Raum © Pedram Kramer, non fiction society
SendungSendung BildergalerieBildergalerie
Wenn sich Zeugen an den Tathergang erinnern, trügt ihr Gedächtnis erstaunlich häufig.
Das getäuschte Gedächtnis
Falsche Erinnerungen vor Gericht
Erinnerungen können trügen. Psychologen und Kriminologen wissen: Auf Augenzeugen ist wenig Verlass, auch wenn die in bester Absicht handeln.
Doch wovon viele Psychologen und Kriminologen längst überzeugt sind, ist im Justizsystem, bei der Polizei und im Alltag noch neu. Zeugenaussagen anzuzweifeln ist unbeliebt, einige Experten werden als "Täterschützer" kritisiert. Die Befragungstechniken von Ermittlern und die Arbeit von Therapeuten auf die neuen Erkenntnisse einzustellen, ist ein langwieriger Prozess. Doch das Zweifeln am Gedächtnis kann für Justiz und Gesellschaft einen positiven Effekt haben, ist Psychologin Elizabeth Loftus überzeugt: weniger Uschuldige aufgrund falscher Erinnerungen zu verurteilen.

Falsche Erinnerungen, vielleicht der falsche Täter
Elizabeth Loftus schaut in die Wüste vor Irvine © Pedram Kramer, non fiction society Elizabeth Loftus ist immer auf der Suche nach der Wahrheit.
Elizabeth Loftus ist immer auf der Suche nach der Wahrheit.
"Die Erinnerung hinterlässt keinen Abdruck im Gehirn, den man jederzeit wieder abrufen kann - tatsächlich ist das Gedächtnis formbar", sagt Loftus. Vielleicht wurde nach dem Lockerbie-Attentat ein Unschuldiger hinter Gitter gebracht: 1988 explodiert auf einem Flug von London nach New York, direkt über der schottischen Kleinstadt Lockerbie, eine Bombe. Alle 259 Insassen kommen ums Leben, 11 weitere Menschen am Boden sterben. Für das Attentat wird Jahre später ein libyscher Geheimdienstoffizier verurteilt. Die Anklage basierte primär auf den Angaben eines Augenzeugen, der über Jahre hinweg von der Polizei befragt wurde und Fotos von Verdächtigen sah. Schließlich identifizierte er den später Verurteilten.

Doch Psychologen und Kriminologen erklären, dass der Augenzeuge den Verdächtigen bei einer Gegenüberstellung womöglich nur anhand der zuvor gesehenen Fotos wiedererkannte - und diese mit den ursprünglichen Erinnerungen verknüpfte. Falsche Zeugenaussagen haben der Organisation "Innocence Project" zufolge zu 242 der 343 Fehlurteile in den USA beigetragen, die bislang durch DNA-Tests aufgehoben wurden.

Falsche Erinnerungen machen zum Opfer oder zum Täter
© Pedram Kramer, non fiction society
BeitragBeitrag
Julia Shaw forscht zu falschen Geständnissen.
Durch wohlgemeinte Beratungen und Therapien sind seit den 1990er Jahren bei Menschen, die subjektiv überzeugt sind, Opfer von Kindesmisshandlungen zu sein, falsche Erinnerungen entstanden. Diese können einer Person suggeriert werden, denn das Gehirn füllt Lücken, die im Gedächtnis existieren, mit plausibel erscheinenden Erinnerungsstücken.Falsche Erinnerungen können nicht nur die Taten anderer betreffen, wie die Kriminologin Julia Shaw zeigt. In einer Studie konnte sie in mehreren Befragungen Testpersonen Kindheits- oder Jugenderinnerungen an Straftaten einreden. Bei 70 Prozent der Personen war sie erfolgreich.

Sendedaten
"Das getäuschte Gedächtnis" am Donnerstag, 30. März 2017 ab 20.15 Uhr in 3sat und in der Mediathek. (Erstausstrahlung: 22. September 2016)
Glossar
Das Gedächtnis
Bei Erinnerungen an Erlebtes sind im Gehirn zum großen Teil dieselben Areale aktiv wie beim Abspeichern dieser Erlebnisse - so der Sehsinn für visuelle Erinnerungen.
mehr zum Thema