Ärztin mit Blutkonserve © dpa
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Vor allem Krebspatienten sind auf Blutspenden angewiesen.
Mangelware Blut
Ein Film von Carsten Binsack
Blutkonserven sind knapp, nicht erst seit Skandalen um Blutspenden. Wissenschaftler experimentieren mit Wattwürmern und Stammzellen, um Blut künstlich herzustellen.
Laut Weltgesundheits-Organisation (WHO) werden jährlich 75 Millionen Blutspenden benötigt, für Deutschlands Patienten müssen täglich 18.000 Blutspenden verfügbar sein. Das Lebenselixier ist eine Mangelware. Skandale um verseuchte Blutspenden in Frankreich und Deutschland haben in der Vergangenheit viele Menschen verunsichert. Die Herausforderungen einer alternden Gesellschaft kommen hinzu. Auf lange Sicht werden immer mehr ältere Menschen Transfusionen benötigen - immer weniger junge Blutspender werden dieses Blut liefern können. Wissenschaftler und Ärzte gehen ganz unterschiedliche Wege, um das Problem in den Griff zu bekommen.

Während Mediziner an einer Zürcher Klinik durch das "Patient Blood Management", einem effizienteren Einsatz von Transfusionen, die Anzahl der benötigten Blutkonserven um die Hälfte reduzieren konnten, suchen Forscher wie Franck Zal in der Bretagne nach anderen Ansätzen. Mit seiner Idee, einen Blutersatz aus Wattwürmern zu gewinnen, sorgt der Biologe weltweit für Aufsehen. Das Hämoglobin der Wattwürmer ähnelt zu 95 Prozent dem des Menschen - die Tests an Tieren haben bisher keine Abstoßreaktionen gezeigt, wie das beim Vermischen verschiedener menschlicher Blutgruppen der Fall sein kann. Andere Forscher in England und Deutschland versuchen, Blut aus Stammzellen zu erzeugen oder das Lebenselixier komplett künstlich herzustellen. Auch hier konnten Substanzen bereits erfolgreich auf Mäuse übertragen werden und 2017 stehen erste Tests am Menschen bevor.

Weniger junge Blutspender - mehr ältere Empfänger

Wie viele Menschen spenden Blut?
In Deutschland spenden laut Deutschem Roten Kreuz (DRK) im Schnitt drei Prozent der Bevölkerung Blut. Es könnten aber deutlich mehr sein. Die gesetzlichen Vorgaben erlauben 33 Prozent der Bürger das Blutspenden. Spender müssen 18 Jahre alt sein, nach oben gibt es keine Grenze.

Wie viel Blut wird gespendet?
In den vergangenen Jahren schwankte das Aufkommen an Blutspenden. 2014 wurden in Deutschland 4,3 Millionen Vollblutspenden eingesammelt - etwa so viele wie 2000. Dazwischen gab es Jahre, in denen fast die Fünf-Millionen-Marke erreicht wurde, wie etwa 2010 und 2011.

Wo kann man Blut spenden?
Das Deutsche Rote Kreuz deckt mit seinen Blutspendediensten 70 Prozent des Blutbedarfs in Deutschland ab. Darüber hinaus gibt es auch eine Reihe privater und kommunaler Dienste, die etwa von Kliniken organisiert werden. Unter den Privaten ist die Haema AG eigenen Angaben zufolge der größte Anbieter.

Wann gibt es Engpässe?
Urlaubszeit, Feiertage, extreme Wetterverhältnisse, aber auch Grippewellen, Fußball-Großereignisse oder die Pollensaison können Experten zufolge zu Schwankungen bei der Spendenbereitschaft führen. "Angst, dass man stirbt, weil gerade kein passendes Blutprodukt zur Verfügung steht, muss man jedoch nicht haben", sagt Marion Junghans vom Verband unabhängiger Blutspendedienste (VUBD). Die Notversorgung sei abgesichert. In den vergangenen Jahren sei in Deutschland immer etwa so viel Blut gespendet worden wie benötigt.

Ist die Überalterung der Gesellschaft ein Problem?
Schon jetzt spenden laut DRK immer weniger junge Menschen Blut. Gleichzeitig gibt es immer mehr ältere Empfänger. Diese Entwicklung werde sich in den kommenden Jahren Prognosen zufolge fortsetzen, sagt Kerstin Schweiger, Sprecherin der DRK-Blutspendedienste. Es gehe deshalb darum, weitere Spender zu mobilisieren. Andererseits steige die Lebenserwartung und Vitalität. Dadurch stünden regelmäßige Spender auch länger zur Verfügung, ergänzt Marion Junghans.

Wie wird versucht, drohenden Engpässen entgegenzuwirken?
"In den vergangenen Jahren gab es in der modernen Transfusionsmedizin ein Umdenken", sagt Kerstin Schweiger vom DRK. Die WHO fordere seit einigen Jahren einen bewussteren Einsatz von Blut und Blutprodukten. Europaweit gebe es entsprechende Blut-Managementprogramme. Diese führten zu einem deutlich geringerem Einsatz von Blutprodukten. Auch minimalinvasive Operationen sorgten für einen sparsameren Umgang, ergänzt Marion Junghans vom Verband unabhängiger Blutspendedienste.

Wo wird der Bedarf künftig steigen?
"Mehr Menschen mit bisher seltenen Erkrankungen wie angeborenen Immundefekten werden Zugang zu einer Therapie erhalten", sagt Marion Junghans. Diese zum Teil lebenslang notwendigen Behandlungen basierten auf Medikamenten, die aus Plasma hergestellt werden. Daher steige der Bedarf an Blutplasma. Mit einer höheren Lebenserwartung und sich weiter entwickelnden Diagnostik steige auch die Zahl der Krebspatienten. Sie brauchten schon heute die meisten Blut-Präparate.

Warum ist das Blutspenden so wichtig?
"Derzeit gibt es in der Behandlung von bestimmten Krankheitsbildern keine Alternative zur Gabe von Präparaten aus Spenderblut", sagt Kerstin Schweiger. Auch bei Unfällen, nach denen Patienten schnell große Mengen an Blut verlieren, seien Blutkonserven dringend nötig.

Wofür wird das Blut gebraucht?
Die meisten Produkte aus Spenderblut (19 Prozent) werden für die Behandlung von Krebspatienten verwendet. Für die Therapie von Herz- und Magen-Darm-Erkrankungen werden jeweils etwa 16 Prozent eingesetzt. Zwölf Prozent werden nach Unfällen benötigt. Außerdem sind auch Patienten mit Leber- und Nierenkrankheiten oder Blutarmut sowie Frauen nach Komplikationen bei der Geburt auf Spenden angewiesen.

Was bekommt man für eine Blutspende?
Das Deutsche Rote Kreuz zahlt aus ethischen Gründen keine Aufwandsentschädigung für Vollblutspenden. Der VUBD weist darauf hin, dass Blutprodukte wie alle anderen Arzneimittel gehandelt werden und einen entsprechenden Preis haben. Ein Spender habe ein Recht, seinen Aufwand ersetzt zu bekommen, sagt Sprecherin Junghans. Die Haema AG entschädigt ihre Spender mit Gutscheinen aus dem Einzelhandel. Die Uniklinik Köln vergibt bei der ersten Spende auch Gutscheine und zahlt beim zweiten Mal 25 Euro. Diesen Betrag gibt es auch in der Uniklinik Freiburg, in Göttingen sind es 23 Euro.

Sendedaten
"Mangelware Blut"
(Erstausstrahlung)
Donnerstag, 2. Februar 2017 ab 20.15 Uhr in 3sat
Glossar
Blut
Im Körper eines Erwachsenen zirkulieren fünf bis sechs Liter Blut, was sechs bis acht Prozent des Körpergewichts entspricht. Das Blut übernimmt lebenswichtige Funktionen.
Glossar
Blutgruppen
Blutzellen tragen an ihrer Oberfläche zahlreiche verschiedene Eiweißmoleküle. Sie definieren die Blutgruppen A, B und 0.
Kunstblut statt Transfusion
Blut Marke Eigenbau
Der Dresdener Transfusionsmediziner Torsten Tonn stellt Kunstblut aus Stammzellen her. Die Technik ist für die medizinische Praxis allerdings noch zu teuer.
Nachlese
Der Sprechertext der Doku als PDF