Wie riechen wir? Womit und wieso?
Thema zur Sendung "Der dufte Sinn?"
Wir Menschen atmen etwa 24.000 Mal am Tag ein. Im Gegensatz zum Hörsinn und Sehsinn schläft der Riechsinn nie. Pausenlos saugt unsere Nase Geruchs-Moleküle ein. Die größte Gengruppe des Menschen ist für das Riechen verantwortlich.
Etwa ein Prozent des menschlichen Genoms ist nur dazu da, uns das Riechen zu ermöglichen. Nur so sind wir in der Lage, eine Billion Düfte zu unterscheiden. Wie funktioniert Riechen?

Etwa fünf Prozent leiden an Geruchsblindheit
Jede duftende Substanz sondert Moleküle in die Luft ab. Diese Duft-Moleküle enthalten einen Code, der nur riechend entschlüsselt werden kann. Durch die Nase landet das Duftmolekül auf der Riechschleimhaut, wo sich 350 verschiedene Rezeptoren befinden, die wie komplexe Zahlenschlösser funktionieren. Jeder Rezeptor ist auf ein bestimmtes Duftmolekül spezialisiert. Die meisten Gerüche sind komplexe Kombinationen. Kaffee z.B. enthält etwa 100 verschiedene Düfte. Sie lösen eine ganze Lawine von Reizen aus. Die Sensoren schlagen gleichzeitig Alarm: Das ist der Code. Der Duft ist erkannt.

Riechen und die Bedeutung des Geruchssinns für den Menschen stecken noch voller Rätsel. Erst langsam wird der Einfluss von Geruchsmolekülen auf unseren Organismus deutlich. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung leidet unter Anosmie, der Geruchsblindheit, manche sogar, ohne es zu merken. Je älter Menschen werden, desto häufiger kommen solche Fälle vor. Eine Folge von Geruchsblindheit sind Essstörungen.

Geruchsblinde Menschen können wahrnehmen, ob etwas süß oder sauer, bitter oder scharf ist. Den eigentlichen Geschmack aber erkennen sie nicht mehr. Denn für das, was wir Schmecken nennen, müssen erst Moleküle freigesetzt und von der Nase erkannt werden. Verfolgt man, wohin die Signale aus unserem Riechhirn führen, landet man im ältesten Teil des menschlichen Gehirns. Dort liegt das Geheimnis für die Bedeutung des Riechens.

Warnsystem mit Draht zum Unterbewusstsein
Im Gegensatz zu anderen Sinnessystemen wie dem Sehen oder dem Hören hat das Riechhirn einen direkten Draht in die Bereiche unterhalb unseres Bewusstseins, in das limbische System. Hier entstehen unsere Gefühle. Und hier befindet sich die Festplatte für unsere Erinnerungen. Die elektrischen Impulse aus unserem Riechhirn wecken tief verborgene Erinnerungen und lösen starke Emotionen in uns aus. Nur ein geringer Teil dieser Informationen schafft es bis ins Bewusstsein. Gerüche werden vom Menschen vor allem als Veränderung von Emotionen wahrgenommen. Gefühle, die sich unterhalb des Bewusstseins abspielen können.

Vor allem Gerüche, die wir während unserer Kindheit wahrnehmen, verbinden sich für immer mit Erinnerungen und Gefühlen. Noch Jahrzehnte später kann, sobald das Gehirn einen Geruch dekodiert hat, eine Erinnerung wachgerufen werden oder ein Gefühl entstehen, das aus unserer Kindheit stammt.

Wir Menschen geben uns normalerweise große Mühe, um schlechte Gerüche aus unserer Welt fernzuhalten. Aber welche Botschaften stecken in Fäulnis und Gestank? Es ist der Geschmack von Gift. Unsere Reaktion auf bitteren Geschmack und die Reaktion auf unangenehme Gerüche haben denselben evolutionären Hintergrund: Beides warnt uns vor Gefahr.

Sendedaten
11.08.2016, 20.15 Uhr

Erstsendung: 24.09.2015
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