Oberfläche Photoshop © photocase
Viele Bilder bleiben nicht so, wie sie ursprünglich aufgenommen wurden.
Viele Bilder bleiben nicht so, wie sie ursprünglich aufgenommen wurden.
Bearbeitet und inszeniert
Fotojournalismus zwischen Modifikation und Manipulation
Der Fotojournalismus kämpft mit stark bearbeiteten oder sogar inszenierten Fotos - ein Problem bei der Vergabe des "World Press Photo Award".
Ein Maler, umgeben von Aktmodellen. Eine Rohrleitung, über ein Hausdach gelegt. Ein dicker Mann, in einem Sessel versunken. Die Fotoserie solle den Niedergang der belgischen Stadt Charleroi festhalten, die mit der Zunahme von Arbeitslosigkeit, Gewalt und Einwanderung symbolisch für andere europäische Städte stehe, erklärt der Fotograf Giovanni Troilo. Im Jahr 2015 hat er mit der Serie den renommierten "World Press Photo Award" gewonnen. Eigentlich. Tatsächlich aber wurde eines der Gewinnerfotos - das mit dem Künstler - gar nicht in Charleroi, sondern in Molenbeek bei Brüssel aufgenommen. Bei einem anderen Foto hat der Fotograf die Aufnahme mit seinem Cousin inszeniert. Deshalb hat die Jury die Auszeichnung wieder aberkannt. Troilo hat zugegeben, bei der Ortsangabe gelogen zu haben.

Bilder werden auf ihre "Echtheit" geprüft
Fotos, die das Bild einer Krise prägen, sind regelmäßig die Gewinnerfotos des "World Press Photo Awards". 2013 gewann der schwedische Fotojournalist Paul Hansen die Auszeichnung für eine Aufnahme palästinensischer Männer, die zwei Kinderleichen in ihren Armen tragen. Das Licht in der engen Straße fällt auf die Gesichter des Trauerzugs, die Gesichtsausdrücke sind fast unnatürlich verzogen wie in einem Film. Hansen stand wochenlang in der Kritik, weil er das Foto manipuliert haben soll, um die dramatischen Effekte zu erreichen. Erst nach einer unabhängigen Untersuchung stellte "World Press Photo" klar, dass Hansen zwar Helligkeit und Dunkelheit verändert, aber nichts manipuliert habe. Sein Foto sei echt.

© ap Photoshop bietet viele Änderungsmöglichkeiten.
Photoshop bietet viele Änderungsmöglichkeiten.
Der "World Press Photo Award" ist die wichtigste Auszeichnung für Fotojournalismus. Die Jury kämpft immer mehr gegen inszenierte, manipulierte und stark bearbeitete Fotos. Hinter der Diskussion um die Pressefotos des Jahres steht die Frage, wie ehrlich Fotojournalismus in Zeiten von Programmen wie Photoshop ist - und wieviel Bearbeitung dem Journalismus gut tut. 22 Prozent der "World Press Photo"-Finalisten wurden 2015 disqualifiziert, weil sie ihre Beiträge zu stark bearbeitet oder gar manipuliert hatten. Im Jahr zuvor seien es nur acht Prozent gewesen, sagt Lars Boering, der Direktor der Organisation "World Press Photo" in Amsterdam. "Es gibt ganz klar dringenden Bedarf, das Thema weiterzuverfolgen." Es sollen Gespräche mit Fotografen über Standards der Bearbeitung stattfinden.

Integrität des Bildes sollte unbedingt erhalten bleiben
Lutz Fischmann, Geschäftsführer des deutschen Fotojournalisten-Verbandes Freelens, stellt das Thema in einen größeren Zusammenhang. "Der Fotojournalismus hat genauso wenig oder viel ein Ehrlichkeits-Problem wie andere Bereiche der Gesellschaft auch", sagt er. "Seit Erfindung der Fotografie wurden Fotos manipuliert - bis heute." In den vergangenen Jahren seien Manipulationen vermehrt zu beobachten gewesen, räumt Fischmann ein. Dies geschehe teils aus wirtschaftlichem Druck, teils aber auch, weil die Fotografen glaubten, das "Überbild" liefern zu müssen. Bildbearbeitung müsse aber in jedem Fall die Integrität des Bildes als journalistisches Dokument erhalten.

Die Grenzen dessen, was bei der Nachbearbeitung erlaubt ist und wo Manipulation beginnt, sind nicht genau festgelegt. "Vertretbar sind die Änderungen, die schon früher in der Dunkelkammer akzeptiert waren, zum Beispiel die Modifikation der Kontraste, der Farbigkeit und das Beschneiden des Bildes", sagt Lars Bauernschmitt, Professor für Fotojournalismus an der Hochschule Hannover. "Absolut tabu ist das Entfernen oder Hinzufügen von Bildelementen." Bauernschmitt appelliert aber auch an die Redaktionen an, nicht an eigenen Kontrollen zu sparen - egal ob es sich um Bilder oder Texte handelt.