Jeanne D'Arc der Ukraine - Wer ist Julia Timoschenko?

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Das Schicksal der inhaftierten ukrainischen Oppositionsführerin Julia Timoschenko schlägt kurz vor der Fußball-EM hohe Wellen. Wer ist diese Frau, die umjubelt und umstritten zugleich ist?

Unermüdlich harren die Anhänger der Oppositionsführerin Julia Timoschenko vor dem Gefängnis in Charkiw aus. Die Polizei sperrt ab, als stünde eine Erstürmung bevor. Aus dem Gefängnis tauchen Fotos von Julia Timoschenko auf, die Misshandlungen durch Gefängniswärter belegen sollen. Die Bilder empören die Welt. Sie zeigen Timoschenko in der Rolle, die sie seit Jahren erfolgreich eingenommen hat: als ukrainische Jeanne D'Arc, die für ihre Ideale kämpft, komme, was wolle - eine Rolle, die Timoschenko, die Ikone der Orangenen Revolution, bewusst gewählt hat.

Machtpoker
Jeden Schritt in ihrer wechselhaften Politkarriere ging Julia Timoschenko berechnend und mit hohem Risiko. Rückschläge steckte sie bisher immer weg. Doch nach der verlorenen Präsidentschaftswahl 2010 ahnte sie vielleicht, dass diese Niederlage ihr vorläufiges politisches Ende besiegelt. Sie hatte im politischen Machtpoker mit hohem Einsatz gespielt und ihr Blatt überreizt. Denn ihr Erzfeind und Gewinner der Präsidentschaftswahl Viktor Janukowitsch brachte Julia Timoschenko umgehend und unter fadenscheinigen Anschuldigungen vor Gericht.

Kämpferisch blieb Timoschenko. Selbst noch zur Urteilsverkündung im Oktober 2011 prangerte sie die Willkürjustiz an, um dann für sieben Jahre ins Gefängnis nach Charkow zu gehen. Nico Lange von der Konrad-Adenauer-Stiftung in Kiew kennt Timoschenko und auch ihre Feinde seit Jahren und sieht die Oppositionsführerin ernsthaft in Gefahr. "Ich finde es sehr bedenklich, was in Charkow passsiert", sagt er. "Manchmal kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass es tatsächlich darum geht, Frau Timoschenko physisch loszuwerden. Wenn man sieht, wie systematisch sie trotz Krankheit weiter befragt wird, wie ihr Schmerzmittel verweigert werden, wie sie jetzt offenbar misshandelt worden ist in der Gefangenschaft. Es scheint mir wirklich ein sehr persönlicher Hass zu sein, die persönliche Besessenheit, Frau Timoschenko ein für allemal loszuwerden."

Präsidentin mit Kalkül
Julia Timoschenko hatte es 2004 selbst in der Hand, dauerhaft an der Macht zu bleiben und eine demokratische Ukraine aufzubauen. Die Orangene Revolution hatte den damaligen Wahlfälscher Viktor Janukowitsch weggefegt. Viktor Juschenko und Julia Timoschenko, Präsident und Ministerpräsidentin, waren die neuen Hoffnungsträger. Doch sie zerstritten sich. Nach nur einem halben Jahr im Amt entließ der Präsident seine Ministerpräsidentin, er warf ihr Sprunghaftigkeit und schlechte Wirtschaftspolitik vor. Timoschenko war erbost über ihre Entlassung und zeigte, dass sie aus Machtkalkül auch Grundsätze über Bord wirft. Sie brachte die neue Regierung durch ein Misstrauensvotum zu Fall und verbündete sich dafür ausgerecht mit ihrem Todfeind Viktor Janukowitsch. Das war fatal, denn letztlich rückte der dann auf den Posten des Premiers und suchte sogleich den Schulterschluss mit Moskau.

Das ganze Leben von Julia Timoschenko ist ein einziger Machtkampf - gegen Widersacher auf der Straße oder im Kiewer Parlament. So hat Timoschenko seit jeher mächtige Feinde, die immer wieder auch die Justiz gegen sie einspannen. Mehrfach saß sie in Untersuchungshaft, wie 2001 wegen Schmuggels und Urkundenfälschung - Anklagepunkte, die später fallengelassen wurden. Julia Timoschenko war davor eine erfolgreiche Unternehmerin. Noch zu Sowjetzeiten gründete sie einen Videoverleih, verdiente mit teils verbotenen Filmen, auch Pornos, ihre erste Million. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, in den Wirren der 1990er Jahre, baute sie den größten Gaskonzern der Ukraine auf, wurde dadurch Milliardärin und offenbar manchem zu einflussreich.

Die ukrainische Staatsanwaltschaft heute sagt, Timoschenko habe damals zu wenig Steuern gezahlt. "Selbst wenn an diesen Vorwürfen etwas dran ist, dann ist das ein sehr selektives Vorgehen", sagt Nico Lange. "Das betrifft so ziemlich alle politischen und wirtschaftlichen Eliten der Ukraine, auch diejenigen, die jetzt in der Regierung sind. Es macht wieder den Eindruck, dass es sich um ein selektives und politisch abhängiges Verfahren handelt, das einzig dazu dient, Frau Timoschenko auszuschalten, aber nicht dazu dient, Gerechtigkeit zu finden." Auf Gerechtigkeit darf Julia Timoschenko in der heutigen Ukraine nicht hoffen. Von Rechtsstaatlichkeit ist das Land weit entfernt. Daran ist sie aber auch selbst mit schuld. Denn das politische Chaos, das auf die Orangene Revolution folgte, nahm Julia Timoschenko billigend in Kauf. Ihr war wichtiger, dass ihre Karriere weiterging - irgendwie.

04.05.2012  /  Joachim Bartz ("Auslandsjournal", ZDF) / tm/se


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