Gelbe Tonne © dpa
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In Deutschland entstehen über 200 Kilo Verpackungsmüll pro Jahr.
Müll-Meister Deutschland
Ein Film von Claus U. Eckert
Deutschland hat ein Müll-Problem und ist europäischer Spitzenreiter im Kunststoffverbrauch. Dabei ist es noch nicht lange her, da haben wir der Welt erklärt, wie Mülltrennung funktioniert.
Ein Städter verursacht mehr als doppelt so viel Müll wie jemand, der auf dem Land lebt. Immer mehr Einzelportions- und "To Go"-Verpackungen tragen dazu bei. Und vieles davon wird nicht vernünftig entsorgt, geschweige denn recycelt. Vor allem dort, wo es viel Fast-Food-Gastronomie gibt, fällt reichlich Abfall an, den die Städte und Gemeinden einsammeln müssen. Aber auch das Discounter-Prinzip, nur abgepackte Produkte zu verkaufen, hat mittlerweile in allen Supermärkten Schule gemacht. Durch die wachsende Wegwerfmentalität kommt der Bundesbürger mittlerweile auf 213 Kilo Verpackungsmüll pro Jahr - ein neuer Negativrekord.

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Vorbildliches Ruanda: Papier statt Plastik
Dabei ist konsequente Müllvermeidung gar nicht so schwer. Das ostafrikanische Entwicklungsland Ruanda zeigt, wie einfach das möglich ist. In Ruanda sind seit 2008 Plastiktüten im ganzen Land verboten. Seitdem ist es illegal, Polyethylentüten herzustellen, zu importieren, zu verkaufen oder zu benutzen. Einkäufe werden in Papiertüten transportiert und in den Kühlregalen der Supermärkte gibt es keine abgepackten Lebensmittel. Und es gibt einen kollektiven Putztag in Ruanda: An jedem letzten Samstag des Monats liegt ab sieben Uhr morgens drei Stunden lang der gesamte Straßenverkehr im Land lahm. Dann fegen Ruander mit Reisigbesen die Straßen und sammeln alles auf, was herum liegt. Das Ergebnis: Kein Abfall am Straßenrand, keine wilden Müllkippen, weder in der Hauptstadt Kigali, noch auf dem Land.

Mit dem weltweit schärfsten Gesetz gegen Plastiktüten will Kenia die Verbreitung des umweltschädlichen Materials stoppen. Nach einem am 28. August 2017 in Kraft getretenen Gesetz drohen Herstellern, Verkäufern und sogar Benutzern von Plastiktüten Haftstrafen von bis zu vier Jahren oder Geldbußen von 40.000 Dollar. Umweltministerin Judy Wakhungu schränkte aber ein, dass das zunächst vor allem für Produzenten und Verteiler von Plastiktüten treffen soll. "Normalen Leuten", die Plastiktüten benutzten, würde nichts geschehen, sagte sie. Dem Gesetz zufolge kann die Polizei aber gegen jeden vorgehen, der eine Plastiktüte mit sich trägt. Um die Plastikflut und die verheerenden Umweltfolgen abzumildern, haben bereits rund 40 andere Staaten scharfe Vorschriften gegen den Kunststoff erlassen, neben Ruanda auch China und Frankreich. Sogar die USA, Mutterland des Wegwerf-Konsums, haben längst drakonische Strafen für Müll-Sünder eingeführt. Deutschland tut sich weiter schwer damit, jede Kommune handhabt es unterschiedlich.

Recycling scheint nicht die endgültige Lösung zu sein
Auch das Wiederverwerten des Kunststoffs scheint nicht die Lösung zu sein. In Deutschland tobt mittlerweile ein Preiskampf zwischen großzügig dimensionierten Müllverbrennungsanlagen und dem profitablen Wirtschaftszweig der Recyclingindustrie. Zum Verfeuern eignet sich Plastik aufgrund seines Erdölanteils besonders gut. Das Aufbereiten von Plastik ist dagegen teuer. Kein Wunder, dass das Bewusstsein, verantwortungsvoll mit dem Müll umzugehen, stark abgenommen hat. Obwohl bei der thermischen Kunststoff-Entsorgung giftige Rückstände übrig bleiben, die auf Sonderdeponien endgelagert werden müssen.

"Bio-Plastiktüten", die dem Nutzer das schlechte Gewissen nehmen sollten, mussten 2011 vom deutschen Markt genommen werden, weil sie eben doch nicht vollständig abbaubar waren. Sie wurden aber nach Österreich durchgereicht, wo es sie heute noch gibt, bei Hofer, einem ALDI-Ableger. Einen neuen Versuch mit Bio-basiertem Kunststoff startet ein Start-Up Unternehmen aus Stuttgart: Kaffeekapseln für Espressomaschinen sollen nach dem Gebrauch nicht nur recycelt, sondern in den natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden. Dafür hat die Firmengründerin eine Anlage für eine Million Würmer gebaut und einen jahrtausendalten, natürlichen Prozess industrialisiert.

Die Wissenschaftsdoku fragt, wie aus der Nation, die in den 1970er Jahren als erstes Industrieland die uralte Idee des Recyclings auf Konsummüll übertragen hat, ein solcher Müllverursacher werden konnte und welche Wege vom Müllberg runter führen.

Sendedaten
"Müll-Meister Deutschland" am Donnerstag, 29. Juni 2017, 20.15 Uhr in 3sat und in der Mediathek.
Nach-Lese
Der Sprechertext der Doku zum Nachlesen. (pdf)
Mediathek
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