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Das Ende des Zufalls
Die Macht der Algorithmen
Wer wird der nächste Fußballweltmeister? Wann kommt die nächste Finanzkrise? Wo passiert die nächste Revolution? Mathematiker und IT- Spezialisten können die Zukunft aus gigantischen Datenmengen lesen.
Beinahe alles wird erfasst und gespeichert. Im Jahr 2013 wurden so viele Daten produziert wie in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor: knapp viereinhalb Milliarden Terrabyte. Jeden Tag kommen seitdem weitere 2,5 Millionen Terrabyte hinzu. Über unsere Smartphones erzeugen wir laufend Daten über uns und unsere Umwelt. Sensoren und Kameras messen in Smartphones, Fahrzeugen und Computern wo wir gerade sind und was wir machen.

An Big Data sind viele interessiert
Wissenschaftler analysieren diese Datenmengen gezielt, um aus der Vergangenheit die Zukunft zu berechnen. Predictive Analytics - vorausschauende Analyse - nennen sie ihr Fachgebiet. Es gibt inzwischen Programme, die vorhersagen wie wir wahrscheinlich handeln und welche Vorlieben wir haben. Und: An diesem Wissen sind viele interessiert. Denn: Je präziser die Algorithmen werden, desto eher lassen sich Gewinne maximieren, Risiken minimieren, Epidemien vermeiden, Sicherheit gewährleisten und Konflikte voraussagen. Oder nicht? Welchen Preis muss eine von Algorithmen gesteuerte Gesellschaft zahlen? Der Traum einer vollständig berechenbaren Zukunft, in der es keine Katastrophen, Kriege und Epidemien gibt, könnte leicht umschlagen in den Alptraum eines allwissenden Überwachungsstaates.

In den USA, in Santa Cruz, hofft die Polizei, Verbrechen zu bekämpfen, bevor sie überhaupt begangen werden. Seit Juli 2011 verwenden die Polizisten dort ein Computerprogramm namens "PredPol" - was für Predictive Policing steht. Es soll die Zeit und den Ort zukünftiger Verbrechen voraussagen können. Nicht der Polizeichef entscheidet, wo Streife gefahren wird, sondern ein Computerprogramm. Die Algorithmen benutzen Daten von Verbrechen der Vergangenheit und werden mit den Statistiken der letzten Jahre gefüttert. Auf dieser Grundlage entwickelt das Programm täglich neue Vorhersagen. So erfahren die Polizisten, wann sie wo Streife zu gehen haben.

Von allen Daten-Konzernen beobachtet uns niemand genauer als Google. Der Konzern hat als erstes Unternehmen Internetdaten systematisch gesammelt und analysiert. Seit der Firmengründung 1998 speichert Google alle Suchanfragen. Die Algorithmen und Analyseverfahren der Kalifornier gelten als die besten weltweit. Google zählt beispielsweise die Häufigkeit bestimmter Suchbegriffe und gibt ähnlich einer Wettervorhersage Prognosen darüber ab, wann und wo eine Grippe-Epidemie droht.

Im Dienste der Gesundheit - aber wessen?
Eine Forschungsgruppe an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich will verheerende Epidemien künftig schon im Keim ersticken - indem sie Prognosen darüber macht, wo und wann bei einer Epidemie die nächsten Krankheitsfälle auftreten werden. Früher bewegten sich Infizierte viel langsamer von Ort zu Ort als heute. Dadurch ergaben sich gleichmäßig ringförmige und wellenartige Ausbreitungsmuster von Epidemien. Wenn man sich aber die heutigen Ausbreitungsmuster von Krankheiten ansieht, dann sieht das ziemlich chaotisch aus. Das liegt daran, dass Krankheiten heute vor allem durch Flugpassagiere verbreitet werden. So ergibt sich ein weltumspannendes Netz von Städten, die durch den Flugverkehr eng zusammenrücken. Die Züricher Forschungsgruppe nennt diese neue Art der Messung von Entfernung effektive Distanz. So ist zum Beispiel die Entfernung zwischen Vielflieger-Städten wie Frankfurt und New York effektiv kleiner als die, zwischen Frankfurt und Stuttgart. Ein Algorithmus analysiert die Ausbreitungsmuster aus der Perspektive einzelner Flughäfen - und das scheinbare Chaos zeigt auf einmal eine erstaunliche Regelmäßigkeit.

Predictive Analytics ist inzwischen Big Business. Das Unternehmen Kaggle ist eine Online-Plattform, auf der Unternehmen wie Google, Microsoft und die NASA Wettbewerbe ausschreiben. Programmierer aus der ganzen Welt wetteifern dann um den besten Algorithmus. Wenn ein Pharmaunternehmen zum Beispiel wissen will, welche Menschen Diabetes-gefährdet sind, schreibt es auf Kaggle einen Wettbewerb aus. Dabei stellt es den Programmierern anonymisierte Rohdaten von Patienten zur Verfügung, die bereits Diabetes haben. Die Programmierer entwickeln Algorithmen, die erkennen, wie das typische Muster eines Diabetikers aussieht. Dann suchen die Programme bei anderen Menschen nach dem gleichen Muster und berechnen, wie wahrscheinlich diese Personen an Diabetes erkranken werden.

Wissenswertes für Unternehmen, Regierungen und Geheimdienste
In Boston gibt es eine Firma, die glaubt, Vorhersagen nicht nur für Einzelpersonen machen zu können, sondern gleich für ganze Staaten. Der Boston Globe nannte das Unternehmen bereits den "Nostradamus des digitalen Zeitalters". Zu den Investoren zählen Google und die CIA. Das Unternehmen "Recorded Future" behauptet, auf der Basis aller im Internet frei verfügbaren Daten unter anderem Vorhersagen über Unruhen, Kriege und Revolutionen machen zu können. Das Unternehmen nimmt für sich in Anspruch, die Entmachtung des ägyptischen Präsidenten Mursi im Sommer 2013 vorhergesehen zu haben. Recorded Future analysiert täglich im Internet Millionen von Dokumenten in 7 Sprachen. Texte, Videos und Audio-Dateien werden nach bestimmten Schlagworten durchforstet. Und die Prognosen werden an jeden verkauft, der sich nicht von der Zukunft überraschen lassen will. Unternehmen, Regierungen und Geheimdienste zählen zu den Kunden.

Die Digitalisierung der Welt eröffnet immer neue Möglichkeiten. Ein Ende ist nicht absehbar. Die Risiken und Nebenwirkungen trägt der Mensch.

Sendedaten
19.02.2015, 20.15 Uhr
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