merkfähigkeitsaufgaben könne das sein. "Aber zu breiten Effekten, dass alle möglichen Anforderungen des Alltags besser bewältigt werden können, ist mir keine wissenschaftliche Evidenz bekannt."
zuletzt aktualisiert am 30.04.2012
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db, mp mit Material von afp, ap und epd
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[9] http://www.3sat.de/nano/bstuecke/117722/index.html (100 Tage Übungen im Kampf gegen die Altersdemenz)
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