Das Medikament Glybera wird aus der Verpackung genommen. © Labo M GmbH
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Glybera ist die erste zugelassene Gentherapie der Welt. Der Preis: eine Million Euro.
Unbezahlbare Pillen
Ein Film von Stephan Arapovic und Johan von Mirbach
Darf man Patienten personalisierte Medizin verweigern und gleichzeitig Kettenraucher kostenlos behandeln? Das deutsche Gesundheitssystem ist das solidarischste der Welt - noch.
Ein Patient ist unheilbar krank. Medikamente können sein Überleben verlängern. Der Preis dafür ist aber unglaublich hoch. Die Diskussion darüber, welche Behandlung zu welchem Preis durchgeführt werden kann, ist längst überfällig.

Eine Monatsration zur Bekämpfung von Leberkrebs beispielsweise kostet 5000 Euro und bringt eine durchschnittliche Lebensverlängerung von knapp drei Monaten. Die Kostenfrage bei Krebsleiden wirft weitere Fragen auf: Was ist mit Lifestyle-Erkrankungen wie Adipositas oder Bluthochdruck? Muss die Gesellschaft deren Behandlung bezahlen? Und Risikosportler? Finanzieren wir das Verletzungsrisiko bei teuren Freizeithobbies mit? Ist das Leben eines 30-jährigen Familienvaters mehr wert als das eines 80-Jährigen, der sein Leben lang in das Gesundheitswesen einbezahlt hat?

Zahlen zum deutschen Gesundheitssystem
Aktuell zahlt jeder Arbeitnehmer im Durchschnitt 15,7 Prozent seines Lohnes oder Gehaltes in das deutsche Gesundheitssystem ein. © Labo M GmbH Aktuell zahlt jeder Arbeitnehmer im Durchschnitt 15,7 Prozent seines Lohnes oder Gehaltes in das deutsche Gesundheitssystem ein.
Laut OECD zählt das deutsche Gesundheitssystem mit 330 Milliarden Euro Ausgaben pro Jahr zu den teuersten der Welt. Und die Kosten steigen - in zehn Jahrenum 40 Prozent. © Labo M GmbH Laut OECD zählt das deutsche Gesundheitssystem mit 330 Milliarden Euro Ausgaben pro Jahr zu den teuersten der Welt. Und die Kosten steigen - in zehn Jahrenum 40 Prozent.
Zuletzt wurden in Deutschland jedes Jahr mehr als 50 Milliarden Euro nur für Medikamente ausgegeben. © Labo M GmbH Zuletzt wurden in Deutschland jedes Jahr mehr als 50 Milliarden Euro nur für Medikamente ausgegeben.

Wie viel ist eine Gesellschaft bereit zu geben?
In England hat die Regierung das Problem ganz pragmatisch gelöst: mit dem QALY-Konzept –- dem Quality Adjusted Life Year. Nach einem Punktesystem wird entschieden, wie hoch die gesundheitliche Lebensqualität und die Lebenserwartung des Patienten sind. Unternehmerisch gesprochen: Eine "Balanced Scorecard" des Lebens. Je höher desto besser. Ein gut verdienender Vater von zwei Kindern würde dann noch behandelt. Wenn man aber schon älter ist oder Vorerkrankungen hat und eine Therapie nur wenig Besserung bringen würde, könnten die Ärzte von einer Behandlung absehen - wie bei einem alten Auto. Kritiker sehen darin eine Diskriminierung von älteren Menschen.

Kann man die Behandlung von Krankheiten von den Kosten abhängig machen? Vielleicht müssen wir das in Zukunft, denn immer mehr Wirkstoffe werden für den Patienten maßgeschneidert. Eine Untersuchung der EU empfahl 2013 allerdings, QALY nicht anzuwenden, da dies kein „wissenschaftlicher Ansatz zur Bewertung und Priorisierung von Medikamenten“ sei und zudem die Punkteberechnung mathematisch fragwürdig sei.

Der Wert des Lebens lässt sich nicht statistisch berechnen
Das Dilemma ist offensichtlich: Für den Patienten zählt die reine Statistik nicht, wenn es ums Überleben geht. Er hofft, dass er derjenige ist, bei dem das Mittel anschlägt, und sei die Chance noch so gering. Für die Allgemeinheit geht es um die Finanzierung aller medizinischen Leistungen. Individuelle, gesamtgesellschaftliche und medizinische Interessen prallen aufeinander. Für die Patienten geht es um Leben und Tod, für die Gesellschaft um bezahlbare Sozialsysteme für alle und für die Mediziner um sinnvolle Behandlungen.

Sendedaten
"Unbezahlbare Pillen" am Donnerstag, 7. September 2017, um 20.15 in 3sat und in der Mediathek.
Teure Medikamente
Zu viel, zu teuer
"Mit 800 Mitteln würden wir gut auskommen, um die Bevölkerung zu versorgen", sagt Dr. Christiane Fischer von der "Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte".
Glossar
Krankenkassenfinanzen in Deutschland
Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) wird im wesentlichen finanziert durch Beiträge von Arbeitnehmern, -gebern und Zuschüsse des Bundes.
Info
In der Schweiz wird anteilig noch mehr für Gesundheit ausgegeben als in Deutschland - laut OECD sind das 12,4 Prozent des Bruttoinlandproduktes. In Deutschland sind es 11,3 Prozent und in Österreich 10,4 Prozent (Stand: 2016).
Gesundheitssysteme im Vergleich
Vorbild Kuba
Deutschlands Gesundheitssystem ist teurer als das des sozialistischen Kuba, denn der Deutsche geht zu oft zum Arzt, sagt Gesundheitsökonom Prof. Reinhard Busse.
Archiv: Interview mit Jens Baas
"Es ist ein Skandal!"
Krankenkassen überzeugen Ärzte, ihre Patienten auf dem Papier kränker zu machen. Und was haben sie davon? "Geld!" - das sagt der Chef der Techniker Krankenkasse selbst. (Interview vom 10. Oktober 2016)
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