Der Goldesel
Sendedaten: makro "Der britische Patient" Freitag, 29. Juni 2012, 21.00 Uhr Wiederholung Sonntag, 6.15 Uhr
Die Finanzmetropole an der Themse spürt die Krise und mit ihr das ganze Königreich. Am Wohl und Wehe des Finanzsektors hängt die gesamte Wirtschaft. Doch seit der Talfahrt haben fast 100.000 ihren Job verloren.
In den Nobelrestaurants bleiben viele Plätze leer. Früher wurden hier millionenschwere Deals bei Hummer und Kaviar verabredet und mit sündhaft teurem Champagner begossen. Das Geld sitzt jetzt nicht mehr so locker in Londons City. Die Party ist aus.
Satte 20 Prozent aller Bankgeschäfte weltweit wickelt London ab. Mit Hightech und Highspeed. Das Turbosystem sei längst unbeherrschbar und der Anstand auf der Strecke geblieben, werfen Kritiker der Finanzwelt vor: Im Herbst 2011 belagerten Occupy-Aktivisten Londons Finanzzentrum. Das schmutzige Zockerspiel um ungezügelte Bankgewinne und ungenierte Bonuszahlungen gehe unverändert weiter.
In der Kritik stand auch der Chef der Royal Bank of Scotland: Stephen Hester sollte über eine Million Euro extra bekommen. Doch sein Arbeitgeber musste bereits vom Steuerzahler mit Millionenaufwand vor dem Ruin gerettet werden. Nach öffentlichem Entsetzen verzichtete Hester.
Die Kunst der Erpressung
Trotzdem: Premier David Cameron legt sich nicht ernsthaft mit der Finanzwirtschaft an. Keine Finanztransaktionssteuer und nur wenige Gesetzesverschärfungen muss die Branche fürchten. London sei der führende Finanzplatz der Welt, begründet Cameron seine Zurückhaltung. "Der Finanzsektor trägt den Rest der britischen Wirtschaft und im weitesten Sinne auch die Wirtschaft Europas."
Keiner weiß das so genau wie die Branche selbst, sagt der ehemalige Investmentbanker und City-Aussteiger Geraint Anderson: "Immer wenn von strengeren Gesetzen die Rede ist, sagen die Banker und Fondsmanager: Wenn ihr uns stärker reguliert oder besteuert, ziehen wir nach Zürich oder Dubai. Sie setzen der Politik die Pistole auf die Brust. Ihr dürft uns nicht anrühren, sonst hauen wir ab und ihr verliert eure Steuereinnahmen."
Die Politik als Geisel der City? Lockere Regeln und laxe Staatskontrollen in der Vergangenheit haben die Finanzindustrie mächtig gemacht, übermächtig so scheint es.
29.06.2012
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2013 / 3sat