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© AP Lupe
Die Ameise als Vorbild - seit mehr als 90 Millionen Jahren setzt sie sich durch.
Die Logik des Kollektivs
Die Macht der "Ameisengesellschaft"
Sie sind Agenten einer geheimnisvollen Welt, erbauen Staaten, haben eine perfekte durchorganisierte Arbeitssteilung und kommunizieren effizient. Die Ameise dient dem Menschen als Bild kultureller Orientierung. In seinem Buch "Ameisengesellschaften - eine Faszinationsgeschichte" geht Niels Werber der Frage nach, warum der Mensch Analogien zur Ameisengesellschaft herstellt.
"Das Bild der Ameisengesellschaft hält immer eine Alternative bereitund die wird auch mit Freiheit besetzt", so Werber, "einer Freiheit, die darinbesteht, dass man sich nicht in eine Hierarchie einordnet, das mansich nicht eine zentrale Führung hat." Doch diese Projektionsfläche ist extrem flexibel. Während Voltaire in der Ameisengesellschaft noch eine hervorragende Demokratie erkennt, wird der Vergleich im Nationalsozialismus instrumentalisiert, um den Weg in einen gleichgeschalteten Staat zu legitimieren. Werber nimmt bei seiner Analyse auch den jeweiligen Stand der Entomologie, also der Insektenforschung, ins Visier. Auch die argumentiert oftmals ideologisch.

Der digital vernetzte Schwarm
"Ein Entomologe, der seine Forschung im Dritten Reich betreibt, sieht in den Ameisen ein Vorbild für einen totalen Staat", so Werber. "Er sagt: Der nationalsozialistische Staat muss organisiert werden wie der Ameisenstaat, weil der Einzelne seine Interessen der Gemeinschaft vollkommen unterordnet und bereit ist, für das Reich zum Sterben." Der jeweilige Blick auf die Ameise rechtfertigt Gesellschaftsformen und zeigt uns, welches Selbstverständnis wir haben. Gesellschaftliche Umbrüche verändern diesen Blick. In Zeiten der digitalen Vernetzung dient das Ameisenvolk heute als Vorbild für den Schwarm. Das Kollektiv als Leitprinzip: Bei Amazon empfehlen sogenannte Ameisenalgorithmen dem Konsumenten, was andere vor ihm gekauft haben. Nachahmen, mitmachen, vertraue dem Schwarm - so lautet die Selbstbeschreibung der heutigen Gesellschaft.

Norm statt Freiheit - in Ameisengesellschaften entscheidet eine kleine Elite. Das Kollektiv folgt blind. Filme über Insekten manifestieren zur Zeit schon bei Kindern ein Bild von Gesellschaft, in der das Überleben der Gruppe mehr wert ist als die Freiheit des Einzelnen. "Die affirmative Verwendung des Bildes 'Wir sind so und es ist gut, wir sind wie die Ameisen', dass es ein identifikatorisches Angebot gibt, das findet man in Kinderfilmen wie 'Bugs Life', 'Antz' oder 'Antbully'", sagt Werber. Dieses affirmative Angebot sei "überall in den Kinos, in den Kinderbüchern, zu greifen. "Da könnte man sich skeptisch fragen, was für ein Menschenbild, was für ein Gesellschaftsbild steht hinter diesem affirmativen Angebot."

Welche Rolle spielt Freiheit?
Seit mehr als 90 Millionen Jahren setzt sich die Ameise bereits durch. Ihr Verhalten lässt sich biologisch erklären. Doch gilt das auch für Menschen? Biologische Erklärungen menschlichen Verhaltens sind salonfähig geworden. Der Vergleich zwischen Ameise und Mensch hat diese Entwicklung befördert. So provoziert der Ameisenforscher Edward Wilson mit der These, dass die Evolution vielmehr Gruppen- und nicht Individualverhalten belohne. Doch welche Rolle spielt Freiheit noch, wenn wir den Menschen und die Gesellschaft aus einer derartigen Perspektive betrachten?

"Nicht nur der Einzelne ist determiniert durch seine Gene, seine Verschaltungen", so Werber, "auch die Gesellschaft wird gar nicht voneinzelnen Akteuren gestaltet, sondern die gesamte gesellschaftlicheEntwicklung folgt letztlich, evolutionären Regeln und kann biologischmodelliert werden. Da hat da Freiheit nichts mehr zu suchen. Niels Werber öffnet uns die Augen für die Funktionsweise biologistischer Ideologie. Seine originelle Kulturgeschichte der Ameisengesellschaften liefert einen Vorgeschmack auf eine Zukunft, in der nicht die Freiheit des Individuums, sondern die Logik des Kollektivs unsere Welt formen wird.

Sendedaten
Kulturzeit: montags bis freitags,
um 19.20 Uhr
Buch
© SLupeNiels Werber
"Ameisengesellschaften: Eine Faszinationsgeschichte"
S.Fischer 2013
ISBN-13: 978-3100912121