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Lust auf Schmerz
Über Dominanz und Unterwerfung
Verhaltensweisen, die Dominanz, Unterwerfung und Schmerz zur Steigerung der sexuellen Lust einsetzen, galten lange Zeit als krankhaft und therapiebedürftig. Das ist mittlerweile überholt.
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Ledermasken dienen der "sensorischen Deprivation". Ledermasken dienen der "sensorischen Deprivation".
Das Fesseln beim BDSM-Spiel wird "Bondage" genannt. Das Fesseln beim BDSM-Spiel wird "Bondage" genannt.
Bondage muss gelernt sein – sonst kommt es zu Verletzungen. Bondage muss gelernt sein – sonst kommt es zu Verletzungen.
"Klinik" als Ausstattung eines BDSM-Clubs. "Klinik" als Ausstattung eines BDSM-Clubs.
Fesseln ist Teil des Spiels von Dominanz und Unterwerfung. Fesseln ist Teil des Spiels von Dominanz und Unterwerfung.

Der Sexualforscher Peer Briken vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hat sich erfolgreich dafür eingesetzt, dass der sexuelle Masochismus als Störung aus dem internationalen Diagnoseschlüssel ICD-11, der 2019 von der WHO verabschiedet werden soll, entfernt wurde. Mit Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism (englisch abgekürzt BDSM) beschäftigen sich Wissenschaftler seit über 100 Jahren. Der österreichische Psychiater Richard von Krafft-Ebing klassifiziert 1886 in seiner Psychopathia Sexualis - dem Standardlehrbuch der Sexualpathologie des 19. Jahrhunderts - sexuellen Sadismus und Masochismus als krankhafte Störung.

Versprach der gewaltsame Akt Vorteile?
Heute gilt: Solange niemand darunter leidet oder zu Schaden kommt, liegt keine krankhafte Störung vor. Der Professor für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie Peer Briken und die Psychoanalytikerin Aglaja Stirn beschreiben BDSM als eine normale sexuelle Variante. Aglaja Stirn hat Hinweise darauf gefunden, dass BDSM schon seit Anbeginn der Menschheit praktiziert wird, beispielsweise bei den Römern und später in Flagellationsbordellen. Doch wieso gibt es überhaupt eine Lust auf Schmerz? Und das schließt beides ein: Die Lust, Schmerz zu empfangen oder zuzufügen. Sind Dominanz und Unterwerfung möglicherweise Verhaltensweisen, die wir von unseren tierischen Vorfahren übernommen haben? Manche Tierarten pflegen noch heute brutale Paarungsrituale, so etwa Haie, Katzen oder Meeresschnecken. Stellt sich die Frage, ob in der Evolution der gewaltsame Akt Vorteile versprach?

Schmerz führt zu psychophysiologischen Erregung
Prof. Tillmann Krüger von der Klinik für Psychiatrie der Medizinischen Hochschule Hannover hat für die Lust auf Schmerz eine physiologische Erklärung: „Schmerz führt natürlich zu einer allgemeinen psychophysiologischen Erregung: Die Herzfrequenz steigt, man atmet schneller. Und das ist bis zu einem gewissen Maße auch förderlich für Sexualität.“ Dr. Melanie Büttner, Sexualtherapeutin vom Klinikum rechts der Isar, München, glaubt sogar, SM könne für einige Frauen eine therapeutische Funktion erfüllen, denn beim BDSM-Spiel gelten vorher definierte Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. Allerdings kann BDSM auch gefährlich werden. In der Frankfurter Rechtsmedizin obduziert Pathologie-Professor Marcel Verhoff immer wieder Menschen, die ihren autoerotischen Spielen zum Opfer gefallen sind – ob durch versehentliches Erhängen oder Herzstillstand nach Stromreizen.

Ein Film von Bernd Reufels und Julia Zipfel

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Sexualität und Begehren verändern sich - im Dialog und in Beziehung mit Frauen und Männern, durch Medikamente, durch Pornografie und Cybersex oder auch durch immer perfektere künstliche Gefährtinnen.