Polens Energieproblem
Sendedaten: makro "Polen/Ukraine" Freitag, 18. Mai 2012, 21.00 Uhr
Bislang wird der Energiebedarf Polens fast vollständig durch Kohle gedeckt. Russisches Gas hingegen ist ein rotes Tuch. Man traut dem Nachbarn nicht. Ein Land auf der Suche nach Alternativen.
Im Mielno könnte das erste polnische Atomkraftwerk stehen. Das Ostseebad ist einer von mehreren möglichen Standorten. Hier gibt es viele Pensionen und Hotels, denn der Ort lebt vom Tourismus. Viele Einwohner sind wie der Hoteleigentümer Waldemar Andrzejweski gegen das Atomkraftwerk: "Rational ist das nicht zu verstehen. Mehr als 90 Prozent der Menschen leben vom Tourismus. Wir alle haben große Befürchtungen, dass bei uns kleiner mehr seinen Urlaub verbringen möchte. Im Schatten von Betonblöcken ist eine richtige Urlaubsatmosphäre nicht möglich", sagt er.
Der Ort liegt nur 100 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. 2020 soll das Atomkraftwerk nach den Plänen der Regierung ans Netz gehen. "Bis 2030 soll der Energiebedarf in Polen um 40 Prozent steigen, will man die Kohle reduzieren, brauche man eine Alternative, deshalb brauchen wir die Kernenergie", erklärt Zbigniew Kubacki aus dem polnischen Wirtschaftsministerium.
Land der Kohle
Auch nach Zarnowiec könnte das AKW kommen. Vor 30 Jahren ist hier schon einmal mit dem Bau eines Kernkraftwerks begonnen worden. Es ist nie fertig geworden. Auf 200 Hektar stehen noch die Ruinen. Die Entscheidung über den Standort wurde jetzt erst einmal vertagt.
Bislang bezieht Polen 90 Prozent der Energie aus Kohle. Kein Land in Europa fördert mehr Kohle als Polen, nirgendwo sonst ist das schwarze Gestein so wichtig. Daher hat das Land auch mit die mieseste Co2-Bilanz des Kontinents. Doch der Duck aus der EU wächst, den Kohlendioxid-Ausstoß zu senken. Bei steigendem Energiebedarf der Wirtschaft muss Polen deshalb auch nach anderen Energiequellen suchen. Erneuerbare Energien wie Windkraft spielen in Polen allerding noch kaum eine Rolle.
Neue Hoffnung Schiefergas
Neben der Atomkraft setzt Polen seine Hoffnungen außerdem auf Schiefergas. Im malerischen nordpolnischen Kaschubien schlummern riesige Gasvorkommen. Die Idylle könnte bald vorbei sein - es herrscht Goldgräberstimmung. Mehrere polnische und internationale Unternehmen haben bereits mit Probebohrungen begonnen. Geschätzte fünf Milliarden Kubikmeter Erdgas könnten im Boden lagern. 320 Mal so viel, wie Polen im Moment verbraucht. Regierungschef Donald Tusk erklärte stolz: "Ich werde den Moment noch erleben, dass Polen beim Gas unabhängig von anderen sein wird. Wir werden dann diejenigen sein, die die Bedingungen diktieren und nicht mehr die anderen."
Polens Traum: Die Unabhängigkeit vom russischem Gas und selbst zum Energieexporteur werden. Doch die Förderung von Schiefergas ist aufwendig und kompliziert. Das Gas sitzt tief unter der Erde in Gesteinsschichten fest. Mit Hilfe einer Lösung aus Wasser, Chemikalien und Sand wird das Gas aus dem Gestein gelöst. Schon jetzt regt sich Protest bei den Bürgern. Sie befürchten Umweltschäden. Doch bis zur industriellen Förderung von Schiefergas wird es ohnehin noch Jahre dauern. Vorerst bleibt die Energiefrage in Polen ungelöst.
18.05.2012
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2013 / 3sat